Automobile Rote Sättel
Europa-Boxchampion Gustav Scholz stiftete Verwirrung, als er vor mehr als 30 Jahren versuchte, seine Popularität als Faustkämpfer auch noch für eine Karriere als Schlagersänger zu vermarkten. Damals fragte Kabarettist Wolfgang Neuss mit wohlmeinendem Spott: »Ist Justav nun der beste Sänger aller Boxer oder der beste Boxer aller Sänger?«
Ist es angängig, einen echt deftig motorisierten Kombiwagen, den die Firmen Audi und Porsche demnächst als gemeinschaftlich verfertigtes Vehikel auf den Markt bringen, unter ähnlichem Aspekt zu betrachten? Der Fünfsitzer, äußerlich unschwer als Abkömmling der seit Jahren bekannten Audi-Kombis »Avant« zu erkennen, hat Feuer im Leib wie kein zweiter Personenwagen deutscher Werksproduktion.
Das »Geschoß«, wie Bild es nannte, hat 315 PS, wird beflügelt von einem Turbolader, erreicht 263,4 km/h und entwickelt dabei einen Vorwärtsdrang, wie er bisher nur »Hochleistungs-Sportwagen« eigen war, alles zum Preise von 98 900 Mark (ohne Extras).
Doch was soll der Wagen darstellen? Den geräumigsten aller Sportwagen oder den sportlichsten aller Kombis?
Ist womöglich damit zu rechnen, daß ein wildgewordener Gemüsemann mit 20 Kisten Eierpflaumen im Laderaum seines von Porsche geadelten Firmen-Lieferwagens jählings aus dem Großmarkt hervorbricht, weil ihn das Sportwagenfieber gepackt hat? Die beiden beteiligten Firmenchefs stellen klar, wo sie ihre RS2-Kundschaft und deren Kaufmotive vermuten. Audi-Vorstandssprecher Herbert Demel rechnet mit all jenen, »die im Sportwagen zu wenig Raum finden«; Porsche-Chef Wendelin Wiedeking wendet sich an die Gemüsemänner im weitesten Sinne, nämlich alle, »die in der Limousine zu wenig Leistung« antreffen.
Beide hoffen, »von der weißblauen Marke, aber auch aus dem Mercedes-Bereich« Kunden abzuwerben. Zur Einordnung im Typenspektrum bieten die Firmen zwei Definitionen: Der RS2 gilt offiziell als »reinrassiger Sportwagen mit fünf Sitzplätzen«, aber auch als »exklusiver Hochleistungs-Sportkombi«.
Ermutigt durch günstige Aussagen Schaulustiger auf der IAA, wollen Audi und Porsche mindestens 2200 Stück bauen, bei Bedarf »jede Menge mehr«. Die Autos werden bei Porsche montiert, bei Audi verkauft und gewartet, Gewinne werden geteilt.
Falten des Unmuts erscheinen auf der Stirn des Porsche-Chefs, sobald ein Fragesteller argwöhnt, die RS2-Fertigung stelle am Ende eine Art »Produktionsfüller« für die notleidende Firma Porsche dar. Das Gemeinschaftsauto wird in derselben Halle montiert, wo bis vor kurzem noch die Sportlimousinen Mercedes-Benz 500 E gebaut wurden (hilfreicher Montageauftrag eines guten Nachbarn).
Die Idee für den Bau des RS2, beteuern Wiedeking und Demel, sei gleichzeitig in den Häusern Porsche und Audi geboren worden. Der Ursprung läßt sich noch genauer bestimmen: Es war Porsche-Gründerenkel Ferdinand Piech, der kraft Amtes als VW-Konzernchef und kraft Anteilseignerschaft bei Porsche über beide Häuser gebietet.
So entstand der einzige Porsche unter den Kombis, fraglos ein Auto für Fahrgenüsse jedweder Gangart - bis zu den unpopulären Freuden einer Beschleunigung von null auf 100 km/h in 5,4 Sekunden. Der Turbolader des 2,2-Liter-Fünfzylinders mit Quattro-Antriebstechnik packt derart ungestüm zu, daß selbst hartgesottene Autotester bei ersten Probefahrten einen »relativ unharmonischen Leistungsverlauf« bekrittelten.
Dem Rallyeweltmeister Walter Röhrl allerdings kam das Auto »sehr gutmütig« vor und »wunderbar einfach zu fahren«. Dem entfesselten Kraftmeiertum entspricht die »rennerprobte Porsche-Hochleistungsbremse«. Sie erbringt eine Verzögerung von mehr als 1g, verzögert mithin stärker, als ein Mensch im freien Fall beschleunigt.
»Unsere Bremse schafft diese Leistung auch im warmen Zustand«, was technisch »besonders schwierig zu verwirklichen« sei, erläuterte ein Porsche-Techniker das komplizierte System aus Luftleitdüsen, Bremssätteln und Scheiben, wie es mit diesem Wirkungsgrad bislang noch kein Pkw aufzuweisen habe.
Außer den Bremsen steuert Porsche an größeren Teilen nur noch Räder, Außenspiegel, die vorderen Blinker, Nebelscheinwerfer und den Luftmengenmesser bei. Der winzige Porsche-Schriftzug auf dem RS2-Emblem an der Heckpartie aber fällt kaum auf, als ob sich die Zuffenhausener nur halben Herzens zu der Liaison mit dem Massenhersteller bekennen mögen.
Groß und deutlich steht der hehre Name allein auf den roten Bremssätteln, die allerdings nur durch die Felgenlöcher der Räder hindurch zu sehen sind. Immerhin, so Porsche, sei das hintere Nummernschild »porschetypisch tief angebracht«. Y