Qualvolle Enge - DER SPIEGEL
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MEDIZIN Qualvolle Enge

Jedes zehnte Kind in Deutschland leidet unter Asthma. Ist die chronische Luftnot eine Wohlstandskrankheit? Neuerdings erklären Mediziner die Zunahme des Leidens mit dem Rückgang der Tuberkulose in den Industrieländern.
• aus DER SPIEGEL 5/1997
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Weißlich, dünnhäutig und spärlich beborstet ist der tierische Hausgenosse, der vor allem im Winter die menschliche Nähe sucht: Nur im Bett, dort wo es warm und feucht ist, kann Dermatophagoides pteronyssinus - zu deutsch: die Hausstaubmilbe - die unwirtlichen Monate überstehen.

Ein Gramm ihrer Leibspeise, die tägliche Menge abgeschilferter Hautschuppen des Schläfers, genügt den bläßlichen Kreaturen, um sich in Matratzen, Wolldecken und Plumeaus millionenfach zu vermehren.

Den Seelenfrieden robuster Naturen stören die mikroskopisch kleinen Beischläfer kaum - zum Alptraum werden die unsichtbaren Achtbeiner hingegen für Asthmatiker: Die Hausstaubmilbe ist schuld an krampfartiger Atemnot, die lebensbedrohliche Formen annehmen kann.

Wenn Milben und ihre Kotklümpchen, etwa beim Bettenmachen, massenhaft aufgewirbelt werden, bleibt den Asthmatikern die Luft weg: Ihre überempfindlichen Atemwege reagieren allergisch und schwellen zu.

Die qualvolle Enge der Bronchien kann stundenlang dauern, schwere Erstickungsanfälle enden jährlich für 6000 Asthmatiker in Deutschland tödlich. Die Zahl der Erkrankten, so errechneten Epidemiologen, hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten fast verdoppelt.

Den Milben allein, die auch im noch so properen Haushalt vorkommen, kann jedoch die stetige Zunahme der Volkskrankheit Asthma nicht angelastet werden. Eine Vielzahl anderer Faktoren, so fanden Mediziner, ist an der Entstehung des Atemwegleidens beteiligt: Die chronische Luftnot, die schon jedes zehnte Kind befällt und an der in Deutschland insgesamt vier Millionen Menschen leiden, kann offenbar erblich bedingt sein, kann durch Luftverschmutzung, passives Mitrauchen oder auch durch Haustiere ausgelöst oder verschlimmert werden; Psychosomatiker machen Spannungen und Krisen in der Familie für Asthma mitverantwortlich.

Der krasse Unterschied zwischen den Industrienationen, in denen Asthma epidemische Ausmaße angenommen hat, und den armen Ländern, in denen das Leiden selten, wenn nicht gar unbekannt ist, ließ in jüngster Zeit Wissenschaftler nach einer »westlichen Komponente« fahnden. Untersuchungen an Flüchtlingen oder Gastarbeitern, die erst in der neuen, hochzivilisierten Umgebung an Asthma erkrankten, legten nahe, daß Umwelteinflüsse und spezielle Lebensgewohnheiten eine wesentliche Rolle bei der weltweiten Zunahme von Asthma spielen.

In einer neuen Studie kamen nun japanische und britische Mediziner einer Ursache auf die Spur, die paradox erscheint und gängige Vorstellungen umwirft: Nicht ein Zuviel an Giften, Gasen und Allergenen fördere die Entstehung der Krankheit, berichten Lungenspezialisten und Kinderärzte in der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift science. Asthma habe sich vielmehr ausgebreitet, »weil in der modernen Lebensumwelt etwas fehlt": ansteckende Kinderkrankheiten, in deren Verlauf Abwehrkräfte auch gegen Asthma aufgebaut werden.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei die in den hochentwickelten Industriestaaten weitgehend verschwundene Tuberkulose. Die ehemals grassierende »Lungenschwindsucht«, durch ausgehustete Tröpfchen, Schmutz oder auch durch infizierte Kuhmilch übertragen, löst offenbar Veränderungen im Immunsystem aus, die dann vor Asthma, aber auch vor anderen sogenannten atopischen Krankheiten wie Heuschnupfen und Ekzemen schützen.

»Die reinlichen Lebensbedingungen der westlichen Welt«, so kommentiert Oxford-Mediziner William O. C. M. Cookson in science, »können für Asthma anfällig machen, weil die Abwehrbalance verschoben ist« - zugunsten von Zelltrupps, die asthmatische Reaktionen in Gang bringen können: Mit dem Rückzug der Tuberkelbazillen hat die Wohlstandskrankheit Asthma an Terrain gewonnen.

In der Studie wirkte sich der »Vorteil von Infektionskrankheiten« (Cookson) bei den 867 untersuchten japanischen Kindern schon dann aus, wenn sie nicht durch Ansteckung, sondern nur durch eine TB-Impfung mit (abgeschwächten) Tuberkelerregern in Berührung gekommen waren.

Je heftiger die Zwölfjährigen auf die mehrfachen TB-Impfungen reagiert hatten, desto besser war ihr Asthmaschutz: Sie bekamen Asthma halb so oft wie diejenigen Kinder, deren Immunsystem auf die Vakzine nur schwach ansprach, also wenig Antikörper im Blut bildete.

Die kräftige TB-Impfreaktion hatte, wie die Mediziner herausfanden, eine reichliche Ausschüttung von sogenannten T1-Helferzellen bewirkt. Die Garde dieser Infektions-Abwehrhelfer bremst zugleich die Bildung ihrer Konkurrenz, der T2-Helferzellen, die sich bei Asthmaanfällen einmischen: Die T2-Truppen kurbeln, als Antwort auf eine Attacke von Hausstaubmilben oder Pollen, die Produktion von Immunglobulin E an, einer Klasse von Antikörpern, die bei plötzlichen Überempfindlichkeiten ("Atopie") aktiv sind. Bei asthmatischer Luftnot tragen sie dazu bei, daß die Bronchien anschwellen und sich entzünden.

Auch selten gewordene Infektionen wie Keuchhusten und Masern, so nehmen die Wissenschaftler an, schaffen bei Kindern ein Abwehrmilieu, das reich an T1-Zellen ist und damit vor Asthma schützen kann. Dabei spielt offenbar auch die Zahl der Geschwister, die Infektionen untereinander weitergeben, eine positive Rolle.

»Der Rückgang der Infektionskrankheiten«, so das Fazit der Publikation in science, »ist gekoppelt mit der Zunahme und Verschlimmerung von Asthma und Heuschnupfen in den hochentwickelten Ländern.«

Die gleiche Tendenz sei auch in einer noch laufenden, großangelegten deutschen Allergiestudie zu erkennen, die vom Bundesforschungsministerium finanziert wird und über die Renate Bergmann, Kinderärztin am Berliner Virchow-Klinikum, berichtet. Seit 1990 ermitteln Mediziner dort und an weiteren fünf Kliniken das Risiko von Neugeborenen, an Asthma, Heuschnupfen oder Ekzemen zu erkranken. Im weiteren Verlauf soll erkundet werden, »wie die Lebensweise und die Familienstruktur die Entwicklung der erkrankten Kinder beeinflussen« (Bergmann).

Ausgewählt wurden insgesamt 1314 Neugeborene, in deren Familien bereits Asthma oder Heuschnupfen vorkamen und die im Nabelschnurblut erhöhte Werte des verräterischen Immunglobulin E gezeigt hatten.

Die engmaschigen Nachuntersuchungen, Befragungen der Eltern sowie häusliche Staubproben ergaben »ein buntes Bild«, so Bergmann: »In all den Jahren entwickelte jede der sechs einbezogenen Städte ihr besonderes Muster.« Freiburg mit seinem feuchtwarmen Klima erwies sich als Deutschlands Milbenhauptstadt, Berlin als Raucherzentrum und Brutstätte von Katzenallergien.

»Ganz eindeutig«, meint Bergmann, spiele die erbliche Belastung der Asthmatiker-Kinder eine Rolle, »und ebenso eindeutig führt eine hohe Milbenkonzentration zu höherer Empfindlichkeit für Asthma«. Wer eine familiäre Asthmavorgeschichte hat, wird oftmals schon durch eine niedrige Dosis von Milben oder Katzenhaaren krank.

»Genetische und Umwelteinflüsse greifen eng ineinander«, sagt Bergmann - und schalten einander gelegentlich auch aus, was epidemiologische Feststellungen erschwert. So stillen Mütter, die aus Asthmafamilien kommen, ihre Babys besonders häufig, um deren Immunschutz zu verbessern. Raucher verbreiten asthmafördernden Qualm, haben aber, wie in Berlin gemessen, dafür weniger Milben in der Wohnung - weil sie öfter lüften.

So narrt eine Vielzahl gleichzeitiger Einflüsse die Mediziner und Epidemiologen, und wer, wie zu Beginn der Studie erhofft, »Asthma schon am Wochenbett voraussagen will, wird enttäuscht« (Bergmann).

Ebenso weit wie von verläßlichen Frühprognosen sind die Ärzte noch von einer wahren Therapie entfernt. Einen möglichen Weg schlägt der britische Mediziner Cookson in science vor - als Konsequenz der Untersuchungsergebnisse spekuliert er über eine »Impfung gegen Asthma und andere allergische Erkrankungen«. Dabei müßte »das Immunsystem so manipuliert werden, daß es dauerhaft T1-Helferzellen ausschüttet«.

Bis ein solcher Eingriff in das subtile Zusammenspiel der körpereigenen Abwehr machbar ist, müssen sich Patienten und Ärzte mit den herkömmlichen Therapeutika begnügen, unter denen das inhalierbare Cortison immer noch die Hauptrolle spielt.

»Das bisherige greifbare Ergebnis jahrzehntelanger pharmakologischer Forschung«, so klagen Asthmaspezialisten wie der Münchner Kinderarzt Walter Dorsch, sei jedoch »enttäuschend«. »Wo bleiben die neuen, besseren Medikamente?«

Damit Asthmatiker schon als Kind lernen, ihre chronische Krankheit im Alltag zu bewältigen, beziehen manche Ärzte die gesamte Familie in die Therapie ein. Die ständigen Infekte der Kinder und ihre immer wiederkehrende Atemnot belasten und fordern Eltern und Kinder gleichermaßen.

Schulungsprogramme und Kurse, in denen der Umgang mit dem beginnenden Asthmaanfall ebenso eingeübt wird wie selbstbewußtes Verhalten gegenüber verständnislosen Lehrern und Mitschülern, hat Rüdiger Szczepanski vom Kinderhospital Osnabrück entwickelt, einem Zentrum für interdisziplinäre Asthmaschulung. In einem Kriechtunnel, der mit Kissen verstopft wird, können die Kinder »körperlich erfahren, was die Verschleimung und Obstruktion der Bronchien bedeutet«, erläutert Szczepanski.

In Rollenspielen proben die Kinder Notfall-Management ("Du hast vor zwei Stunden inhaliert, du pfeifst, was kannst du weiter machen?"), lernen Entspannungstechniken sowie die Funktionen der unterschiedlichen Medikamente.

Damit es Eltern leichter fällt, sich in ihr krankes Kind einzufühlen, rät Kinderarzt Szczepanski ihnen zuallererst: »Atmen Sie zwei Minuten lang mit zugehaltener Nase durch einen Strohhalm! Dann wissen Sie, was Asthmakinder oft mehrere Stunden lang empfinden.«

* Beim Spiel im Kriechtunnel, der die verengten Bronchiendarstellt.

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