Pummel aus dem Eis - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 76 / 99

ARCHÄOLOGIE Pummel aus dem Eis

Stellt die »Venus von Willendorf« eine Schwangere dar? Mikroskopanalysen an der berühmten Steinzeit-Statue geben einen neuen Einblick in die Frühreligion vor über 20 000 Jahren. Der Verdacht: Bedroht vom Hungertod, huldigten die Ureuropäer einem extremen Geburtskult.
• aus DER SPIEGEL 16/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein strahlender Augusttag: Sechs Männer stehen in der Wachau an der Donau. Nur 50 Meter vom Ufer entfernt tragen sie mit Schippen Erde ab; Messpflöcke stecken im Boden. Plötzlich hält einer inne. Im gelben Löss liegt eine dralle Statue.

Die Szene aus dem Jahr 1908 gilt als Sternstunde der Urgeschichte, vergleichbar der kurz danach gemachten Entdeckung der Nofretete-Büste.

Die sah allerdings hübscher aus als das nun freigelegte Bildnis. In der wissenschaftlichen Erstveröffentlichung wird es als »überreife, dicke Frau« beschrieben, »mit großen Milchdrüsen, ansehnlichem Spitzbauch, vollen Hüften und Oberschenkeln«.

Dem sittenstrengen Wien kam die vor 100 Jahren zutage geförderte »Venus von Willendorf« fast unverschämt vor. Getrieben von »Genussfreude« seien die Künstler des Gravettien (vor 27 000 bis 20 000 Jahren) zu Werke gegangen, entrüstete sich ein Gelehrter: »Fleisch ist ihr Hauptinhalt. Menschenfleisch und Tierfleisch.«

Gleichwohl brachte es die Plastik zur Berühmtheit. Gefeiert als »Ur-Eva« und »Ikone der prähistorischen Kunst« steht sie heute in einer gepanzerten Vitrine im Naturhistorischen Museum von Wien. Es gibt sie in Marzipan und als Seife. Sie ist Trost aller Übergewichtigen.

Zugleich birgt der paläolithische Pummel ein Geheimnis: Er ist nur der bekannteste einer ganzen Serie seltsam adipöser Steinzeit-Götzen. Über 200 Ur-Venusse wurden inzwischen entdeckt, vom Don bis zu den Pyrenäen. Einige sind aus grünem Speckstein gefertigt, andere aus Elfenbein. In Dolní Vestonice (Tschechien) lag eine aus Ton. Es ist eine der ältesten Keramiken der Menschheit (siehe Grafik Seite 153).

Auf drastische Weise stellen die Werke den weiblichen Körper zur Schau: Gesäß, Brüste, Hüfte sind schwellend groß und überrund dargestellt. Gesichter haben die Statuetten nicht, allenfalls Sehschlitze. Die Arme sind oft nur angedeutet, Füße fehlen ganz.

Wer schuf diese anatomischen Meisterwerke. Was bedeuten sie?

Aus Sicht der Archäologen sind die urigen Madonnen deshalb so erstaunlich, weil sie für ein weitflächiges Kommunikationssystem stehen. Schon die Jäger der Mammutsteppe hingen einer Religion an, deren Geltungsbereich sich über 3000 Kilometer erstreckte.

Als »eiszeitliche plastische Pornografie« und »paläolithisches Äquivalent zu ,Playboy' und ,Hustler'« wurden die Statuen gedeutet, aber auch als »Spielzeug« für Kinder. Manche glauben: Es sind Urbilder einer Märchengestalt, die am Ende Frau Holle hieß.

Nun endlich liegen neue belastbare Daten vor. Am Mittwoch voriger Woche rief das Museum in Wien zur Pressekonferenz. Ein Stab von Vorgeschichtlern hat die Dame stillschweigend einer Hightech-Prüfung unterzogen. In einem Buch stellt Kuratorin Walpurga Antl-Weiser die Ergebnisse vor*.

Spannend sind vor allem die Untersuchungen des Geologen Alexander Binsteiner. Fünfmal wurde für ihn das kostbare Objekt aus der alarmgesicherten Vitrine geholt und in den Lichtkegel eines Mikroskops gestellt. Bei 30- bis 55facher Vergrößerung geriet jede Pore und Speckfalte, jeder Buckel überdeutlich ins Bild. Ergebnisse:

* Ritzer und Arbeitsspuren zeigen, dass die knapp elf Zentimeter hohe Statuette mit einem Feuerstein-Stichel geformt wurde.

* Sie trägt ein »Haarnetz oder eine geflochtene Haube«. Am rechten Oberarm prangen waagerechte Kerben - eine Art Strichcode.

* Farbspuren beweisen, dass sie ursprünglich dick mit Rötel eingeschmiert war. Die Substanz kam auch bei Totenkulten zum Einsatz.

* Hergestellt ist das Stück aus seltenem Oolith ("Eierstein"). Das Material weist kleine Auswaschungen auf. »Eine dieser unansehnlichen Dellen hat der Künstler so geschickt hingedreht, dass sie zum Bauchnabel wurde«, erklärt Binsteiner. Für ihn eine »geniale Leistung«.

Besonders verblüffend: Sogar den Steinbruch, aus dem sich der Bildhauer einst bediente, konnten die Fahnder nach langer Suche ausfindig machen. Der Rohstoff stammt vom Stránská skála. Der Name steht für einen Hügel, der sich melonenförmig in der Nähe von Brünn erhebt.

Den Prähistorikern ist der Berg wohlbekannt. Zur Zeit des Gravettien diente er als Wohnstätte und Elefanten-Ausguck. Dutzende Sippen hausten dort in Zelten und in rußgeschwärzten Höhlen. Herdfeuer loderten; man fand in der Gegend Bohrer, Brennöfen und ein Gesicht aus Elfenbein.

Oben auf der Bergkuppe liegen bis zu kindskopfgroße Oolithe herum. Einen dieser Brocken hob der Steinmetz auf und fertigte daraus seine Venus. Binsteiner schätzt den Zeitaufwand auf »10 bis 20 Stunden«. Von dort gelangte die Miniskulptur 130 Kilometer weit bis an die Donau nahe Willendorf.

Derlei Transportwege waren für die Nomaden des Gravettien nichts Ungewöhnliches. In Fellanoraks und Schuhen, gepolstert mit Gras, stapften sie durch eine eisige Landschaft. Bewaffnet waren sie mit Speerschleudern, an ihren Gürteln hingen lange Steinklingen. Lauernden Wölfen gleich folgten sie dem Wild auf seinen Wanderungen.

Klimadaten aus grönländischen Eisbohrkernen beweisen, dass die Clans anfangs im Überfluss lebten. Für Wohlleben sorgte die kalte, trockene Witterung. Eine baumlose Tundra breitete sich aus. Bereits Ende März schmolz die dünne Schneedecke weg, frisches Grün schoss empor.

Weil Gräser das Abfressen von bis zu 60 Prozent ihrer oberirdischen Pflanzenmasse tolerieren, war das Nahrungsangebot enorm. Große Mammutherden und Wollnashörner ästen in der Steppe ebenso wie Bisons, Riesenhirsche und Saiga-Antilopen.

Was für ein Fleischangebot! Wohl aus Russland kommend, drangen immer neue Menschen nach Westen vor. Die Bevölkerung nahm rapide zu.

Das Wohlleben war so groß, dass die Bewohner teilweise sesshaft wurden. Von einem Hauptlager aus, wo ständig einige Frauen, Kleinkinder und Handwerker lebten, schwärmten die Jagdgruppen aus und kehrten hernach zum regionalen Sammelpunkt zurück. In solchen Zentren hockten oft Hunderte Menschen.

Exakt in diesen Riesenwigwams - Orte der Riten und Hochzeiten - wurden die Venus-Statuetten gefunden. Viele lagen verborgen in Hütten, manche waren in kleinen Gruben regelrecht bestattet worden.

Was aber steckt hinter den Zeremonien um die dicken Frauen? Keck hoben die Künstler deren Nacktheit noch hervor, indem sie ihnen Schmuck anhängten. Fast alle Statuen aus Russland tragen Zierbänder, andere Halsketten oder neckische Schürzlein. Die Willendorfer Figur hat gezackte Ringe am Arm.

Als »Schmeichelsteine« und Erotika für einsame Männer, wie oft vermutet, haben die Objekte wohl dennoch nie gedient. Längst nicht alle Figuren wurden aufreizend und naturalistisch dargestellt. Viele sind geradezu abstrakt im Stil. Wen hätten sie erregen sollen?

Die in Südfrankreich entdeckte »Venus von Lespugue« ist besonders stark überzeichnet. Ihre kugeligen Brüste baumeln in die Tiefe, die Pobacken stehen ab wie Fußbälle. Das Werk könnte aus dem Atelier eines Kubisten stammen.

Es ging offenbar nicht um Sex, sondern um Fortpflanzung. Dies ist die spannende Fährte, auf die immer mehr Forscher einschwenken. Der Grund: Im Lande Feuerstein wehte ein Hauch von Matriarchat. In Fragen der Abstammung gab die Mutter den Ton an. Sie gebar das Kind, sie gab ihm den Namen.

Alle Familien, Sippen und Stämme definierten sich über die weibliche Linie. Über eine gemeinsame Ahnin schlossen sich die blutsverwandten Gruppen zusammen.

Der Mann spielte dabei keine Rolle. Was seine Stellung weiter schwächte: Die Funktion des Samens bei der Zeugung war im Gravettien womöglich noch unbekannt. Dieses biologische Wissen erlangte der Mensch vielleicht erst vor 10 000 Jahren, als er mit der Züchtung von Haustieren begann.

Das Weib: Spenderin des Lebens. Entsprechend hoch war ihr Ansehen auch im Ritus. Über eine endlose Kette von Müttern und Großmüttern führte der Weg zurück zum mythischen Anbeginn und zur Herkunft des Stammes. Der Ursprung war gleichsam weiblich.

Von sibirischen Völkern ist bekannt, dass sie aus Lärchen- und Espenholz weibliche Figuren schnitzten. Diese fütterten sie mit Fett und Grütze. Es waren die »Stammmütter«, aus deren Schoß alles kroch.

Gab es derlei Vorstellungen bereits vor 25 000 Jahren? Sicher scheint, dass die Venus-Figuren keine bestimmten Personen darstellen. Absichtsvoll sind die Gesichter ausgespart. Hier wird ein Typ gezeigt, ein Überwesen, eine Göttin.

Doch die neue verheißungsvolle Fährte führt noch tiefer in den alten Rätselkult hinein. C-14-Messungen legen nahe, dass die moppeligen Frauenplastiken erst am Ende des Gravettien entstanden.

Es könnten Werke des Untergangs sein.

Der Grund: Die Temperaturen fielen damals bedrohlich ab. Gletscher krochen von Norden heran, Eisberge trieben bis nach Portugal. Grabungen in Nordspanien zeigen, dass die Jäger dort Robben jagten. Vor rund 22 000 Jahren, nahm der Homo sapiens Reißaus. Mitteleuropa wurde geräumt - zu kalt.

Erst Jahrtausende nach diesem Frostschock rückten neue Einwanderer heran. Es war ein anderer Menschenschlag, kleiner im Wuchs. Diese Siedler bekritzelten ihre Felshöhlen mit Vulven und Strichmännchen. Mit dicken Frauen hatten sie nichts mehr im Sinn.

All das besagt: Geschmäcker und Traditionen änderten sich jäh. Ganze Völkerschaften fielen dem Klimachaos der Urzeit zum Opfer. Sie darbten, gerieten ins Abseits oder starben aus als Verlierer im »struggle for life«. Vor 28 000 Jahren erwischte es den Neandertaler. Vor etwa 20 000 Jahren verschwanden im Nahen Osten und in Nordafrika spurlos die letzten Kulturen archaischer Feuerstein-Leute.

Angesichts dieses unerbittlichen Jammertals aus Hunger und Not wirken die Steinzeit-Damen wie Glücksprojektionen: Prall und wohlbeleibt, wie göttliche Sättigungsbeilagen stehen sie da. Ihre Fettpolster reichen für Monate, ihre Brüste könnten mehrere Kinder nähren. Zudem sind ihre Bäuche verdächtig groß. Tragen sie Kinder im Bauch?

Vor allem die russische Forschung weist in jüngster Zeit immer wieder auf diesen Aspekt hin. Die rund zehn Elfenbeinfiguren aus Awdejewo stellen demnach verschiedene Stadien der Schwangerschaft dar. Eine Statue aus Kostjonki hat einen stark gewölbten Unterleib.

Viele Westforscher hegen mittlerweile ähnliche Gedanken. Bei einigen der Figuren sei »die Vagina vergrößert und mit geöffnetem Muttermund im Moment der Geburt dargestellt«, meint die Britin Jill Cook. Der Vorgeschichtler Jean-Pierre Duhard deutet die Werke fast alle als Schwangere, Gebärende oder Mütter, die bereits mehrere Kinder geboren haben.

Ist das Geheimnis der vermeintlichen Pin-ups damit gelöst? Muss man sie einfach nur als dralle Ikonen deuten, die eine Sehnsucht nach dem Sattessen ausdrücken? Sind es Traumbilder einer von Nahrungskrisen geschüttelten Welt?

So gesehen stände die Venus der Steinzeit plötzlich als Frau Schlaraffia da, als Kalorien-Königin, die mit ihrem üppigem Hüftspeck, den Milch spendenden Brüsten und dem fruchttragenden Bauch den - real bedrohten - Fortbestand der Sippe feierlich anzeigte.

»Unser tägliches Brot gib uns heute«, betet der fromme Christ im Vaterunser. Eine ähnliche Hoffnung könnte der paläolithische Kult der dicken Frauen ausdrücken.

Doch je größer der Wunsch, desto schlimmer ist oft der reale Mangel.

Vor rund 20 000 Jahren hatten sich die Gletscher bis in die Höhe von Berlin vorgeschoben. Grimmige Winde wirbelten durch die Tundra. Alles erstarrte in Permafrost. Die stolzen Jäger des Gravettien hatten damals längst entnervt und ausgemergelt ihre Heimat in Zentraleuropa verlassen.

Was sie im Frost zurückließen, sind winzige geheimnisvolle Frauenleiber aus Kalkstein und Elfenbein. Sie gehören zu den frühesten Heiligtümern der Welt.

MATTHIAS SCHULZ

* Walpurga Antl-Weiser: »Die Frau von W. - Die Venus von Willendorf, ihre Zeit und die Geschichte(n) um ihre Auffindung«. Verlag des Naturhistorischen Museums Wien; 208 Seiten; 27,50 Euro.

Zur Ausgabe
Artikel 76 / 99

Mehr lesen über