Rennwagen für Anfänger - DER SPIEGEL
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AUTOMOBILE Rennwagen für Anfänger

In vierjähriger Zusammenarbeit schufen Mercedes und Formel-1-Partner McLaren den Supersportwagen SLR. Heraus kam ein erstaunlich normales Auto.
• aus DER SPIEGEL 49/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wilde Paviane kreuzten die Straßen, als Mercedes-Benz vergangene Woche sein jüngstes Modell präsentierte. Auch Pinguine sahen zu.

An der Südspitze Afrikas fuhren Autotester die ersten Exemplare des 435 000 Euro teuren und 626 PS starken Supersportwagens SLR McLaren. Mercedes-Chef Professor Jürgen Hubbert war ebenfalls zugegen und erklärte am Kap der Guten Hoffnung: »Das Auto ist fast fertig.«

Fast?

Fast. Nicht in diesem Jahr, wie anfangs geplant, sondern erst Anfang 2004 wird der Wagen ausgeliefert. Die aktuellen Testwagen entstammen einer kleinen Vorserie von zehn Exemplaren, die nicht in Kundenhand kommen werden.

Der Zweisitzer mit den Flügeltüren, der an den SL-Mythos der Fünfziger gemahnen soll, ist ein schwieriger Patient, vor allem deshalb, weil er gar nicht bei Mercedes gebaut wird. Hersteller ist der Formel-1-Partner McLaren im englischen Woking.

Der schillernde Produktionsort - Stararchitekt Norman Foster schuf die Fabrik - sollte den Rennsportaktivitäten von Mercedes einen Hauch elitärer Kundennähe geben; nun droht er zur Quelle von Kundenfrust zu werden. Zahlreiche Qualitätsprobleme, vor allem unsaubere Passungen, verzögerten den Produktionsstart.

Die Wartenden sollen zu Verkaufsbeginn mit einem noch geheim gehaltenen »Event« vertröstet werden. Nach der Auslieferung werden sie dann feststellen, dass Mercedes und McLaren ein erstaunlich normales Auto gebaut haben.

Die schieren Fahrleistungen - der SLR beschleunigt unter heiserem Kompressor-Geschrei in 3,8 Sekunden auf 100 km/h und erreicht 334 Spitze - sind zweifellos enorm und ohnehin auf legalem Wege kaum erlebbar. Doch allein diese machen nicht mehr den Unterschied. Manche getunten Großserienmodelle von Mercedes und anderen Herstellern können ungefähr das Gleiche. Das Fahrwerk jedoch, beteuern die Konstrukteure, sei beim SLR erheblich anspruchsvoller.

Von höchstem technischem Aufwand zeugt das Material der Karosserie. Wie im Rennwagenbau wird sie aus extrem festem und leichtem Kohlefaserwerkstoff im Ofen gebacken. Doch am fertigen Auto ist von der Gewichtsersparnis kaum noch etwas zu spüren. Voll getankt und fahrbereit wiegt der Wagen 1768 Kilogramm, fast acht Zentner mehr als etwa der Porsche Carrera GT, ein Supersportwagen vergleichbaren Kalibers, ebenfalls aus Karbonfaser.

Der relativ schwere Motor, ein V8-Aggregat aus der Großserie, trägt einen Teil zum Übergewicht des Mercedes bei. Zahlreiche Komfortausstattungen, darunter elektrisch verstellbare Sitze und Lederbezüge im gesamten Innenraum, tun das Übrige. Der SLR, räumt Hubbert ein, sei schwerer geworden als anfangs vorgesehen: »Wir haben das lange diskutiert, dann aber für nicht hinderlich befunden.«

Eher exotisch für einen Supersportwagen erscheint die Entscheidung für einen Frontmotor und Heckantrieb. Die Konstrukteure von McLaren wollten aus dem SLR einen Mittelmotorwagen nach Formel-1-Rezept machen, weil diese Anordnung das agilste Fahrverhalten verspricht.

Doch Mercedes setzte auf ein Bauprinzip, nach dem auch die glorreichen SL- und SLR-Modelle der Fünfziger konstruiert wurden - einen weit zurückversetzten Frontmotor. Um den Preis einer sehr langen Motorhaube sorgt diese Anordnung für eine Gewichtsverteilung, die der von Mittelmotorwagen recht nahe kommt.

Für die Kraftübertragung sorgt ein Getriebe, das zwar tadellos arbeitet, aber jeder authentischen Renntechnik spottet: eine Fünfgang-Automatik mit hydraulischem Wandler. Zwar kann ein Fahrer, dem es nach Formel-1-Feeling gelüstet, auch manuell per Knopfdruck am Lenkrad schalten, doch die Möglichkeit, jederzeit wieder auf den Automatik-Modus zurückzugreifen, stellt sicher: Auch jeder Anfänger kann einen SLR fahren.

In der »Kundentypologie« des SLR-Marketingbeauftragten Klaus Nesser steht der passionierte »Racer« erst auf Platz drei. Davor kommen Sammler und zuallererst »Comfort Sportsmen«, eine Art wohl temperierte Wilde, die das Urgewaltige am Auto durchaus schätzen, hinterm Steuer aber nicht unbedingt arbeiten und schon gar nicht leiden wollen.

3500 Exemplare des SLR will Mercedes binnen sieben Jahren verkaufen, mehr als das Doppelte dessen, was Porsche vom etwas teureren, aber knorrigeren Carrera GT abzusetzen gedenkt. Bisher gab es keinen einzigen Sportwagen dieser Preisklasse, der auch nur annähernd die von Mercedes angestrebte Stückzahl erreicht hätte. Immerhin seien drei Jahresproduktionen, also gut 1500 Exemplare des SLR, bereits ausverkauft, erklärte Hubbert in der vergangenen Woche.

Umso dringender muss mit der Auslieferung begonnen werden. Doch noch immer sind nicht alle technischen Probleme gelöst. An den aus der Formel 1 entliehenen Keramik-Bremsscheiben entstehen unschöne Quietschgeräusche, die während der Testfahrten in Südafrika nicht zu überhören waren.

Hubbert räumte ein, dass das Phänomen den Entwicklern bereits bekannt sei: »An dem Thema arbeiten wir noch.«

CHRISTIAN WÜST

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