Nur den Besten
Ein Freund rief mich neulich aus dem Krankenhaus an, glücklich, weil er eine fast zweijährige Odyssee durch die bucklige Welt der Medizin überstanden hatte. Obwohl selbst gelernter Tierarzt, war es ihm nicht erspart geblieben, mit einem schmerzenden Unterschenkel Monat um Monat die Bemühungen von Orthopäden und Physiotherapeuten zu ertragen.
Es gab kaum eine Muskelgruppe, die nicht intensiv beübt worden war, aber der Schmerz ließ sich nicht beeindrucken, er nahm weiter zu. Schließlich hieß es, »das kommt von der Wirbelsäule, ich schicke Sie zum Neurologen«. Der untersucht den Patienten und sagt ihm, »die Wirbelsäule kann nichts dafür, das ist was am Bein, ich schicke Sie zu einem vernünftigen Orthopäden«. Nun kennt mein Freund den alten Medizinerscherz, nach dem es nur Orthopäden, aber keine guten gibt.
Eineinhalb Jahre Schmerz hatten ihn allerdings mürbe gemacht, und so stellte er sich bei der Spezialsprechstunde einer orthopädischen Universitätsklinik vor. Zu diesem Zeitpunkt verfügte er schon über eine große Tasche mit Röntgenbildern, war einmal durch den Computertomografen und zweimal durch die Kernspinröhre geschoben worden, ohne dass aber jemand dem Geheimnis des schmerzenden Unterschenkels näher gekommen wäre.
Der Oberarzt der Uniambulanz hörte sich die Schilderung der Symptome an und stellte innerhalb weniger Minuten die Diagnose: ein Osteoid-Osteom, ein gutartiger Knochentumor. Eine kleine Operation am Schienbein, und der Patient war schmerzfrei.
Grundsätzlich gibt es nur zwei Arten von Krankheiten, solche, die von selbst heilen, und ernste Probleme. Wer mit Husten, Schnupfen, Durchfall, Zerrungen und Kreuzweh zum Doktor geht, tut sich keinen Gefallen. Der gesunde Menschenverstand sagt einem, wo die harmlosen Störungen aufhören und die schweren anfangen.
Der schlimmste anzunehmende Fall ist immer noch, bewusstlos in ein Krankenhaus mit Dienst nach Vorschrift eingeliefert zu werden. Wem so was widerfährt, der nimmt an einer Gesundheitslotterie teil.
Die Pflegekräfte sind mit Dokumentations- und Datenschutzbürokratie beschäftigt, und die Ärzte haben in EUkonformen Arbeitszeiten von einem Chef, der immer ganz nett ist zu ihnen, so wenig gelernt, dass sie mit der Situation überfordert sind. Wenn Mediziner nach dem Nachtdienst gleich nach Hause gehen, wenn sie nur noch begrenzte, arbeitnehmerfreundliche Zeiten lang tätig sein dürfen, dann mag das gut sein für die Stimmung daheim, für das Können der Doktoren ist es das nicht.
Andererseits, wenn der Gesundheitsministerin etwas Schlimmes zustößt, wird sie - natürlich - von Ärzten betreut, die ihr Können in 20 Jahren Schufterei mit täglichen Arbeitszeiten von zwölf und mehr Stunden erworben haben.
Was aber soll der einfache Mensch tun, wenn er ernstlich krank wird? Wie findet er eine Klinik oder Praxis, in der man die Medizin auf dem heutigen Stand der Wissenschaft beherrscht?
Ginge es nach der Versicherungswerbung, würden Privatpatienten am besten versorgt. Egal was einem fehlt, man wird immer von der örtlichen Koryphäe behandelt. Schon möglich, dass das hin und wieder passiert, im wirklichen Leben aber wird der Privatversicherte ausgenommen wie die sprichwörtliche Weihnachtsgans, und ob das durch eine Koryphäe oder einen raffgierigen Tölpel erfolgt, ist reine Glückssache.
Eine gute Voraussetzung, medizinisch ordentlich behandelt zu werden, ist es, prominent zu sein oder eine wichtige Position einzunehmen. Aber auch das stimmt nicht immer. Als ich noch Knecht an einer Universitätsklinik war, erschien eines Nachts ein deutscher Multimilliardär, begleitet von zehn Leibwächtern mit Maschinenpistolen im Anschlag, erschöpft nach Luft ringend. Er war in die Fänge eines Prominentenarztes geraten, zu dessen Klientel neben diversen Regierungsmitgliedern der süddeutsche Jetset gehörte.
Der mit allem Möglichen beschäftigte Modearzt hatte nicht bemerkt, dass sein reicher Patient nach einer Hüftoperation mehrere Lungenembolien erlitten hatte, die ihn an den Rand des Todes brachten. Ein Anfängerfehler, sagte unser Chef, dafür würde jeder Medizinstudent durchs Examen rasseln. Man sieht, auch Reichtum und Prominenz sind keine Garantie gegen Pfusch in der Medizin.
Deshalb die Goldene Regel Nummer 1 des Bundesverbandes der Leidgeprüften (BdL):
Wenn dir jemand die Telefonnummer eines menschlich integren und fachlich tadellosen Arztes gibt, zahle ihm tausend Euro bar auf die Kralle oder mähe ihm ein Jahr lang umsonst den Rasen.
Mit die beste Methode, an einen guten Doktor zu kommen, ist noch immer der Weg über eine persönliche Empfehlung. Wer über persönliche Vermittlung kommt, wird auch als Kassenpatient gut behandelt, etwas Glück immer vorausgesetzt. Ohne das geht es nicht.
Allein die Zeit, zu der dich eine Krankheit befällt, ist Glücksache. Wer 1950 an einem schweren Herzfehler litt, war beim Pfarrer nicht viel schlechter aufgehoben als beim Arzt. 25 Jahre später dagegen war die Herzklappenchirurgie schon so weit entwickelt, dass sie dem Patienten eine fast normale Lebenserwartung brachte.
Ich hatte Glück mit einer doppelseitigen Lungentuberkulose. Ich bekam sie im Jahre 1967 und damit zu einer Zeit, als es schon Medikamente gab, die den Tuberkelbazillen den Garaus bereiteten. Seither lasse ich nichts auf die chemische Industrie kommen.
Goldene BdL-Regel Nummer 2: Überleg es dir dreimal, ehe du dich unters Messer begibst, und stelle sicher, dass du beim Richtigen bist.
Ein kaputtes Knie beispielsweise sollte man sich auf keinen Fall von einem operieren lassen, der sich im aufsteigenden Ast seiner Lernkurve befindet. Das Gefühl, etwas dazuzulernen, mag für den Arzt erhebend sein, für den Patienten ist es das weniger.
Als ich mein Brot noch im Krankenhaus Hinter den Sieben Bergen verdiente, begann einer der Chefärzte, arthroskopische Knieoperationen zu verrichten. Eine Woche war er bei einem Experten in der Schweiz gewesen. Ob er dort seriös lernte oder mehr mit der Gattin beim Einkaufen war, ist nicht überliefert. Zurück in der Heimat machte er sich jedenfalls beherzt über alle Einheimischen her, denen das Knie weh tat.
Ein paar Wochen später berichtete die Heimatzeitung, Herr Chefarzt Dr. Soundso habe schon 39 Eingriffe durchgeführt. Unter den Krankengymnasten des Talkessels kursierte damals ein lustiger Spruch. Wenn ein Patient mit geschwollenem Kniegelenk zu ihnen kam, sagten sie ihm auf die Nase zu: »Öha, hast dich in Butzldorf operieren lassen?«
Geben Sie Ihr Knie also in die Hände eines Arztes, der den Eingriff schon ein paar tausend Mal durchgeführt hat. Das herauszufinden kann ein paar Stunden Telefonieren erfordern, ist aber weitaus angenehmer als ein Jahr lang schmerzhaftes Humpeln.
Der beste Rat in Gesundheitsfragen ist immer noch die Goldene Regel Nummer 3 des Bundesverbandes der Leidgeprüften: Lebe so, dass du nicht krank wirst, und wenn es dich trotzdem erwischt, mache dir keine Illusionen.
Kranke haben nämlich keine Lobby. Die, denen es schlechtgeht, sind mit was anderem beschäftigt, und die Gesunden haben kein Interesse an Fragen des Siechtums.
Zum Schluss noch ein neuer Tipp vom BdL: Wenn du zum Arzt gehst, sei frei von Klaustrophobie. Die Wahrscheinlichkeit ist nämlich hoch, dass man dich in eine Röhre steckt.