Ölrausch im Weinviertel - DER SPIEGEL
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ENERGIE Ölrausch im Weinviertel

Das größte Ölfeld Mitteleuropas liegt in Österreich. Mit enormem Aufwand werden dort Öl und Gas gefördert und neue Lagerstätten erschlossen. So wird die Alpenrepublik zu einer Art Experimentierlabor der näherrückenden fossilen Endzeit.
• aus DER SPIEGEL 43/2005
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Wenn es von tief unten aufwärts strebt, ganz von allein, dann ist das ein gutes Zeichen. Das Bohrgestänge vibriert, es rülpst und grunzt aus dem kilometertiefen Loch.

Den Ölingenieur Helmut Langanger interessiert in solchen Momenten vor allem eines: »Was kommt daher? Brennt's oder brennt's ned?«

Egal ob Erdöl oder Erdgas im Boden liegt, meist schießt zuerst Gas empor. Am Bohrloch ragt ein Rohr in den Himmel, oben wird gezündet. »Und wenn wir dann die Flamme sehen«, sagt Langanger, »das ist schon ein großartiger Augenblick.«

Langanger ist der ranghöchste Ölsucher Österreichs. Er studierte Erdölwesen an der steiermärkischen Montanuniversität Leoben und leitet heute die Exploration und Produktion des Mineralölkonzerns OMV in Wien.

Der inzwischen zu zwei Dritteln privatisierte Staatsbetrieb, einst eine verschlafene Behörde, mauserte sich zu einem der weltweit wachstumsstärksten Unternehmen der Branche. Die OMV vervierfachte binnen vier Jahren ihre Öl- und Gasproduktion, bewegt sich inzwischen im Mittelfeld der europäischen Konkurrenz und exploriert auf fünf Kontinenten.

Langanger sah die großartigen Flammen schon in Rumänien, Libyen und Pakistan, auf Plattformen im Meer - und zuletzt, etwa einen Kilometer von seinem Wohnhaus entfernt, im Weinviertel bei Wien. Da fand die OMV im Frühjahr ein Erdgasfeld.

Nordöstlich der Hauptstadt, wo der Grüne Veltliner wächst, der Boden platt und Österreich ungefähr so schön ist wie Sachsen-Anhalt, liegt das größte zusammenhängende Ölvorkommen des mitteleuropäischen Festlands. Sein zentrales Feld, benannt nach dem Ort Matzen, wurde 1949 entdeckt und hatte damals ein geschätztes Volumen von einer halben Milliarde Barrel Erdöl, etwa 80 Millionen Kubikmeter.

Die Ressource machte Österreich nicht zum Opec-Land - sie entspricht etwa dem heutigen Welt-Ölverbrauch von sechs Tagen -, taugte jedoch zum Grundstock der OMV und wird bis heute mit großem Aufwand gepflegt. Inzwischen wurden in dem Alpenland 50 kleinere Felder entdeckt und erschlossen. Rund 750 Öl- und 120 Erdgassonden saugen derzeit fossilen Brennstoff aus dem Weinviertel. Die OMV deckt so etwa 10 Prozent des Öl- und 15 Prozent des Erdgasverbrauchs Österreichs aus heimischen Vorkommen.

Das verzweigte Fördernetz mit insgesamt 2500 Kilometer Rohrleitungen ist ein Unikum im globalen Ölgeschäft und mithin ein hochmodernes Labor, das Antworten auf zwei drängende Fragen der Energiewirtschaft

geben könnte: Wie viel Öl und Gas kann noch gefunden werden? Und wie weit lassen sich die entdeckten Felder ausbeuten?

Österreich ist bei der fossilen Schatzsuche Weltspitze in den Disziplinen Exploration und Effizienz. Das spiegelt sich in einer wundersamen Förderkurve. Gewöhnlich steigt die Produktion eines Fördergebiets rasch an, bleibt dann einige Jahre auf einem sogenannten Plateau und sinkt dann ähnlich schnell wieder ab, wie sie angestiegen ist.

Die österreichische Ölproduktion erlebte diesen Abstieg vor 30 Jahren, ging dann aber erneut etwas hoch und hält sich nun seit 1992 etwa auf gleichem Niveau. Die Gasförderung legte sogar noch etwas zu.

Der nachhaltige Ölrausch im Weinviertel ist vor allem ein Resultat ökonomischen Kalküls: Die Transportkosten für Öl und Gas aus Österreich sind minimal, die Bohrlöcher liegen praktisch neben der Raffinerie. »Das ist die Beauty«, sagt Langanger: »Wir können uns hier größeren Aufwand leisten.«

Der besteht zunächst darin, die schon entdeckten Felder möglichst gründlich auszubeuten. Eine Öllagerstätte ist kein unterirdischer See, der sich bis zum letzten Liter auspumpen ließe. Der Rohstoff steckt vielmehr in einem porösen Trägergestein (siehe Grafik). Darunter strebt Wasser empor, das sich im Verlauf der Ausbeutung des Feldes zunehmend in die Fördermenge mischt. In den großen arabischen Ölfeldern liegt dieser Wasseranteil inzwischen bei 25 bis 40 Prozent, was noch vergleichsweise gering ist.

Die Sonden im Wiener Becken hingegen fördern bis zu 92 Prozent Wasser. Das Öl schwimmt darauf »wie ein Fettauge auf der Suppe« (Langanger) und lässt sich abscheiden. Das Wasser wird über eine weitere Bohrung wieder ins Feld zurückgepumpt, damit der Druck in der Lagerstätte nicht zu stark sinkt.

Die OMV wird die Produktion auf dem Heimatboden sogar noch bis zu einem Wasseranteil von etwa 98 Prozent aufrechterhalten - ein Wert, den auch manches der winzigen deutschen Ölfelder schon erreicht hat. An entlegenen Orten werden solche ausgequetschten Lagerstätten jedoch längst vorher aufgegeben.

Wasser ist nicht das einzige Problem beim Ausbeuten älterer Lagerstätten. Häufig verstopft auch das Trägergestein rund um die Bohrsonde. Dann werden unterirdische Sprengladungen gezündet, die das Trägergestein aufreißen. In die Risse feuert eine Schussmaschine dann Glaskugeln, damit das Gestein wie ein aufgerissener Schwamm möglichst durchlässig bleibt.

Um das Öl geschmeidig und somit »wanderfreudig« zu halten, wird über zusätzliche Bohrungen zuweilen Wasserdampf ins Feld geblasen. Auch fettlösende Tenside, im Prinzip also riesige Mengen von Spüli, taten bereits ihren Dienst in Ölfeldern. Diese Methode ist ebenso effizient wie verpönt als eine der größten Ökoferkeleien der in Umweltbelangen ohnehin nicht zimperlichen Branche.

Das nachhaltige Ausschlürfen der Felder allein hätte die Produktion im Wiener Becken jedoch nicht auf stabilem Niveau gehalten. Österreich hätte dann einen ähnlichen Abstieg erlebt wie etwa die Ölförderung in Niedersachsen. Anders als ihre Konkurrenten in Norddeutschland investierte die OMV beträchtliche Summen in die Exploration neuer Felder. Allein in den vergangenen zwei Jahren flossen über 120 Millionen Euro in die Suche nach Öl und Gas. In diesem Jahr folgen weitere 90 Millionen.

Die Explorateure setzen dabei auf eine kostspielige Schlüsseltechnik: die dreidimensionale Seismik.

Mit Sprengungen oder schweren Lastwagen, die Stempel in den Boden wummern, wird dabei das Erdreich erschüttert. Eine Reihe von Geofonen misst danach, wie schnell und wie heftig sich das Mini-Erdbeben ausbreitet. Aus den Daten können Schlüsse auf die darunterliegenden Gesteinsschichten gezogen werden. Die Analysen gingen in der Anfangszeit dieser Technik jedoch nur zweidimensional wie Schnitte durch einen Kuchen.

Inzwischen erlauben die Fortschritte in der Computertechnik eine Auswertung weit größerer Datenmengen. Die Geofone können deshalb über breite Landstriche verteilt werden und liefern dann ein unterirdisches

3-D-Blockbild, das die Strukturen potentieller Öl- oder Gasfelder viel deutlicher erkennen lässt.

Die interessantesten Teile der OMV-Konzessionsgebiete im Weinviertel sind inzwischen auf diese Weise abgeklopft und bis zu einer Tiefe von 5000 Metern kartografiert. Eine Bildschirm-Darstellung zeigt etwa ein Gasfeld, das Geologen und Ingenieure zuvor verzweifelt gesucht und mit drei Bohrungen jeweils knapp verfehlt hatten. Dank 3-D-Seismik konnten sie die Lagerstätte gezielt anstechen.

Doch auch diese Methode ist fehlbar. Die Seismik zeigt lediglich »Fallenstrukturen« im Gestein, unter denen die fossilen Kohlenwasserstoffe stecken könnten. Doch oft stößt der Bohrer statt auf Öl und Gas einfach nur auf Wasser.

Immerhin stiegen die Trefferquoten enorm an: Von 13 Bohrungen, die im vergangenen Jahr in Österreich abgeteuft wurden, waren laut OMV 8 »wirtschaftlich fündig«. In Zeiten vor der 3-D-Seismik gingen gewöhnlich 9 von 10 Versuchen daneben.

Als die zweite Energiekrise in den späten Siebzigern den Ölpreis explodieren ließ, bohrte die OMV in Roulette-Manier. Die Explorationstrupps stießen weiter südlich in die Kalkalpen vor und schrabberten Riesenlöcher über 8000 Meter tief ins Bergmassiv. Förderwürdige Bodenschätze fanden sie nicht.

Nach dem teuren Flop kehrten die Suchenden zurück ins Weinviertel. Seither, sagt der örtliche Chefexplorateur Reinhart Samhaber, lautet das Motto: »Wo schon was ist, da gibt's noch mehr.«

Dies gilt im Prinzip weltweit. Viele Neufunde der vergangenen Jahrzehnte wurden im Umfeld bereits bekannter Ölfelder gemacht. Seltener entdeckten die Explorationsteams völlig neue Ölregionen, wie etwa die Nordsee in den sechziger Jahren.

Doch die Funde werden immer kleiner. Bis heute wurden über 40 000 Ölfelder auf der Welt entdeckt; etwa ein Prozent dieser Felder, in der Branche Mega-Giants genannt, enthalten drei Viertel allen bisher gefundenen Erdöls. Und die meisten dieser Giganten sind bereits seit über 50 Jahren bekannt. »Weitere Funde dieser Größe sind nicht mehr zu erwarten«, sagt Peter Gerling, Ölexperte der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. Seit 1980 verbraucht der Mensch mehr Öl, als er neues findet.

»Wir finden jede Stecknadel im Heuhaufen, aber eben nur noch Stecknadeln«, erklärt der Geologe Colin Campbell. Der 74-Jährige war leitender Ölsucher verschiedener Großkonzerne und ist heute der prominenteste Pessimist der Branche. Nach seiner Einschätzung steht der globale Öl-Peak, von dem an die Fördermenge weltweit nur noch sinken wird, unmittelbar bevor. Dann stellt sich das bisher gravierendste Versorgungsproblem des Industriezeitalters.

Wie ein Drogensüchtiger an der Nadel hängt die mobile Menschheit mit ihrem Hauptölschlucker Auto am fossilen Ressourcentropf. 84 Millionen Barrel Erdöl, etwa der fünffache Inhalt der Cheops-Pyramide, werden täglich auf der Erde verbraucht - Tendenz stark steigend. Vor allem die galoppierende Industrialisierung Chinas sorgt für einen jährlichen Anstieg des Bedarfs um etwa zehn Prozent.

Wie lange ist dieser Durst noch zu stillen? Nach Schätzung der BGR wird sich der weltweite Bedarf noch etwa 10 bis 15 Jahre aus konventioneller Ölförderung decken lassen. Von da an geht die Förderkurve abwärts, und Energie muss entweder gespart oder zunehmend aus anderen Quellen gezapft werden.

Erdöl wird sich danach allmählich vom Massenbrennstoff zum exotischen Handelsgut wandeln und dann zu wertvoll sein, um einfach verfeuert zu werden. Als Baustein hochwertiger Kunststoffe und Medikamente wird es noch Jahrhunderte überdauern.

Wie mühselig die Entdeckung und Förderung neuen Öls dann sein wird, lässt sich heute schon in der Praxis studieren - unweit der Opec-Zentrale nordöstlich von Wien, wo Seismik-Lastwagen die Erde so stark massieren, dass mancher Weinkeller bebt.

»Eine Versuchsanstalt für den Weltuntergang« nannte der Wiener Publizist Karl Kraus liebevoll seine Heimat. In nichts wird Österreich dieser Beschreibung so gerecht wie in seiner Eigenschaft als ölförderndes Land.

Wolfgang Ruttenstorfer, Vorstandschef der OMV, beugt sich über eine der Tiefenkarten. Farbig sind die Gesteinsschichten markiert. Sie bilden Wellen und Hügel. Ruttenstorfer zeigt auf einen roten Fleck: »Dieses Zipferl da, das finden Sie nur mit der 3-D-Seismik.«

Auf dem Weg zu dem Zipferl gräbt sich ein stählernes Bohrgestänge monatelang hinab, hydraulisch angetrieben von einem 900-PS-Motor. Abgewinkelte Kopfstücke erlauben Bohrungen um die Kurve, damit diese mehrere Felder anstechen und zur besseren Ausbeutung horizontal in die Lagerstätten eindringen können. Zur Stabilisierung und Abdichtung werden Rohre in die Tiefe gepresst, teleskopartig nach unten dünner werdend wie kopfab stehende Radioantennen. Jede dieser Bohrungen kostet mehrere Millionen Euro.

Im März 2003 vermeldete die OMV den »größten österreichischen Ölfund seit 25 Jahren«. In einem Randgebiet des Matzener Hauptfeldes war die Explorationsbohrung »Erdpress 1« 2926 Meter in die Tiefe gedrungen und dabei auf Öl- und Gasvorkommen in zwölf Gesteinshorizonten gestoßen.

Die Entdecker bezifferten ihren Fund auf 500 000 Tonnen Erdöl. Das würde reichen, um die Welt eine Stunde lang zu versorgen. CHRISTIAN WÜST

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