Rote Pest - DER SPIEGEL
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AUTOMOBILE Rote Pest

»Pufflampen« und »Rentner-Funzeln« wurden sie genannt: 14 Monate nach ihrer Einführung will das Bundesverkehrsministerium endlich die umstrittenen Zusatz-Bremsleuchten auf ihren Nutzen testen lassen.
• aus DER SPIEGEL 17/1981
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Am 4. Dezember 1980, wie bestellt für das Weihnachtsgeschäft, ertönte im Deutschen Bundestag eine Reklame-Fanfare für automobilistisches Zubehör. »Die Bundesregierung«, verkündete SPD-Staatssekretär Heinz Ruhnau für das Bundesverkehrsministerium, »hält zusätzliche hochgesetzte Bremsleuchten für eine nützliche Einrichtung.«

Ruhnau pries, mit dem Vokabular der Zubehörindustrie, ein Auto-Utensil, für das sich zuvor schon zwei andere mächtige Institutionen stark gemacht hatten: der ADAC und, mit seinem Verkehrserziehungsspot »Der 7. Sinn«, das ARD-Fernsehen. Die dreifache, mehr oder minder amtliche Werbung hatte Anteil an einem der größten und fragwürdigsten Verkaufs-Erfolge für Auto-Klimbim.

Trotz immens gestiegener Kosten für Autos, Benzin, Ersatzteile, Reparaturen und Versicherungsprämien stürzten sich die Autofahrer »wie die Irren« (so ein Kaufhaus-Verkäufer) auf die Extra-Bremslichter, mit denen sie nun in den Heckfenstern ihrer Autos wahre Rotlicht-Kaskaden aufflammen lassen.

Die Zusatzleuchten, deren Einbau seit dem 15. Januar 1980 erlaubt ist, kosten im Durchschnitt 80 Mark. Um Weihnachten durchstieß das Geschäft mit der »Zusatzsicherheit« (Karstadt-Werbung) die Grenze von zwei Millionen Stück, im Augenblick geht es auf die fünfte Million los.

Nahezu 500 Millionen Mark haben die kostengeplagten bundesdeutschen Autofahrer schon fürs rotglühende Hinterteil ausgegeben -- zumindest für die Hersteller wahrhaftig eine »nützliche Einrichtung«.

Den Nutzen für die Autofahrer aber bezweifeln mittlerweile, entgegen früherer Fürsprache, sogar die amtlichen Verkehrsaufseher in Bonn. Wie es 1980 zum Freibrief für die Bremslichter kam, bleibt einstweilen ungeklärt -womöglich wird er jetzt eingeschränkt oder widerrufen.

Anfang des Monats, mehr als ein Jahr nach Einführung der Heckleuchten, vergaben die Bonner einen eiligen Auftrag an den TÜV Hannover: Diplom-Ingenieur Friedrich Martens und sein »Sonderausschuß Lichttechnische Einrichtungen« (im »Fachausschuß Kraftfahrzeug-Technik") sollen Einbauvorschriften und technische Richtwerte für die Leuchtapparaturen erarbeiten.

Auch die Bundesanstalt für Straßenwesen in Köln soll Versäumtes wettmachen und im Nachhinein wissenschaftlich ermitteln, ob die neuen Bremslichter tatsächlich mehr Sicherheit gewährleisten oder sich gar schädlich auf den Straßenverkehr auswirken.

Klagen über Blendwirkungen, insbesondere bei Dunkelheit und regennasser Straße, und wenn die Heckscheibe beschlagen ist, gibt es jedenfalls zuhauf.

»Eine Belästigung von bisher unerreichtem Ausmaß« beklagte Automobilist Wilhelm Markefski aus Bünde, der sich gleichsam zum Sprecher von Millionen Geblendeten machte und unter S.247 Protest aus dem ADAC austrat. Sogar ein Bremslichthersteller bescheinigte den lästigen Strahlern »eine schmerzhafte Attacke auf die Sehnerven der nachfolgenden Verkehrsteilnehmer« (Rosper-Design, Koblenz) -- wenngleich nur, um seinen eigenen, angeblich blendschwachen »Soft-Light-Modulator« zu propagieren.

Häufig kam es zu »Lichtkämpfen« auf der Straße, suchten irritierte Autofahrer sich mit wütendem Hupkonzert abzureagieren, traktierten sie ihrerseits die Blender mit der Lichthupe. Und schließlich, 14 Monate nach der Freigabe des Übels, erreichten die stechenden Lichtreize auch die Sehnerven des Verkehrsausschusses im Bundestag. Sprecher aller Fraktionen meldeten ihre Bedenken an. Dem Ausschuß ist es nun um Maßnahmen zu tun, die Nutzung der Zusatzleuchten zu begrenzen, womöglich innerorts ganz zu verbieten.

Dabei hatte es an rechtzeitigen Warnungen vor der roten Pest nicht gemangelt. Das Lichttechnische Institut der Technischen Universität Karlsruhe hatte 1979 abgeraten, ein Praktiker wie Baden-Württembergs Landespolizeipräsident Alfred Stümper die Frage aufgeworfen, »ob im Endeffekt diese Maßnahme nicht zu einer zusätzlichen, und zwar erheblichen Gefährdung anderer« führen könne.

»Wir waren der Meinung, daß die Nachteile eventuelle Vorteile überwiegen«, hatten, nach zwei Vorführungen mit mehreren Fahrzeugen, auch Oberingenieur Martens und sein Sonderausschuß in Hannover befunden.

Doch die Lobby der Lichtfirmen konnte alle Gegenargumente offenbar mühelos überwinden. Den Ausschlag gab ein Experiment in den USA. Dort hatte sich gezeigt, daß rund 1000 Washingtoner Taxis, denen zusätzliche Bremsleuchten montiert worden waren, zu etwa 50 Prozent weniger häufig in Auffahrunfälle verwickelt wurden als eine Vergleichsgruppe von Taxis ohne solches Zubehör.

Nach Ansicht von Verkehrsfachleuten unterliefen den Bonnern, als sie die Tests aus Amerika ohne Zögern auf Deutschland übertrugen, folgenschwere Fehlschlüsse:

* Die Bedingungen des homogenen, gleichmäßig fließenden US-Verkehrs, so die Kritiker, lassen sich nicht ohne weiteres mit dem stark gemischten, hektischen Straßenverkehr der Deutschen vergleichen.

* Die Rückfront amerikanischer Autos leuchtet oft nur undeutlich. Während in den Rückleuchten deutscher Automobile alle Funktionen streng getrennt sind, speist bei US-Autos eine einzige Zwei-Faden-Lampe Schluß-, Blink- und Bremslicht, davon ein Faden zugleich Brems- und Blinkleuchte. Licht-Experte Martens über Amerikas Taxi-Test mit Extra-Bremsleuchten: S.248 Das muß ja mehr auffallen, da es vorher so dürftig war.«

Amerikas Verkehrshüter denken gleichwohl nicht daran, die neuen Lichter generell in den Verkehr einzuführen. Aus dem zweifelhaften Experiment aber kam den Bonnern eine Erleuchtung.

Und nun? Auf deutschen Straßen kam es durch die neuen Leuchten zu einer Art Wildwest-Zustand, verwunderlich genug in einem Land, das sonst die kleinste Schraube reglementiert. Die Autoindustrie hat mit dem Gelichter nichts im Sinn: »Da kommt viel zuviel Licht auf die Straße« (Daimler-Benz).

Sogar der ADAC bezeichnete die umstrittenen Gebilde mit einemmal als »technisch noch nicht ausgereift« -wohl auch, weil Ärzte die häufig liederlich montierten Einbaustrahler als gefährliche Flugkörper entlarvt haben, die den Insassen im Kollisionsfall oder schon beim harten Bremsen an die Köpfe knallen.

Manch klappriger Plunder, in erlaubter Eigenmontage schief und krumm mit billigen Kunststoffzungen hinter den Gummi der Heckscheibenfassungen geklemmt, kam bei Festigkeitstests ins Schleudern. Produkte der Firma Gabel aus Schwelm beispielsweise, die schlicht mit Saugnäpfen an die Scheibe geklebt werden, erwarben bei der »Auto Zeitung«, Köln, das Prädikat »Murks«, beim ADAC die Empfehlung »Abgewertet wegen mangelhafter Stabilität«.

Europa hat was zu lachen: »Eine jener Supervorsichtsmaßnahmen der Deutschen, vollkommen lächerlich« (so ein Sprecher des belgischen Verkehrsministeriums). Alle Länder dulden die flackernden Leuchten der Deutschen für die Reisedauer, nur die Tschechen nicht: Bei ihnen muß das Zeug raus.

Rätselhaft bleibt, warum die deutschen Autofahrer trotz aller Kritik so scharf sind auf die als »Rentner-Funzeln« und »Pufflampen« abgewerteten Rotstrahler.

Auffallend häufig findet sich das Gefunzel im Rückfenster von preiswerten Mittelklasseautos, deren Fahrer Schonbezüge schätzen, nicht selten (nach TÜV-Erfahrungen) auch bei Fahrzeugen mit abgewetzten Reifen.

Sind es die Überängstlichen, sind es Kompensierer, die ein angejahrtes Auto aufwerten wollen ("macht was her")? Sind es, wie Spötter meinen, verdrängte Homophilen-Ängste, die den Fahrer unterbewußt ständig fürchten lassen, ihm könnte hinten einer reinfahren?

Ein Hamburger Verkehrspolizist mit langjähriger Erfahrung meint: »Das ist wie mit den Nebel-Rückstrahlern, da findet man eine Menge Schafsnasen, die denken, wenn hinten viel Rot leuchtet, können sie vorne besonders bescheuert fahren.«

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