MEDIZIN Patrouillen im Fleisch
Die Chirurgen haben eine weißlich schimmernde Haut, sie bewegen sich bei der Arbeit auf eigenartig zuckende Weise, und sie sind gerade einmal reiskorngroß.
Zu Dutzenden machen sie sich über grässlich schwärende Wunden her, aus denen gelbliches Sekret in dicken Schlieren suppt; abgestorbenes Gewebe fault stinkend vor sich hin.
Knapp zehn Tage dauert die unappetitliche chirurgische Prozedur. Dann sind Eiterkrusten, schwärzliche Gewebereste und Verwesungsgeruch verschwunden, die Wundränder abgeschwollen. Vom Grund der offenen Stelle schimmert gefäßreiches rötliches Heilfleisch. Der Großteil der quirligen Helfer jedoch - es handelt sich um Fliegenmaden - ist inzwischen tot.
Beim Abnehmen des Verbands purzeln sie leblos aus den Mullbinden - sie sind verhungert, weil es in der Wunde nicht mehr genug zu fressen gab. Die wenigen Davongekommenen werden mit der Pinzette abgezupft oder mit steriler Kochsalzlösung aus dem Operationsfeld gespült.
Gruselig anmutendes Getier hat in den vergangenen Jahren Einzug in die Kliniken gehalten: Bei Venenleiden, Rheuma oder Thrombosen applizieren Mediziner Blutegel auf die Haut ihrer Patienten. Gastroenterologen behandeln Autoimmunerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa zumindest versuchsweise, indem sie Wurmkulturen in die Gedärme der Kranken pflanzen.
Jetzt bereichern auch Fliegenmaden die Biopalette der modernen Medizin: An weit über 100 deutschen Kliniken, 60 ambulanten Wundbehandlungspraxen und neuerdings einem halben Dutzend Universitätskliniken setzen Ärzte jeweils bis zu 200 der weißlich schimmernden Larven in chronische Wunden.
Was Medizinern mit hochpotenten Pharmaka und modernster Wundversorgungstechnik nicht gelingt, schaffen oft die winzigen Aasfresser: Sie befreien die offenen Stellen von faulendem Gewebe ("Nekrosen") und vertilgen Keime, die sich zu Hunderttausenden in den Wundkloaken tummeln.
Etwa 3500 Patienten in Deutschland sind bisher mit dem so gut wie nebenwirkungsfreien Bioverfahren behandelt worden. In keinem anderen westlichen Land werden derzeit mehr krabbelnde Wundreiniger für medizinische Zwecke in hartnäckigen offenen Wunden angesiedelt.
Unter Klinikchirurgen und -dermatologen erfreut sich die Madentherapie laut Wim Fleischmann, Chefarzt der unfallchirurgischen Abteilung des Krankenhauses Bietigheim, »einer unglaublichen Akzeptanz«. Auch für die ambulante Wundbehandlung eignet sich das Verfahren geradezu ideal: Dank Madenkäfigen aus feinmaschigen Verbänden, die über die Wunde gestülpt werden, können sich die Patienten frei bewegen.
Ärzte und Pfleger benötigen angesichts des Gewusels in den Wunden gute Nerven: »Man darf vorher nicht gefrühstückt haben, wenn man die Binden abnimmt«, kommentiert eine Ärztin vom Berliner Klinikum Buch.
Erstaunlicherweise scheinen die Patienten dickfelliger zu sein. »Die meisten wollen nur wissen, ob es weh tut«, berichtet Eva Gudewer, Chirurgin an der Hamburger Uniklinik in Eppendorf (UKE). »Wenn man ihnen sagt, dass es höchstens ein bisschen kribbelt oder zwickt, sind sie beruhigt.« Um den Ekelfaktor weiter zu reduzieren, haben die Verfechter der Therapie dem alternativen Wundreinigungsverfahren einen unverfänglichen Namen gegeben: »Biochirurgie«.
So vorsintflutlich die Methode wirken mag, die Erfolge geben ihren Befürwortern Recht: Neuere Untersuchungen in den USA, Großbritannien und Israel haben gezeigt, dass die weißlichen Helfer mehr als doppelt so schnell abgestorbenes Gewebe aus den entzündeten Wundtrichtern entfernen wie konventionelle Methoden.
Die meisten chronischen Wunden älterer Patienten begannen unter der Madentherapie wie durch ein Wunder zu schrumpfen. Sogar Kranke, denen schon die Amputation drohte, behielten dank des Krabbelgetiers ihre Gliedmaßen.
Vor allem bei den typischen offenen Füßen von Diabetikern erweist sich die Maden-Aussaat häufig als »Erfolgsrezept der Superlative«, wie Fleischmann nach über dreijährigen Erfahrungen mit der Methode berichtet. Bis zu 90 Prozent dieser nur schwer zu kurierenden Problemwunden verschwinden unter dem Einfluss der Insektenlarven. »Selbst mit Hightech-Methoden der Wundversorgung lassen sich solche Ergebnisse oft nicht erreichen«, sagt Fleischmann.
Dank stark wirksamer, Eiweiß abbauender Substanzen in dem über die Nahrung gestülpten Verdauungssekret verflüssigen die biologischen Putzkolonnen hochselektiv abgestorbenes Gewebe, lebende Zellen hingegen lassen sie unberührt. Aus den schwärzlichen Nekrosen entsteht eine Art quellende Nährbouillon, die die Maden, meist im Rudel um verlockende Gewebehappen geschart, gierig schlürfen. Am Ende tagelangen Fressens mästet der Wundeinsatz die anfangs nur zwei bis drei Millimeter großen Tierchen schließlich auf gut einen Zentimeter Körpergröße.
Dabei arbeiten sie präziser als jeder Chirurg. Während menschlichen Operateuren beim grenznahen Entfernen von abgestorbenem Gewebe mit dem Skalpell ("Débridement") nichts anderes übrig bleibt, als neue Schnitte ins gesunde Gewebe zu setzen, in denen sich postwendend vagabundierende Wunderreger niederlassen können, beseitigen die Bioreiniger die Schlacken extrem schonend: Sie verdauen das nekrotische Gewebe bis zum letzten Rest, ohne dabei gesundes Fleisch anzutasten.
Noch in den dreißiger Jahren war die Madentherapie in der westlichen Schulmedizin weit verbreitet. Hunderte von Patienten mit therapieresistenter chronischer Knochenentzündung ("Osteomyelitis") wurden in den USA und Kanada mit den Insektenlarven therapiert. Die Heilungsraten lagen nach sechs- bis siebenwöchiger Behandlung bei bis zu 95 Prozent. Erst mit der Einführung der Antibiotika in den vierziger Jahren geriet die ursprünglich von Feld- und Militärärzten entdeckte Biomethode allmählich in Vergessenheit.
Jetzt schlägt das Pendel zurück, weil immer mehr Bakterien Resistenzen gegen herkömmliche Antibiotika entwickeln und weil die Zahl der älteren Patienten mit chronischen Wunden wächst.
Verfeinerte Techniken haben den Neustart zusätzlich erleichtert. Erst vor kurzem ist es Experten in Speziallabors gelungen, sterile Maden zu züchten, von denen kein Infektionsrisiko ausgeht. Keimfrei gemacht werden dabei sowohl die in Fliegenkästen geernteten Eier der goldgrün schillernden Schmeißfliegenart Lucilia sericata ("Goldfliege") wie auch die geschlüpften Maden selbst.
Seit Oktober 1998 versorgt die Hamburger Firma BioMonde einen Großteil der deutschen Schulmediziner mit den lebenden Wundheilungskohorten. Jede neue Charge wird vor der Auslieferung am Hygiene-Institut der Uniklinik in Eppendorf auf Keimfreiheit geprüft.
Das Geschäft mit der biologischen Produktidee läuft gut: Durchschnittlich 400 bis 500 Pakete mit sterilen Maden versendet Firmenchef Detlev Goj monatlich. Wer die zu je 100 oder 200 Stück in Röhrchen verpackten Biochirurgen (Preis pro 100 Larven: 124,40 Mark) bis 14 Uhr nachmittags bestellt, kann sie anderntags um 10 Uhr früh vor Ort in Empfang nehmen.
Noch sind nicht alle Geheimnisse der vom Menschen vermutlich seit Jahrtausenden eingesetzten Wundhelfer gelüftet. Die Maden reduzieren den Säuregrad in den übel riechenden Flächen- oder Fleischwunden und entziehen damit einem Teil der Erreger, die sich an den Stätten der Verwesung angesiedelt haben, die Lebensgrundlage. Und in ihrem Verdauungssaft, so haben mikrobiologische Untersuchungen in den USA neuerdings gezeigt, sind Wachstumsfaktoren enthalten, die den Stoffwechsel in der Wundoberfläche anregen.
Auch die konvulsivischen Bewegungen der Maden und ihre feinen widerborstigen Körperhärchen, so glauben einige Experten, könnten den Wundgrund mechanisch stimulieren und dadurch den Heilungsprozess in Gang bringen.
Noch wichtiger dürfte der antibakterielle Effekt ihres Verdauungssaftes sein. Teile des Madensekrets wirken offenbar wie Lokalantibiotika, mit denen die Aasbesiedler aus eigenem Überlebensinteresse Jagd auf Bakterien machen. Je stärker die Wunde mit Keimen verseucht ist, desto höher ist die Konzentration der antibakteriellen Komponente im Larvensekret.
Selbst Erregern, die bereits gegen die Antibiotika der Ärzte resistent sind, können die Maden auf diese Weise den Garaus machen. In Großbritannien etwa, wo die Wundhelfer seit Mitte der neunziger Jahre an fast 400 medizinischen Zentren im Einsatz sind, haben sie schon Wunden geheilt, in denen es vor gefürchteten Methicillin-resistenten Staphylococcus-aureus-Erregern wimmelte.
Trotz ihrer verblüffenden Schlagkraft ist die Biomethode allerdings kein Allheilmittel. So verpufft die staunenswerte Kraft der Maden naturgemäß bei Wunden, die wegen Durchblutungsstörungen entstehen: Auch wenn die biologischen Reinigungstrupps in solchen Fällen den Schlamassel im Fleisch kurzfristig beseitigen und Infektionen eindämmen können, beginnen die Wunden nach der Behandlung häufig rasch wieder zu eitern, weil die eigentliche Ursache des Leidens nicht beseitigt ist.
Vorsicht ist auch geboten, weil über dubiose Quellen mitunter nicht sterile Maden in Umlauf gelangen. Auch die genaue zoologische Identität der Aasfresser ist für die Genesung entscheidend: Nur Luciliasericata-Larven haben sich im medizinischen Wundeinsatz bewährt - sie verlassen sich bei der Suche nach Nahrung ausschließlich auf die Kraft ihres Verdauungssekrets.
Andere, von den nützlichen Wundhelfern nur schwer unterscheidbare Madenarten, verfügen dagegen über Beißwerkzeuge, mit denen sie auch gesundes Gewebe angreifen, Blutgefäße öffnen und sogar in tiefere Körperregionen vordringen könnten. »Es gibt teuflisch gefährliche Maden«, warnt Biochirurgie-Experte Fleischmann. Beim Hamburger Produzenten BioMonde wird deshalb peinlich genau der Zuchtstamm der Madenernte kontrolliert, um sicherzustellen, dass es sich bei den Wundhelfern nicht um die gefährlichen Körperfresser handelt.
Eine Tücke des Bioverfahrens ist damit freilich noch nicht ausgeräumt: Die Biochirurgen sind natürliche Geschöpfe und folgen als solche ihrem eigenen Lebenszweck: Nach etwa fünf bis sechs Tagen der Mast im angenehm temperierten Wundmilieu drängt es sie, sich an einen trockenen Ort zurückzuziehen und sich dort zu verpuppen.
Um dies zu vermeiden, ersetzen die Ärzte satte Madenpopulationen nach spätestens drei bis vier Tagen durch junge Artgenossen. Anderenfalls nämlich würden unweigerlich aus den hilfreichen Wundpatrouillen wieder dicke, goldgrün schillernde Schmeißfliegen werden. GÜNTHER STOCKINGER