Offene Schleusen - DER SPIEGEL
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MEDIZIN Offene Schleusen

Wie unerträglich muß Harndrang werden, ehe ein Mensch die Toilette aufsucht? Ein niederländischer Forscher fand die Antwort im Gehirn.
• aus DER SPIEGEL 24/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Blase ist dem Menschen ein Quell von Pein und Peinlichkeit. Das Äquivalent eines großen Pils vermag sie nur unter Einsatz aller Willens- und Muskelkraft zu halten - dann aber pressiert es ihren Besitzer schon so, daß ihm Hören und Sehen vergeht.

Wie kein anderes Organ neigt die Blase dazu, den Menschen in Verlegenheit zu stürzen. Aus Kindertagen ist das Malheur wohlbekannt: Der Harndrang während der Nacht war so überwältigend, daß er den Zweifel darüber übermannte, ob das Klo vor Augen echt sei oder nur ein Traum. Folge: nasse Laken.

Manche bleiben auch jenseits des Kindesalters mit diesem Problem befaßt. Vergleichsweise glimpflich kommen jene Frauen davon, die nach einer Entbindung oder in den Wechseljahren an sogenannter Streßinkontinenz leiden: Wann immer sie die Contenance verlieren, etwa beim Lachen oder auch nur beim Niesen und Husten, verlieren sie auch unten ein paar Tropfen. Abhilfe verschafft oft ein Training der Beckenbodenmuskulatur.

Nur mit Windeln aber ist den 1,5 Millionen Menschen in Deutschland zu helfen, die von der fürchterlichen Dranginkontinenz heimgesucht werden. Ihre Blase ist ein Staat im Staate, sie waltet autonom, und fast jede ihrer Aktionen geht in die Hose.

Lange Zeit suchten Mediziner für diese Gepeinigten nach Gegenmitteln direkt an der Blase. Nun aber hat sich der niederländische Anatom Bertil Blok von der Rijksuniversiteit Groningen dem Tabuthema erstmals mit dem Gerät des Neurologen genähert. Er untersuchte pissende Katzen und wasserlassende Menschen und weiß jetzt: Die Blase ist bei vielen Inkontinenzlern nur ausführendes Organ, inkontinent ist vor allem das Gehirn.

Jeweils 20 Männer und 20 Frauen hat Blok, 35, in horizontaler Position urinieren lassen. Dabei schaute er ihnen auf intimste Weise zu, nämlich unter die Schädeldecke. Die Köpfe der Freiwilligen steckten während ihrer Notdurft unter einem Positronen-Emissions-Tomographen (PET), mit dem es Blok als erstem Forscher gelungen ist, die beim Wasserlassen und Wasserhalten aktiven Hirnareale zu identifizieren.

Die Steuerung des Harnabgangs, so urteilt Blok nun, ist bei Katze wie Mensch eine komplizierte Sache. Die Notwendigkeit einer baldigen Entleerung meldet die Blase über eine Art Standleitung im Rückenmark an das Limbische System. Nach Prüfung aller Umstände entscheidet es sich, ob die Freigabe zum Urinieren erteilt wird.

Ob Mensch oder Tier, oberstes Gebot beim Wasserabschlagen ist neben der Hygiene die Sicherheit. Katzen müssen darauf achten, daß sie über den Urin keinen Feind auf ihre Fährte locken. Menschen hingegen fürchten sich außer vor nasser Wäsche vor allem vor ihresgleichen: Sie wollen bei der Verrichtung lieber nicht beobachtet werden; bei 40 Prozent von Bloks Freiwilligen streikte die Blase trotz Kommando und praller Füllung, weil sie sich vor den Augen des Wissenschaftlers zu sehr genierten.

Doch auch an den Verweigerern hatte Blok seine Forscherfreude. Denn an ihnen konnte er studieren, daß die Befehle »Wasser halten oder lassen« in zwei getrennten Hirnarealen ausgeführt werden. Bei positiver Entscheidung tritt ein zwischen den Ohren gelegener Bereich im Stammhirn in Aktion, den Blok schlicht das »Pinkelzentrum« nennt. Diese Hirnregion schickt sodann einen Impuls an die Blase, worauf sich der Schließmuskel öffnet und sich das muskulöse Hohlorgan zusammenzieht. Der Harnstrahl, der daraufhin ans Freie dringt, ist nicht mehr zu stoppen.

Der umgekehrte Fall tritt ein, wenn die Freigabe zum Wasserlassen verweigert wird. Das sogenannte Kontinenzzentrum liegt unweit seines Gegenspielers und sendet der Blase, nur von Pinkelpausen unterbrochen, stetig den Befehl: Wasser halten um jeden Preis. Der Beckenboden bleibt gespannt, die Blase ruhig.

Zu urogenitalen Zwischenfällen und vor allem zu Dranginkontinenz, so glaubt Blok, kommt es, wenn das Kontinenzzentrum versagt. Dann stehen die Schleusen permanent offen, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Aber auch Schlaganfälle, Alzheimer oder Multiple Sklerose können die Harnsteuerung durcheinanderbringen. Schon kleinste Hirnschäden, mutmaßt Blok, kaum sichtbar unter dem Computertomographen, seien imstande, im Limbischen System die Kontrolle über den Harnabgang zu zerstören.

Blok hofft nun auf neue Therapien für Inkontinenz-Opfer. In Zukunft könnten Forscher versuchen, bestimmte Botenstoffe, mittels deren die Hirnareale sich miteinander verständigen, für die Behandlung einzusetzen.

Auch die Sexualhormone hat Blok im Blick. Jene Hirnbereiche, die über die Blase herrschen, sind gespickt von Rezeptoren für Östrogen oder Testosteron. Weil im Limbischen System viele Entscheidungen für den Unterleib insgesamt getroffen werden - nicht nur das Urinieren, sondern auch die Sexualfunktionen -, seien Hormone gegen Inkontinenz derzeit »der heißeste Tip«.

Das umgekehrte Problem - die Unfähigkeit zu pinkeln - hat Blok ebenfalls schon beobachtet, und für sie macht er ebenfalls eine Fehlleistung des Gehirns verantwortlich. Diesem Leiden setzt die Elastizität der Blase allerdings natürliche Grenzen.

Schon bei einer Einfüllmenge von einem halben Liter schwillt der Harndrang beim gesunden Menschen so qualvoll an, daß er Reinlichkeit und Anstand bereitwillig in den Wind schlägt. Soviel Pragmatismus bewahrt ihn vor Schlimmerem: Spätestens bei einer Füllung von einem Liter würde das Urin-Reservoir mit bleibendem Schaden überdehnt.

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