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»Rosa Pillen für blasse Leute«

Die historischen Ursachen der Drogensucht am Beispiel Australiens/von Alfred W. McCoy Individuelle Veranlagung und Umweltbedingungen entscheiden darüber, wer drogensüchtig wird. Aber den Boden für die Sucht des Einzelnen haben geschichtliche, soziale und wirtschaftliche Entwicklungen bereitet, die hundert Jahre und weiter zurückreichen. Am Beispiel Australiens ist dies nach Ansicht des amerikanischen Zeitgeschichtlers und Rauschgiftexperten McCoy geradezu exemplarisch aufzuzeigen. McCoy, 36, der an der Yale University promovierte, drei Bücher über Rauschgift und Südostasien veröffentlicht hat, lebt in Australien. Seinem Beitrag aus der Dokumentation zu der Ausstellung »Rausch und Realität« ist der folgende Auszug entnommen:
• aus DER SPIEGEL 32/1981
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In unserem Jahrhundert war es fast überall in der westlichen Welt üblich, Drogenmißbrauch oder Sucht als persönliche Schwäche anzusehen. Mediziner reduzierten das vielschichtige Problem des Massenmißbrauchs von Drogen auf ein reines Persönlichkeitsproblem des einzelnen. Diese Betrachtungsweise hat die Erforschung des Drogenmißbrauchs nachhaltig beeinflußt und eine wissenschaftliche Literatur hervorgebracht, in der die Droge selbst als rätselhafter Virus oder irgendein noch unentdeckter Mikroorganismus erscheint.

Diese auf die medizinischen Gegebenheiten beschränkte Sicht läßt den gesellschaftlichen und geschichtlichen Zusammenhang außer acht, der zum Schema des heutigen Drogenmißbrauchs führte. Will man verstehen, »warum« ein Mensch Drogen nimmt, muß man das »wie« begreifen, nämlich wie für Drogen geworben wird, wie sie auf den Markt kommen, und wie ihre Hersteller die Beschränkungen überwanden, die ihnen durch Kontrollgesetze auferlegt wurden.

Unter den westlichen Nationen, die vom Drogenmißbrauch stark betroffen sind, zeigt Australien wohl am deutlichsten die Verknüpfung mit den gesellschaftlichen Bedingungen. Während der letzten hundert Jahre war der Drogenmißbrauch dort in allen Gesellschaftsschichten so stark verbreitet, daß es schwierig sein dürfte, ihn als Problem von einzelnen oder einer kleinen Gruppe von Abweichlern abzutun.

Obgleich das Problem des australischen Drogenmißbrauchs fälschlicherweise meist als eines der jüngsten Vergangenheit angesehen wird, ist es mindestens hundert Jahre alt. Der Apothekerberuf war in den australischen Bundesstaaten New South Wales und Victoria schon in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts wohl etabliert, und zahlreiche kleine Apotheken in Melbourne und Sydney trieben einen blühenden Handel mit Medikamenten auf Opium- und Morphiumbasis. 1893 gab es in Sydney einen eingetragenen Apotheker auf je 1700 Einwohner.

Um 1910 war Australien trotz seiner verhältnismäßig geringen Bevölkerungszahl weltweit der größte Importeur britischer Pharmazeutika, und 1936 hatte es den höchsten legalen Verbrauch von Suchtmitteln in der westlichen Welt: den doppelten Pro-Kopf-Verbrauch an Kokain und den dreifachen an Heroin verglichen mit Großbritannien.

Gefördert durch massive Werbung wurde Australien in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts zum Spitzenverbraucher pharmazeutischer Markenartikel in der Welt und blieb es bis zum heutigen Tag. 1971 ermittelte ein Senatsausschuß, daß Australien jährlich 980 000 Kilogramm Aspirin verbrauchte, was einer jährlichen Konsumquote von 270 Tabletten pro Person entsprach, der dreifachen Quote gegenüber Großbritannien.

Es überrascht nicht, daß nach einer -- in den frühen siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts angestellten -- Untersuchung, die australische Quote für Nierenversagen infolge der Einnahme schmerzlindernder Mittel fünfzigmal so hoch war wie die anderer Länder. 1976/77 betrug die Zahl der ärztlichen Verschreibungen allein für starke, die Stimmungslage verändernde psychotrope Drogen (Tranquilizer, Sedativa und Anti-Depressiva) insgesamt 10 782 000, fast eine für jeden erwachsenen Australier. 1971 ergab eine Befragung in einer Vorstadt von Sydney, daß dort 24 Prozent der Frauen und zehn Prozent der Männer zwischen 14 und 65 Jahren dauernd irgendwelche Psychopharmaka einnahmen.

Will man verstehen, wie und warum Australien -- mit den Worten des Sozialausschusses des Senats -- »eine vergiftete Gesellschaft« geworden ist, muß man den geschichtlichen Werdegang der Drogensucht in den letzten hundert Jahren untersuchen.

Der Drogenmißbrauch im heutigen Australien hat letztlich zwei Ursachen: S.142 eine kulturell bedingte Vorliebe für Drogeneinnahme, die sich im 19. Jahrhundert entwickelte, sowie multinationale pharmazeutische Verkaufskampagnen, die dieses Potential förderten.

Als die Bewohner Europas und Amerikas während des 19. Jahrhunderts vom Land in die Städte und vom Bauernhof in die Fabriken abwanderten, veränderte sich infolge gewandelter Lebensformen und Bedürfnisse auch die Ernährungsweise der arbeitenden Bevölkerung. Und da der städtische Fabrikarbeiter des 19. Jahrhunderts an eine von der Industrie bestimmte Lebensweise gebunden war, die gleichmäßige Leistung erforderte, mußte er auch zu Anregungsmitteln greifen, die den Biorhythmus seines Körpers auf das Tempo der Industrie einstimmten.

Der Handwerker oder Landarbeiter des 18. Jahrhunderts hatte hingegen das Tempo seiner Tagesarbeit weithin selbst bestimmen können. In einem halben Jahrhundert stieg damals der durchschnittliche Verbrauch eines Engländers an Zucker (einer raschen Energiequelle) auf das Vierfache: von zwanzig Pfund um 1850 auf achtzig Pfund um 1900, während der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch von Tee um das Doppelte zunahm, von zwei auf sechs Pfund im gleichen Zeitraum.

Die einfache Ernährungsweise des 19. Jahrhunderts, überwiegend aus gemahlenem Getreide, wurde um 1900 abgelöst von großen Mengen Rindfleisch (tierisches Eiweiß), Kaffee (als Anregungsmittel), Zucker (als rasche Energiezufuhr) und Tee (als Anregungsmittel). Wenn eine energiereiche Diät aus Eiweiß, Glukose und Koffein dazu verhalf, den Körper künstlich anzuregen und ihn zu befähigen, eine gleichbleibende Leistungshöhe über einen langen Arbeitstag durchzuhalten, so konnten Medikamente dazu dienen, den Menschen nach der Arbeit zu beruhigen und zu entspannen.

Die Medikamentenhersteller produzierten Drogen zur Unterstützung jeder körperlichen Funktion und um jeden gewünschten Gemütszustand herbeizuführen, Es gab Medikamente auf Kokainbasis zur Überwindung der Müdigkeit, morphiumhaltige Arzneien, um die strapazierten Nerven zu beschwichtigen, und heroinhaltige Mittel, um das erregte Gemüt oder die Atmungsorgane zu beruhigen.

Zudem sahen die Europäer, die im 19. Jahrhundert nach Australien auswanderten, das Klima dieses Erdteils als besonders ungesund an. Um sich dagegen zu wappnen, vertrauten die frühen Siedler auf Alkohol, Opiate und andere Drogen. Hoher Alkoholkonsum und Medikamenteneinnahme waren die instinktive Antwort der englischen Unterschicht auf das heiße Klima Australiens. Sie schluckten große Mengen von Medikamenten, sowohl vernünftige als auch schädliche, um jedes einzelne Organ vor Schaden zu schützen. Alkohol sollte die Konstitution stärken, Pillen die Haut rosig machen, wäßrige Lösungen die Leber durchspülen, Pulver die Eingeweide reinigen, Opiate die Atmungsorgane beruhigen und Wundermittel das Herz festigen.

Obwohl die allgemeine Sorge wegen des ungesunden Klimas im frühen 20. Jahrhundert allmählich verblaßte, überlebte der Glaube an den Segen der Drogen und wurde von den Medikamentenherstellern durch Werbung in den Massenmedien noch genährt.

Trotz der frühen Blüte des Pharmaziegeschäfts entwickelte sich der Massenkonsum von Drogen in Australien erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die fabrikmäßige Herstellung von Narkotika -- Morphium, Kokain und Heroin -- machte die weltweite Massenvermarktung von »Wundermitteln« oder »Patentmedizinen« möglich, deren einzig wirkungsvoller Bestandteil gewöhnlich ein Narkotikum war.

Die wichtigsten Neuerungen in der industriellen Herstellung von Narkotika wurden in England, Deutschland und Amerika entwickelt. Morphium wurde erstmals 1805 chemisch vom Roh-Opium getrennt, aber erst 1827 kommerziell hergestellt, als E. Merck & Co. in Darmstadt auf breiter Basis mit der Produktion begann. Im Gefolge der Entwicklung der subkutanen Spritze um 1850 erlangte injiziertes Morphium große Beliebtheit bei den praktischen Ärzten.

Als man allmählich die süchtig machenden Eigenschaften des Morphiums erkannte, suchte man nach einem Ersatz. Obwohl ein englischer Forscher schon 1874 Morphium an Essigsäure band und Diacetyl-Morphium herstellte, begann erst 1898 die Firma Bayer in Elberfeld mit der Massenproduktion unter dem Handelsnamen »Heroin«.

Kokain, ein Lokalanästhetikum, hatte eine ähnliche Geschichte. Während eines Besuches in Lateinamerika um 1830 beobachtete ein europäischer Reisender, daß das Kauen von Kokablättern das Durchhaltevermögen der Anden-Indianer verstärkte. Nachdem ein europäischer Chemiker den Wirkstoff Kokain aus den Blättern isoliert hatte, begann die Firma Merck 1862 mit der kommerziellen Produktion. Mercks Hauptkonkurrent um die Vorherrschaft im weltweiten Kokainhandel war die Parke-Davis Company in Detroit, die Kokainzigaretten, ein kokainhaltiges Herzstärkungsmittel, Ampullen zur subkutanen Anwendung sowie kokainhaltige Einreibemittel und Sprays herstellte. S.143

Zwischen 1870 und 1890 vervollkommnete die Pharma-Industrie ihre Strategie der Massenvermarktung -- ansprechende Markennamen, Zusatz von Narkotika oder Alkohol und betrügerische Werbung -- und wurde zu einer der bedeutendsten Wachstumsindustrien. Die Patentmedizinhersteller warben für ihre Produkte, indem sie wundersame Heilung für eine Vielzahl verschiedenster Krankheiten versprachen.

Dadurch gewannen sie unzählige Dauerkunden, die von Alkohol, Opium, Morphium, Heroin oder Kokain -den wesentlichen Bestandteilen dieser Mittel -- abhängig wurden.

Die Strategie des Massenvertriebs, erprobt und bewährt in London, wurde in den Antipoden wiederholt: reißerische und betrügerische Werbung, alkoholische oder narkotische Ingredienzen, um die Abhängigkeit zu fördern, und Erpressung der Medien, um Kritik zu unterdrücken.

Zwischen 1890 und 1920 beherrschte die Drogenwerbung die australischen Zeitungen. In einer Ausgabe der »Truth« vom Januar 1920, der damals größten Wochenzeitung in New South Wales mit einer Auflage von 250 000 Exemplaren, belegten Drogenhändler über ein Drittel des Raumes für größere Anzeigen, das war das Fünffache der Fläche für Zigaretten- und Alkoholwerbung zusammen.

Das aus den Vereinigten Staaten importierte Mittel »Peruna«, das 25 Prozent Alkohol enthielt, wurde mit dem Werbespruch verkauft: »Die Hälfte unserer Krankheiten sind Katarrhe! 'Peruna' gegen Katarrh im Kopf, Katarrh der Kehle, der Lunge, des Magens, der Nieren, der Blase und der Unterleibsorgane.« »Ayer's Sarsaparilla«, ein amerikanisches Produkt, das Opium enthielt, zielte mit seiner Absatzpolitik auf die Frauen, zum Beispiel mit Empfehlungsschreiben »ie dem einer »Dame aus Adelaide": Ich wurde häufig von » » schrecklichen Stimmungen befallen. Die Ärzte konnten mir » » nicht helfen. Ich konnte nicht schlafen, ich verlor den » » Appetit und war wirklich arm dran. Zu meiner großen » » Überraschung fühlte ich mich in jeder Hinsicht wesentlich » » besser, nachdem ich nur zwei Flaschen der Medizin genommen » » hatte. Nach Einnahme von sechs Flaschen verlor ich alle » » unangenehmen Gefühle und war völlig geheilt. »

Ein arsenhaltiges Wundermittel aus Kanada, »Dr. William's Pink Pills for Pale People«, wurde an »die Mädchen von heute« verkauft, »gegen das, worunter Frauen leiden«. Ein australisches Produkt auf Morphiumbasis, »Bonnington's Irish Moos« wurde der »sorgsamen Hausfrau« als »ein sicheres Heilmittel ... bei quälenden Erkältungen, Bronchitis und allen Krankheiten der Atemwege« empfohlen. »Mrs. Winslow's Soothing Syrup«, ein stark suchterzeugendes Mittel auf Morphiumbasis, wurde für Säuglinge und Kinder bei Krankheiten der Atemwege empfohlen. Ende des 19. Jahrhunderts verkauften Süßwarenläden in Sydney Chlorodyne-Bonbons, die Morphium enthielten, als Süßigkeiten an Kinder.

Durch ihre Werbung lehrte die Alkohol- und Pharma-Industrie die Australier, Wohlbefinden und gesundes Aussehen gleichzusetzen mit der Einnahme von Drogen und Alkohol. Zwischen 1920 und 1930 wurden zum Beispiel »Fisher's Beauty Pills for the Liver« den australischen Frauen mit dem Werbeslogan verkauft: »Schönheit erregt Bewunderung. Eine klare reine Haut und rosige Wangen sind die Hauptmerkmale eines reizvollen Gesichts. Wenn Ihre Leber nicht in Ordnung ist, wird Ihr Teint diese Vorzüge vermissen lassen.«

Frauen wurden denn auch die Hauptverbraucher der pharmazeutischen Schwindelpräparate. Die aufsehenerregendsten Fälle von Opium-Abhängigkeit betrafen fast immer Frauen. Obwohl die Männer in der Patentmedizinwerbung keineswegs übergangen wurden, waren sie doch deutlich eine Zielgruppe zweitrangiger Bedeutung.

Dreißig Jahre nachdem Parke-Davis, ein amerikanischer Hersteller, mit einem einzigen teilzeitbeschäftigten Handelsreisenden für ganz Australien begonnen hatte, beging die Firma 1907 S.146 ihr Jubiläum in einem eleganten Lokal in Sydney mit einer Festgesellschaft von 150 Angestellten und Geschäftsfreunden. Es war eine verschwenderische »Dinnerparty« mit Tanz bis in die frühen Morgenstunden. Die deutschen Firmen, die später nach Australien kamen, erfreuten sich eines ähnlichen Erfolges, und 1914 meldete die Bayer-Filiale in Sydney, Hersteller von Aspirin und Heroin, einen jährlichen Umsatz von 6,5 Millionen Pfund.

In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg häuften sich langsam die Beweise, daß Sucht ein ernstes Problem für Australien geworden war. Dennoch gab es kaum einen systematischen Versuch, umfassende Daten zu diesem Problem zu sammeln und zu analysieren.

Die ersten Schritte zur Kontrolle des Verkaufs von pharmazeutischen Präparaten wurden durch mehrere aufsehenerregende Fälle betrügerischer Werbung ausgelöst. 1894 starteten lokale Pharmafabrikanten einen Werbefeldzug in der Presse von Melbourne für »Dr. Tyson's Vegetable Cure for Drunkenness« und »Dr. Keelsy's Biochloride of Gold Cure«. Nachdem einer der ersten Verbraucher nach Einnahme eines Löffels dieser Arznei tot umfiel, untersuchte die örtliche Apothekenkammer die beiden Arzneimittel und fand heraus, daß die »Goldkur« Kokain enthielt und die »Kräuterkur« eine tödliche Menge Strychnin. Die Hersteller flohen aus der Kolonie, um der Strafverfolgung zu entgehen.

Weitere Versuche, bestehende Gesetze auszunützen, um die Patentmedizinen unter Kontrolle zu bringen, blieben erfolglos, nachdem eine Klage gegen »Dr. William's Pink Pills for Pale People« (die Arsen enthielten) von den Gerichten zurückgewiesen wurde.

Zwischen 1905 und 1910 wurden durch gesetzliche Reformen die schlimmsten Mißstände im Arzneimittelhandel beseitigt. Aber es blieb das noch immer beträchtliche Suchtproblem durch reine, zusatzfreie Narkotika. Ahnungslose Verbraucher wurden nur nicht mehr unbeabsichtigt von »Mrs. Winslow's Soothing Syrup« süchtig.

Aber Dauerkonsumenten von Kokain, Morphium und Heroin konnten ihren Bedarf weiterhin ohne Einschränkung fast überall in den Apotheken in Australien decken. Nach dem Ende der Patentmedizin-Kontroverse hatten Fachmediziner und Reformer ihre Aufmerksamkeit dem Suchtproblem zugewandt, und sie fanden manche Ursache zur Sorge. Viele Apotheker verteidigten ihr »Verschreibungsrecht« und standen den Reformgesetzen feindlich gegenüber, da diese den Betäubungsmittelverkauf von einer ärztlichen Verschreibung abhängig machen wollten.

Mit viel zäherem Widerstand als die ausländischen Arzneimittelfirmen kämpften die Apotheker gegen die Reformen und ermöglichten so bis in die späten zwanziger Jahre den freien Verkauf von an sich verschreibungspflichtigen Betäubungsmitteln in New South Wales und mehreren anderen Staaten. Im Mai 1913 brachte die »Australasian Medical Gazette« unter dem Titel »Die Drogengewohnheit« einen »eitartikel, der auf das Problem aufmerksam machte: Wir glauben » » nicht, daß dieser Berufsstand insgesamt den Ernst der Lage » » begriffen hat, noch daß er sich im klaren ist, wie oft ein » » Mediziner verantwortlich dafür sein mag, daß er einen » » Patienten zum Drogengebrauch bringt, von dem dieser dann » » später kaum mehr loskommen kann. Der wahllose Gebrauch der » » Morphium- oder Heroinspritze ... ist verantwortlich für viel » » Elend ... Wachsende Sorgfalt von seiten der Ärzte bei der » » Verschreibung von Drogen und Einschränkung des Verkaufs » » starker Betäubungsmittel in Tablettenform ohne ärztliches » » Rezept unmittelbar an die Kunden der Apotheken würden » » wesentlich dazu beitragen, die offensichtliche Zunahme der » » Drogensucht in Australien einzudämmen. »

Das endgültige Verbot von Rauschdrogen war ein direktes Ergebnis der Teilnahme von Australien am Ersten Weltkrieg. Tatsächlich war der Krieg die Zäsur, die über hundert Jahre Drogenmißbrauchs in Australien in zwei unterschiedliche Zeitabschnitte zerteilte: fünfzig Jahre uneingeschränkten Rauschmittelverkaufs von 1870 bis 1920 und weitere sechzig Jahre des ungesetzlichen Betäubungsmittelhandels bis zur Gegenwart.

Die Kampfbedingungen in den Schützengräben Europas und des Mittleren Ostens erzeugten ein Bedürfnis nach Kokain und Opiaten unter den australischen Truppen. Unfähige Sanitäter der Britischen Armee verschrieben viel zu hohe Dosen Narkotika aller Art sowohl den Frontkämpfern als auch den kampfesmüden, unter Schützengrabenneurose leidenden Soldaten in den Lazaretten.

Von der Truppe breitete sich der Narkotikakonsum auf die Frauen aus, mit denen die Soldaten am häufigsten zusammen waren, nämlich auf die Prostituierten von Sydney und Melbourne. Und dort blieb der Drogenkonsum erhalten, lange nachdem die Soldaten zu ihren Familien zurückgekehrt waren. Während im Vorkriegs-Australien mit Opiaten der meiste Mißbrauch getrieben wurde, machten die Kriegsjahre Kokain populär. Kokain wurde zum beherrschenden illegalen Narkotikum der Nachkriegsjahrzehnte.

Innerhalb weniger Jahre nach Kriegsende entdeckte die Polizei von Sydney und Melbourne, daß Kokainkonsum das vorherrschende Laster der Prostituierten und der Slumbewohner war. Entschlossen, die Auswirkungen des Krieges zu verdrängen, erklärten die Parlamente von Victoria und New South Wales den Drogenhandel für illegal.

Australiens Verbot von Narkotika war Teil einer weltweiten Bewegung, suchterzeugende Drogen für ungesetzlich zu erklären. Angeregt durch den Völkerbund und unter dem Druck der eigenen Reformer, schränkten die meisten westlichen Nationen in den zwanziger Jahren den Betäubungsmittelhandel ein oder verboten ihn ganz.

Sobald der gesetzliche Verkauf von Rauschdrogen abgeschafft war, tauchten weltweit in vielen Großstädten Verbrechersyndikate auf, die die illegale Nachfrage befriedigten. So wuchs sich S.147 in den USA das organisierte Verbrechen örtlicher Banden zu bundesweiten Syndikaten aus, die den illegalen Markt ausnutzten, den das Verbot von Alkohol und Betäubungsmitteln während der zwanziger Jahre geschaffen hatte.

Obwohl Australien auf eine lange Tradition ländlichen Banditentums und städtischer Kleinkriminalität zurückblicken konnte, entwickelten sich auch hier erst in den zwanziger Jahren überregionale Verbrechersyndikate, die man auch mit dem Sammelbegriff »organisiertes Verbrechen« bezeichnet. Dieser verborgene Sektor des Wirtschaftslebens dieser Städte basierte hauptsächlich auf drei Arten von kriminellen Geschäften: illegaler Verkauf von Alkohol außerhalb der Geschäftszeiten, ungesetzlicher Handel mit Kokain und verbotene Wettbüros.

Als die Pharma-Industrie in den späten zwanziger Jahren ihren ertragreichen Betäubungsmittelmarkt an Verbrechersyndikate zu verlieren begann, glich sie das durch intensivere Vermarktung alternativer Drogen aus. Die Vertretung von British Drug Houses Ltd. begann 1931 eine Werbekampagne für Amphetamine ("Pervitin") bei den Apotheken mit dem Hinweis, daß »die Ärzte die Werbung für Ephedrine BDH sehr positiv aufnähmen und daß die Apotheker gut beraten wären, ausreichende Vorräte dieses Präparates anzulegen«.

Nachdem den Apothekern der Markt für Kokain und Opiate praktisch genommen war, begannen sie in New South Wales, sich für eine Lockerung der Beschränkungen des Barbituratverkaufes einzusetzen, und gewannen schließlich einen Teilsieg. Fast gleichzeitig berichteten Fachblätter der Einzelhandelsapotheker, daß Handelsvertreter, Ärzte und Zahnärzte reichlich mit Mustern verschiedenster Barbiturate versorgt werden könnten.

Während der fünfziger und sechziger Jahre verfolgten die Apotheker diese Richtung weiter mit Verkäufen einer Vielzahl starker Beruhigungs- und Aufputschmittel. Das beliebte apothekenpflichtige Erzeugnis »Relaxa-Tabs«, das gefährliche, suchterregende Bromverbindungen enthielt, trug auf der Verpackung den Hinweis »Gebilligt von der Pharmazeutischen Bundesvereinigung von Australien«.

Als ein Mitglied darauf hinwies, daß dieses Medikament zum Selbstmord führende Depressionen auslösen könnte, entschied die Apothekerinnung in New Youth Wales 1953, »daß die ethische Seite der Angelegenheit hinter der geschäftlichen Seite zurückstehen müsse. Denn die Verkaufsziffern der 'Tabs' sind sehr hoch«.

Obwohl die »Relaxa-Tabs« schließlich zurückgezogen wurden, blieben Amphetamine, Valium und andere starke Pharmazeutika, die alle nicht ungefährlich sind und viel zu häufig S.148 verordnet wurden. Aber Händlern sowie Apothekern brachten sie eine Dauerkundschaft und Gewinn. Obgleich jede Droge vom Markt zurückgezogen wurde, sobald ihre negative Wirkung bekannt wurde, folgte ihr alsbald eine andere mehr oder weniger harmlose Droge, die rasch ähnlich hohe Verkaufsziffern erzielte. Die Verbraucher waren nicht davon abzubringen, daß Medikamenteneinnahme ihre Gesundheit oder ihr Wohlbefinden verbessern würde.

Der weiterhin hohe Mißbrauch von Markenpräparaten und verordneten Arzneimitteln vor allem durch Frauen macht Ärzten und Forschern große Sorgen. Der Jahresbericht des australischen Wohlfahrtsausschusses für 1977 zeigt Einzelheiten des massenhaften Mißbrauchs von schmerzstillenden Präparaten. Von allen Autopsien, die an öffentlichen Krankenhäusern in Australien durchgeführt wurden, wiesen 5 bis 15 Prozent durch schmerzlindernde Arzneimittel hervorgerufene Krankheiten der Nieren auf, ein sehr hoher Prozentsatz verglichen mit nur 0,2 Prozent in USA und England.

Der Mißbrauch ist bei Frauen, der traditionellen Zielgruppe der Arzneimittelwerbung, etwa doppelt so hoch wie bei Männern. Ein Übersichtsbericht aus Sydney zeigte zum Beispiel 1972, daß 15 Prozent der Frauen und acht Prozent der Männer täglich Schmerzmittel einnahmen. Eine andere Erhebung, ein Jahr später in den westlichen Arbeitervorstädten von Sydney durchgeführt, zeigte, daß 33 Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer im fünften Lebensjahrzehnt laufend ärztlich verschriebene Pharmaka einnahmen.

Trotz des Nahrungs- und Betäubungsmittelgesetzes und trotz des Verbots mehrerer beliebter Psychopharmaka wie der Amphetamine sind die Verkaufsziffern für Arzneimittel ständig gestiegen, und das charakteristische Schema der Drogenabhängigkeit, das von der Patentmedizinwerbung der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts initiiert wurde, hat bis in die siebziger Jahre unseres Jahrhunderts überlebt.

Die negativen Folgen der Drogenabhängigkeit einer ganzen Kultur, die hundert Jahre lang von der Pharma-Industrie gefördert wurde, zeigten sich im Wiederaufleben des Heroinmißbrauchs in den siebziger Jahren.

Nach einem kurzen offiziellen Besuch im Januar 1978 berichtete die Rauschgiftkommission des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten, daß es »etwa 30 000 bis 40 000 Heroinsüchtige« in ganz Australien gebe.

Es gibt keinen kulturbedingten Widerstand gegen den Drogengebrauch in Australien, und jedes Arzneimittel, gesetzlich oder verboten, das auf dem Markt erscheint, findet schnell seine Kundschaft.

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Ich wurde häufig von schrecklichen Stimmungen befallen. Die Ärzte

konnten mir nicht helfen. Ich konnte nicht schlafen, ich verlor den

Appetit und war wirklich arm dran. Zu meiner großen Überraschung

fühlte ich mich in jeder Hinsicht wesentlich besser, nachdem ich nur

zwei Flaschen der Medizin genommen hatte. Nach Einnahme von sechs

Flaschen verlor ich alle unangenehmen Gefühle und war völlig

geheilt.

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Wir glauben nicht, daß dieser Berufsstand insgesamt den Ernst der

Lage begriffen hat, noch daß er sich im klaren ist, wie oft ein

Mediziner verantwortlich dafür sein mag, daß er einen Patienten zum

Drogengebrauch bringt, von dem dieser dann später kaum mehr

loskommen kann. Der wahllose Gebrauch der Morphium- oder

Heroinspritze ... ist verantwortlich für viel Elend ... Wachsende

Sorgfalt von seiten der Ärzte bei der Verschreibung von Drogen und

Einschränkung des Verkaufs starker Betäubungsmittel in Tablettenform

ohne ärztliches Rezept unmittelbar an die Kunden der Apotheken

würden wesentlich dazu beitragen, die offensichtliche Zunahme der

Drogensucht in Australien einzudämmen.

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Alfred W. McCoy
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