Vormenschen: Für "Rudolf" wird es eng - DER SPIEGEL
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Vormenschen Für "Rudolf" wird es eng

Ein spektakulärer Fossilienfund in Tansania lässt den Stammbaum der Menschen in neuem Licht erscheinen. Womöglich gehören bislang in verschiedene Schubladen gesteckte Vorfahren einer einzigen Gattung an.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Fund ist gut 1,8 Millionen Jahre alt, und er dürfte die ohnehin diskutierfreudige Anthropologenzunft lange Zeit beschäftigen: Im Osten Afrikas ist ein Team um Robert Blumenschine von der Rutgers University in New Jersey auf den überraschend gut erhaltenen Kieferknochen eines Hominiden gestoßen - komplett mit allen Zähnen und Teilen des Gesichts.

Neben den sterblichen Überresten entdeckten die Forscher primitive Steinwerkzeuge und Tierknochen, die Spuren menschlicher Behandlung aufwiesen. Für den Anthropologen Blumenschine gehören die Fossilien zu den fünf am besten erhaltenen Funden, die mit den ersten Vertretern der menschlichen Gattung in Verbindung gebracht werden.

Die Knochen, die jetzt ausführlich im US-Wissenschaftsmagazin "Science" beschrieben werden, wurden bereits 1995 ausgegraben - an traditionsreicher Stelle. Die Olduvai-Schlucht im Norden Tansanias gilt, spätestens seit der dortigen Entdeckung der ersten menschlichen Fossilien im Jahr 1959, als eine der Wiegen der Menschheit.

Auch die jetzige Entdeckung könnte die Forschung wieder einen großen Schritt voran bringen. "Wir sind auf einen wichtigen menschlichen Vorfahren gestoßen, der aus einer entscheidenden Periode der Geschichte stammt", sagt Blumenschine. Vor 1,8 Millionen Jahren, als der jetzt entdeckte Hominide lebte, tauchten auch die ersten Steinwerkzeuge auf. Gleichzeitig begannen die Vormenschen, deren Gehirne sich zu dieser Zeit stark vergrößerten, größere Tiere zu jagen.

Nicht nur die Jagd dürfte den Alltag der neu entdeckten Hominiden bestimmt haben. Abhängig von der Jahreszeit sind sie offensichtlich auch weit herumgewandert, möglicherweise haben sie sogar ein Basislager errichtet.

Nach Ansicht der Forscher stellt der neue Fund ein bedeutendes anatomisches Bindeglied zwischen zwei bereits bekannten Spezies dar: Bislang galten der in seiner Existenz umstrittene Homo rudolfensis und der wesentlich bekanntere Homo habilis als zwei unterschiedliche Arten.

Doch Blumenschine ist überzeugt, dass die beiden - zusammen mit den neu entdeckten Fossilien - zu ein und derselben Gattung gehören, dem Homo habilis. Die Theorie ist nicht unumstritten. Doch sollte sie stimmen, dürfte der zuletzt immer verzweigtere menschliche Stammbaum erheblich übersichtlicher werden.

Alexander Stirn