Revolution im Kinderhirn - DER SPIEGEL
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BÜCHER Revolution im Kinderhirn

• aus DER SPIEGEL 41/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Wenige haben sich so intensiv mit dieser Frage befasst wie der Anthropologe Michael Tomasello. Jetzt ist das Resümee seiner Forschertätigkeit auf Deutsch erschienen ("Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens«. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 288 Seiten; 26,90 Euro). Herausgekommen ist eine faszinierende Theorie des menschlichen Geistes. Tomasello erteilt all jenen eine Absage, die bereits im Tierreich die Wurzeln menschlichen kulturellen Verhaltens erkennen wollen. Zugleich wendet er sich auch gegen jene, die glauben, genetische Mutationen hätten dem Menschen eine Reihe hoch spezialisierter Hochleistungshirnmodule beschert. Die Begabung zu Mathematik, Musik oder Sprache können Tomasellos Überzeugung zufolge unmöglich unabhängig voneinander entstanden sein. Am Anfang müsse vielmehr eine einzige Fähigkeit gestanden haben, die dann Grundlage aller weiteren gewesen sei. Den entscheidenden Unterschied zum Tier sieht Tomasello darin, dass allein der Mensch fähig sei, seine Artgenossen als absichtsvoll handelnde Gegenüber zu erkennen. Diese Sonderbegabung des Homo sapiens, so Tomasello, äußere sich bei Säuglingen im Alter von neun bis zwölf Monaten: Plötzlich folgen die Kinder den Blicken von Erwachsenen, imitieren erste Handlungen und teilen ihre Aufmerksamkeit mit ihren Eltern. Tomasello glaubt hier eine »Revolution des Weltverständnisses« zu erkennen, in der sich das Wesen des Menschen offenbare.

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