NEUROLOGIE »Nette Abwechslung«
SPIEGEL: Frau Schielke, Sie haben an der Berliner Charité gerade einen 57-jährigen Patienten untersucht, der an einer seltenen Form musikalischer Sinnestäuschung litt. Was hörte der Mann?
Schielke: Er hörte von Männer- und Kinderchören gesungene Volkslieder, manchmal mehrere zugleich. Der Grund dafür war ein Eiterherd an einer bestimmten Stelle des Hirnstamms, des so genannten dorsalen Pons. Nachdem der Patient elf Wochen lang Antibiotika bekommen hatte, ging der Abszess zurück und die Halluzinationen verschwanden.
SPIEGEL: Was ist das Besondere an dieser Art der Sinnestäuschung?
Schielke: Musikalische Halluzinationen treten gelegentlich bei älteren Menschen auf, die ihr Gehör verloren haben. Bei unserem Patienten war das Hörvermögen jedoch nur leicht beeinträchtigt. Zugleich waren vermutlich Nervenbahnen beschädigt, die normalerweise einen Teil des Gehörten dämpfen. Dadurch konnten offenbar im Schläfenlappen gespeicherte musikalische Erinnerungen freigesetzt werden. Bislang sind erst zehn solcher Fälle bekannt, die alle mit einer Schädigung des dorsalen Pons verbunden waren.
SPIEGEL: Hörten die anderen Patienten auch Volksmusik?
Schielke: Alle nahmen Musik wahr, die ihnen vertraut war. Ein französischer Patient hörte Verdi und Mozart, aber auch Chansons. Ein Japaner, der während einer Reise durch China erkrankte, hörte chinesische Volksmusik.
SPIEGEL: Sind die Halluzinationen für Patienten unangenehm?
Schielke: Manche fühlen sich belästigt, weil sie mehrere Melodien zugleich hören. Andere empfinden es als nette Abwechslung. Ich hatte vor zehn Jahren einen Patienten, der zuerst einen italienischen Operntenor sehr laut und sehr falsch singen hörte. Nach ein paar Tagen waren es jedoch Arien aus »Madame Butterfly«, was er viel angenehmer fand.