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SEUCHEN Opfer des Schattenreichs

Pocken, Pest und Cholera, Malaria, Syphilis, Aids: den Infektionen sind mehr Menschen zum Opfer gefallen als allen Kriegen zusammen.
Von Hans Halter
• aus DER SPIEGEL 24/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Loimos«, die Seuche, beendete das »Goldene Zeitalter« Athens, 430 vor Christus. Sie tötete jeden dritten Einwohner, wütete schrecklicher als der Peloponnesische Krieg, nahm auch dem Führer der radikalen Demokraten, Staatsmann Perikles, und seinen Söhnen das Leben. Loimos war Griechenlands Untergang.

Rom, der neue Stern am Himmel des Abendlandes, war eine imponierende Millionen-City mit frischem Wasser aus den nahen Bergen, einer funktionierenden Kanalisation, strenger Gewerbeaufsicht und fröhlich swingendem Lotterleben in grandiosen Badehäusern. »Balnea, vina, venus«, so fürchteten die Berater des römischen Kaisers Augustus, würden die Untertanen verderben. Das war ein Irrtum. Nicht Bäder, Wein und die Liebe ruinierten das stolze Rom. Das besorgte die Anophelesmücke.

Sie brachte die Malaria über die Stadt. Das Fieber dezimierte Kämpfer und Konkubinen, am Ende besiegte es aber auch Roms Feinde. Weil vor der Mücke und den Mikroben alle Menschen gleich sind, erledigte das Wechselfieber 410 nach Christus den König Alarich und seine Westgoten, 452 die Hunnen und 455 die Wandalen. Malaria machte aus der Metropole des Erdkreises eine traurige Ruinenstadt. 1350 lebten nur noch rund 17 000 Römer hinter den verfallenen Mauern, sogar die Päpste waren nach Avignon in Südfrankreich geflohen.

Bis heute ist der Mensch vielen Seuchen so hilflos ausgeliefert wie einst Griechen und Römer. Zwar sind die Pocken seit 1980 ausgerottet, »doch in den von blutigen Kriegen und sonstigen Katastrophen betroffenen Regionen Afrikas, des Balkans und der früheren UdSSR«, so erläutert der Hamburger Seuchenexperte Stefan Winkle, kommt es »zur Rückkehr von Syphilis, Diphtherie, Tuberkulose, Poliomyelitis, Malaria und Cholera«.

Den Professor, Jahrgang 1911, überrascht das nicht. Sein ganzes erwachsenes Leben hat der Bakteriologe den unsichtbaren Plagegeistern, ihren Gefahren und Wirkungen nachgespürt. Jetzt zieht Winkle Bilanz und legt, nach 60 Jahren Materialsammlung, das deutsche Standardwerk zur Seuchengeschichte vor, ein faszinierendes Buch, das so manche historische Begebenheit auf ihre wahren Täter zurückführt - die Mikroben**.

So schildert er, wie sich auch die Päpste, kaum eingetroffen in Avignon, einem der bakteriellen Feinde der Menschheit gegenübersahen. Die Pest, der Schwarze Tod, erschlug ganze Zivilisationen. In nur zwei Jahren, 1348 und 1349, raffte sie rund 25 Millionen Europäer dahin. »Ein Viertel der Welt starb«, klagte ein Zeitgenosse.

Paris verlor die Hälfte seiner Bewohner. In den Hafenstädten Bremen und Hamburg starben zwei Drittel, in Lübeck neun von zehn Bürgern. Auf Zypern und in Grönland gab es nach dem Seuchenzug gar keine Menschen mehr. Herrenlos trieben

Geisterschiffe über das Meer, die »Fliegenden Holländer«, bemannt mit blauschwarz verfärbten Toten.

Die Ärzte, völlig hilflos, ließen ihre Patienten im Stich, der Abt die kranken Brüder, die Eltern ihre Kinder. »Niemand war

zu finden, der die Toten begrub«, berichtet der Stadtchronist von Siena, »nicht für Geld und nicht aus Freundschaft.«

Der Heilige Vater Clemens VI. erteilte allen Gläubigen die Generalabsolution, denn die meisten Pestopfer sanken ohne Beichte ins Grab. Die Pest des Mittelalters - die Italiener nannten sie ehrfürchtig »la mortalega grande«, das große Sterben - war so schnell, daß mancher abends gesund ins Bett ging und starb, bevor der Morgen graute.

Tag und Nacht saß der Papst in Avignon zwischen zwei prasselnden Holzfeuern. Sie sollten dem allerobersten Priester die »Miasmen« vom Leib halten - gefährliche Dünste, die als Ursache der Seuche galten. Die Erhitzung half, Gottes Zorn verschonte den Papst, das befürchtete »Ende der Welt« blieb aus.

Doch 300 Jahre lang, Dutzende von Malen, kehrte die Pestilenz immer wieder nach Europa zurück.

»Es ist ein Schnitter, der heißt Tod, Hat Gewalt vom großen Gott«, reimten die Regensburger 1633 während des Dreißigjährigen Krieges, und sie wußten auch, was der Gevatter Tod im Schilde führte: *___Heut wetzt er das Messer, Es schneid''t schon viel besser, Bald ____wird er dreinschneiden, Wir müssens nur leiden. Hüt Dich, ____schön''s Blümelein.

Nur, wie? Erst im letzten Jahrhundert, mit dem Siegeszug der Naturwissenschaften, dank der Mikroskope und genialer (meist verkannter) Forscher, wurden die Seuchenursachen entdeckt: Den Menschen umgibt ein Schattenreich von Mikroben - winzigen, mit bloßem Auge nicht sichtbaren Keimen -, die Krankheit und Tod über den Zellklumpen Mensch bringen können.

Die Zahl der Infektionskrankheiten ist Legion. Manche sind so selten, daß selbst Fachärzte sie niemals im Leben zu Gesicht bekommen. Andere so häufig, daß noch immer Millionen Menschen pro Jahr an ihnen erkranken und sterben: 100 Millionen Malariakranke werden auf der Welt gezählt (2 Millionen Tote pro Jahr); auf 15 Millionen schätzt man die Anzahl der Leprösen, und immer weiter steigt die Zahl der Tuberkulose- und Aidsopfer.

In Winkles Buch ziehen die Schreckensseuchen aus alter Zeit vorüber, aber auch vergessene (Milzbrand, Fleckfieber, Ruhr), unbekannte (Nagana, Gasbrand), kuriose (Krätze) und die vielen unbesiegten Infektionskrankheiten. Typhus, Trachom, Lepra, Kindbettfieber wüten jetzt wie einst in den Ländern der Dritten Welt, Malaria, Tuber-

kulose und Aids sind dort die unbesiegten Apokalyptischen Reiter. Sie entvölkern Landstriche, destabilisieren Regionen und konterkarieren alle Anstrengungen, den Bewohnern zu einem menschenwürdigen Leben zu verhelfen.

Daß Seuchen Geschichte machen, ist Winkles feste, wohlbegründete Überzeugung. Der polyglotte Arzt belegt seine Ansicht durch Tausende von Berichten aus alter und neuer Zeit, aus aller Herren Länder. Auf 319 Seiten in winziger Nonpareille-Schrift hat der Gelehrte allein seine »Anmerkungen« komprimiert - ein Kabinett der Kuriositäten, der Irrtümer und Katastrophen.

In der Geschichte der Menschheit sind den Seuchen mehr Menschen zum Opfer gefallen als den Kriegen, Hungersnöten, Erdbeben, Überschwemmungen, Wetterstürzen und religiösen Opfergängen - kurz: allem, was Mensch und Natur im Arsenal des Todes sonst noch bereithalten.

Ob es im nächsten Jahrhundert gelingen wird, die Seuchen auszurotten, zu »eradizieren«, wie es die Weltgesundheitsorganisation plant, bezweifelt Experte Winkle. Auf der Welt sind rund 50 000 Arten von Mikroorganismen bekannt, 99 Prozent sind am großen Tier Mensch völlig desinteressiert, ein paar Hundert aber gute alte Bekannte. Das werden sie bleiben.

Heut wetzt er das Messer, Es schneid''t schon viel besser,

Bald wird er dreinschneiden, Wir müssens nur leiden. Hüt Dich,

schön''s Blümelein.

* Ausschnitt aus dem Gemälde »Triumph des Todes« von JanBrueghel dem Älteren.

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