TIERE Paparazzi der Wildnis
Ein Javanashorn walzt durch den indonesischen Dschungel: klick. Durch die iranische Kawir-Wüste streicht ein Gepard: klick. Im nächtlichen Harz macht sich ein Luchs über ein Rothirschkalb her: klick.
Wer in die Fotofalle tappt, erschrickt sich vor dem Blitz, muss aber nicht um sein Leben fürchten. »Das Einzige, was die Tiere lassen, sind ihre Bilder«, sagt der Förster Ole Anders, 31, der im Harz Luchse in selbst gebastelte Fotofallen lockt.
Das letzte Pinselohr wurde dort vermutlich vor knapp 200 Jahren zur Strecke gebracht. Jetzt beweisen Anders'' Aufnahmen auf eindrucksvolle Weise: Jene Luchse, die in den vergangenen zwei Jahren im Nationalpark Harz ausgewildert wurden, haben sich in ihrer neuen Heimat erfolgreich eingelebt. Bereits fünf der insgesamt zwölf ausgesetzten Exemplare haben bisher - per Selbstauslöser - Fotos von sich gemacht.
Selbstbildnisse solcher Art gewähren den Zoologen in aller Welt wertvolle, mitunter sogar sensationelle Einblicke in das Leben scheuer, nachtaktiver und seltener Tiere. So gelang es nach jahrelanger Suche kürzlich mit einer automatischen Kamera, den schon verschollen geglaubten Asiatischen Geparden wieder aufzuspüren. Einst war der schnelle Jäger, eine Unterart des afrikanischen Geparden, von Saudi-Arabien bis Indien verbreitet; heute leben nur noch schätzungsweise 50 Exemplare im Iran.
Im vietnamesischen Urwald wiederum tappte ein Trupp der dort längst als ausgestorben geglaubten Javanashörner ebenso in die Fotofalle wie jenes Exemplar eines gehörnten Säugetiers, das westliche Forscher nie zuvor in ganzer Pracht gesehen hatten: »Saola« tauften die Zoologen das Viech, das sie der Familie der Hornträger zuschlugen, zu der auch Rinder, Ziegen und Antilopen zählen.
»Fotofallen sind zu wichtigen Werkzeugen der Forschung geworden«, konstatiert der Würzburger Tropenökologe Eduard Linsenmair, 61, der mit automatischen Kameras Leoparden in der Elfenbeinküste und Spitzhörnchen auf Borneo nachstellte.
Bereits vor hundert Jahren zogen Naturforscher mit fotografischen Apparaturen, die damals noch durch Stolperdrähte ausgelöst wurden, in die Wildnis, um Hirsche, Tiger, Fledermäuse und anderes Getier abzulichten. Doch die unhandliche Ausrüstung erschwerte die Arbeit der frühen Wildtier-Paparazzi.
Kräftige Träger waren nötig, um die sperrigen Plattenkameras und schweren Stative durch das Unterholz zu schleppen. Das Blitzgerät bestand aus einer Metallkiste, die mit einem Kilogramm Magnesiumpulver gefüllt war. Ausgelöst durch Funken, explodierte das Magnesium und tauchte die Umgebung in ein grelles Licht.
Das Spektakel war ungefähr so gemütlich wie ein Artilleriebeschuss: Der Feuerknall vertrieb die Tiere aus der Gegend - und steckte häufig genug Büsche und Bäume in Brand.
Die heutigen automatischen Kameras dagegen sind so ausgereift, dass man mit ihnen Kreaturen fast jeder Größe heimlich aufnehmen kann - vom Elefanten bis zur Maus.
Sogar Flöhe, die so schnell beschleunigen wie eine Raumfähre, werden von modernen Fotofallen erwischt. Früher gelang das ausschließlich in tiefer Dunkelheit: Der hüpfende Floh löste nur noch den Blitz aus, der Verschluss musste schon vorher offen sein.
Zwar sind längst die ersten kommerziellen Geräte auf dem Markt. Doch die meisten Biologen und Forstleute schwören nach wie vor auf selbst gebastelte Fotofallen, wie Förster Anders erzählt: »Es gibt fast so viele verschiedene Systeme wie Forschungsprojekte.«
Alles, was er für seine Harzer Fotofalle brauchte, fand Anders in normalen Foto- und Elektro-
geschäften: eine Kompaktkamera mit elektrischem Fernauslöser, einen handelsüblichen Bewegungsmelder, der Körperwärme erkennt und Hausbesitzern gemeinhin zur Abwehr von Einbrechern dient, sowie eine 12-Volt-Batterie. Gesamtkosten: unter 300 Euro.
All diese Komponenten verband Anders mit Drähten und verstaute sie in wasserdichten Holzkästchen. Seinen Eigenbau stellte der findige Förster vorigen Herbst erstmals im Wald auf - und zwar zwei Meter vom Kadaver eines Rothirschkalbs entfernt, das von einem Luchs gerissen worden war.
Tatsächlich kehrte die Raubkatze in der tiefen Nacht an den Riss zurück und schoss beeindruckende Fotos von sich. »Als ich auf dem entwickelten Film den Luchs sah«, so der Waidmann, »war das ein Gefühl wie Weihnachten.«
Fast jede Filmrolle birgt eine Überraschung: Auch Eichelhäher, Mäusebussarde und eine äußerst seltene europäische Wildkatze hat Anders bereits mit seinem System erwischt.
Noch eindrucksvollere Einblicke gewähren Fotofallen in den artenreichen Tropen. In den Regenwäldern Südostasiens beispielsweise öffnen sie gegenwärtig eine verborgene Welt - bevölkert von wunderlichen Wesen wie dem Sumatrakaninchen »Nesolagus netscheri« oder dem schnaubenden Dschungelrind »Banteng«. Bis vor kurzem noch verbrachten manche Biologen Monate oder gar Jahre in dem grünen Blättermeer, ohne ihre Studienobjekte jemals zu Gesicht zu bekommen.
Wissenschaftler wie der amerikanische Zoologe Ronald Tilson, der in Asien wilde Elefanten und Tiger erforscht, sind deshalb ganz begeistert von den Fotofallen: »Diese Kameras werden das Studium der Regenwald-Biologie revolutionieren. Man kann mit ihnen ein großes Areal schnell und systematisch erfassen und herausfinden, was da draußen alles existiert.«
Die tierischen Foto-Modelle halten jedoch nicht immer still. Elefanten verwechseln die Blitze der Kameras häufig mit jenen Feuerkrachern, mit denen Bauern sie von den Feldern vertreiben wollen. Die listigen Grautiere reißen die Fotofallen auseinander, werfen die Batterie in die eine, das Gehäuse in die andere Richtung.
Manche Affen wiederum lieben die Foto-Sitzung geradezu, berichtet Tilson: »Die ganze Horde blickt der Reihe nach in die Linse und zieht Grimassen, bis der ganze Film verknipst ist.«
Die Augen der Kameras gucken häufig in Gebiete, in die sich zuvor kaum ein Forscher hineinwagte. In den Wäldern Myanmars beispielsweise verleiden Tiger, Malariamücken und bewaffnete Rebellen jede Lust an der Feldforschung. Inzwischen wird der ungemütliche Landstrich mit Fotofallen ausgeleuchtet. »Kein Mensch war bisher in diesen Gebieten«, berichtet der beteiligte Biologe Anthony Lynam. »Jedes Foto bringt eine neue Information.«
Das Ergebnis einer Schnappschuss-Inventur im ähnlich verschlossenen Kambodscha haben Mitarbeiter der Umwelt-
schutzorganisation World Wild Fund for Nature (WWF) Anfang des Jahres vorgestellt. Im Kirirom-Nationalpark gelang es ihnen erstmals, den Fleckenlinsang nachzuweisen - eine Schleichkatze, die kleinen Beutetieren nachstellt.
Mehr als 60 Arten großer Säugetiere haben im kambodschanischen Dschungel ihre Selbstporträts hinterlassen: darunter Marmorkatzen und Sonnenbären, Tiger und Leoparden, Nebelparder und Asiatische Wildhunde sowie die urwüchsigen Rinderarten Gaur und Banteng. Die beeindruckenden Fotos, so hoffen die WWF-Aktivisten, könnten die kambodschanische Regierung veranlassen, die von Wilderern und Holzfällern bedrohten Tiere besser als bisher zu schützen.
Der gefährdete Florida-Puma gehört schon zu jenen Arten, die von Kameraüberwachung nachweislich profitiert haben. Jede zweite tote Raubkatze ging früher auf das Konto von Autofahrern. Forscher der University of Florida entwickelten deshalb eine Art Puma-Leit-System aus Zäunen und Unterführungen, um die Tiere von besonders gefährlichen Highways fern zu halten.
Kurz darauf bewiesen Fotofallen an der Interstate 75, dass die Pumas einen dort errichteten Tunnel tatsächlich benutzten. Nur wegen dieses Beweisfotos wurde der kostspielige Bau weiterer Unterführungen bewilligt.
Auf dem Puma-Pfad, so zeigten die Überwachungskameras, wandelten aber noch ganz andere Wesen: Auch Waschbären, Hirsche, Alligatoren, Wasservögel, Hunde und Spaziergänger nahmen diese sichere Route. Selbst ein Autofahrer testete verbotenerweise die neue Strecke - und wurde gleich geblitzt.
Auch andernorts ist schon so mancher Finstermann in die Fotofalle von Forschern getappt. Im Kantabrischen Gebirge Spaniens etwa wollten Umweltschützer eigentlich die letzten dort überlebenden Bären fotografieren.
Auf einem Bild jedoch war eine Gestalt mit einem Gewehr zu sehen. Die Umweltpolizei Seprona konnte den Mann schließlich identifizieren und der Wilderei überführen. JÖRG BLECH
* Fotofallen-Schnappschüsse.* Aufgenommen mit Fotofallen.