Vogel-Webcam: Peepshow im Storchennest - DER SPIEGEL
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Vogel-Webcam Peepshow im Storchennest

Im Internet-Horst haben Storch und Störchin sich gefunden. Die Paarungszeit ist heftig, die Aufzucht der Brut erfordert den ganzen Sommer. Per Internet-Kamera ist die Welt dabei.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Auftakt der diesjährigen Storchen-Saison beurteilen Naturschützer als viel versprechend. Dank bester Wetter- und Flugbedingungen sind bislang außergewöhnlich viele Vögel aus ihren Überwinterungsgebieten zurückgekehrt. "Wir haben schon 18 Paare, sonst sind es um diese Zeit fünf bis sechs", sagt Artur Labrenz vom Europäischen Storchendorf Rühstädt in Brandenburg. In sechs Nestern werde schon gebrütet, zwei weitere Störche seien noch auf Partnersuche. Brandenburg gilt vor Mecklenburg-Vorpommern als storchenreichstes Bundesland. Experten schätzen die Zahl der Brutpaare im gesamten Bundesgebiet auf rund 3500.

Wer mag, kann das Leben der stelzenbeinigen Vögel im Internet verfolgen. Zahlreiche Webcams zeigen das Liebes- und Familienleben des Federviehs, bewegte Bilder und sogar Live-Tonübertragung gibt es etwa im Online-Horst des Weißstorch-Informationszentrums  im Brandenburgischem Vetschau.

Dort gab es noch bis vor einer Woche eher langweilige Bilder. Ein Storch hütete allein den Horst und verschwand täglich nur für ein paar Stunden zur Futtersuche. Schwung kam erst in die Internet-Show, als eine Störchin vor einigen Tagen auf der zwölf Meter vom Horst entfernten Webcam landete und nicht nur das Bild ordentlich wackeln ließ.

"Das Weibchen muss gerade aus Afrika zurückgekehrt sein, wie man an den noch gekalkten Beinen erkennt", erklärt Windfied Böhmer vom Naturschutzbund Deutschland. Das Beinkleid der Storchendame ist kein Modetrick, um die Männerwelt zu beeindrucken: Vielmehr "benetzen Störche sich bei hohen Temperaturen wie in Afrika die Beine mit ihrem hellen Kot, um eine Überhitzung zu verhindern", erläutert Böhmer.

Ohne lange Umschweife legten die frisch Verbandelten ihre Köpfe auf den Rücken und besiegelten ihren Bund mit lautem Geklapper. "Bereits kurze Zeit später kam es zu ersten Paarungen", sagt Böhmer - "in der storchentypischen Normalstellung." Ein trockener Begriff für den diffizilen Balanceakt, der dem aufsitzenden Storchenmann heftiges Flügelschlagen abverlangt.

Die Paarungszeit trägt ihren Namen zu Recht, denn während der rund zehn Tage tun die Störche kaum etwas anderes als sich zu paaren: Bis zu achtmal pro Tag arbeiten die Vögel an ihrer Vermehrung. Bei dieser Frequenz können sich die Vogelpaare kein langwieriges Storchen-Kamasutra leisten. "Nach kaum zwei Minuten ist alles passiert", sagt eine Mitarbeiterin des Vetschauer Informationszentrums. Eine eher großzügige Schätzung, wie die hektische Erotik der beiden aktuellen Web-Störche beweist.

Quickie oder nicht - das erste Ei legt die Störchin jedenfalls zwei Tage nach der Paarungsphase, im Abstand von je zwei Tagen folgen weitere. Ein typisches Gelege hat drei bis fünf Eier, und nach 33 Tagen schlüpft die Brut. Rund zwei Monate wird der Nachwuchs durchgefüttert.

Was halten die Störche von Treue? "Die Tiere sind viel menschlicher als man denkt", erklärt Naturschützer Böhmer. "Ihre Partnertreue ist nicht sonderlich ausgeprägt. Störche sind eher ihrem Horst treu". Die Vorliebe für das traute Heim kann dabei zu erbitterten Horstkämpfen führen. Der Sieger bekommt nicht nur das Nest, oft schlägt sich auch der Partner des unterlegenen Storches auf seine Seite. Bereits vorhandenen Eiern oder Jungvögeln droht dann der Rauswurf.