RAUMFAHRT Roter Rabatt
O Boy«, stöhnte Raketen Experte John Pike beim Anblick der träge zerstiebenden Pilzwolke über dem kalifornischen Luftwaffen Stützpunkt Vandenberg, dies sei der »übelste Schlamassel, in dem Amerikas Raumfahrt je steckte«. »Schlimmer«, glaubte er, »kann es kaum kommen.« Pike irrte.
Geschockt durch die Challenger-Katastrophe vom 28. Januar, entnervt durch die Explosion einer »Titan 34D« am 18. April in Vandenberg, demütigte am 3. Mai ein dritter Raketen Ausfall in Folge Amerikas Raumfahrt: Kurz nach dem Start in Cape Canaveral verstummten jäh die Triebwerke einer »Delta« Rakete. »Wir sind«, zog Manuel Lujan Mitglied des Kongreß-Ausschusses für Wissenschaft und Technik, die triste Raketen Bilanz, »an den Boden gefesselt.«
Nun setzt der Raketen Gulliver auf die Hilfe eines Weltraum Liliputaners: Chinesische Raketen, so verkündete Mitte vorigen Monats die texanische Satelliten-Firma Teresat Incorporation in Huston, sollen die US-Satelliten »Palaba-B« und »Westar 6« ins All befördern.
Ende nächsten Jahres soll, laut Vorvertrag zwischen Teresat und dem chinesischen Raumfahrt Konsortium »Große Mauer«, der erste der beiden Kunstmonde in eine geostationäre Umlaufbahn katapultiert werden. Gelingt das Unterfangen, folgt 1988 der zweite Satelliten Schuß in den 36000-Kilometer-Orbit.
»Wir bieten«, warb der chinesische Minister für die Raumfahrtindustrie Li
Xu'e im Westen jungst um weitere Satelliten-Kontrakte, »niedrige Preise und günstige Versicherungsraten.«
Bei Transport-Kosten von kaum mehr als zehn Millionen Dollar, nur etwa halb soviel wie der Euro Lifter Arianespace fordert, räumen West-Experten dem All-Discounter China gute Chancen ein. Denn nachdem am 31. Mai auch Europas Renommier-Rakete »Ariane« - es war der vierte Totalausfall bei 18 Starts - versagte, geht am West-Himmel derzeit nichts mehr.
China und die Sowjet-Union hingegen können im Wettstreit um jährlich etwa 20 kommerzielle Satellitenstarts auf erprobte, zuverlässige All-Vehikel verweisen. »Sieben erfolgreiche Starts in Folge« bewiesen, so Li, daß für China »die Zeit reif« sei, mit Amerika und Europa zu konkurrieren.
Amerikanische Raumfahrt-Experten, die im Herbst letzten Jahres Raketen-Testanlagen in Peking und Chinas Raketen-Fabrik Zhang Zhong bei Schanghai besuchten, bestätigten den ehrgeizigen All-Azubis »bemerkenswerte Arbeit«. »Ihr Programm«, so ein Nasa-Beobachter, entspreche dem »Stand unbemannter US-Raumfahrt vor 15 Jahren«.
1000 Angestellte der Maschinenfabrik Zhang Zhong werkeln in Einzelfertigung an zwei Versionen der China-Rakete »Langer Marsch« - die sowohl als Atomwaffen- wie als Satellitenträger dienen: *___"Langer Marsch 2«, eine zweistufige Rakete, die gut ____220O Kilogramm in eine erdnahe Umlaufbahn liften kann, ____wird komplett in Schanghai gefertigt. *___Beim Projektil »Langer Marsch 3« kommt die dritte Stufe ____aus Peking: Sie arbeitet, wie moderne West-Ra keten, ____mit einem Treibstoffgemisch aus Flüssigwasserstoff und ____-sauer stoff. Dank dieser Technik vermag Langer Marsch ____3 etwa 1400 Kilo gramm in die geostationäre Umlauf bahn ____zu wuchten.
Zwei Jahre, so Zhang-Zhong-Direktor Zhang Xiliang, benötige sein Werk für jede Rakete - vorausgesetzt, der für China vorrangige Bedarf an Kühlschränken, die ebenfalls im Raketenwerk montiert werden, drossele die Produktion nicht. Mehr als zwei Satelliten-Starts im Jahr, bekennen chinesische Raumfahrt-Experten, seien ,ob der begrenzten Raketen-Kapazität derzeit nicht möglich.
Chinas Satelliten-Laster Langer Marsch 3 wurde bislang zweimal erfolgreich gestartet - im April 1984 und im Februar dieses Jahres. Ausländischen Kunden erschien diese Himmelswerbung hinreichend: Neben der US-Firma Teresat schloß auch Schweden im März einen Satelliten-Kontrakt. »Weitere neun Nationen«, verkündeten chinesische Raumfahrt-Offizielle stolz, hätten ihr Interesse an ähnlichen Abschlüssen bekundet.
Auf ein vergleichbares Kunden-Interesse wartete die Sowjet-Union vergebens. Für 25 Millionen Dollar - bei Aufträgen über zwei oder drei Satelliten-Starts gibt es roten Rabatt - bietet die UdSSR ihre Dienste an: »Proton«-Raketen, so die Ost-Offerte, können bis zu 2,2 Tonnen Fracht in den begehrten 36OOO-Kilometer-Orbit liften.
Trotz einer achtbaren Bilanz von 120 erfolgreichen Proton-Starts seit 1965 blieben West-Kunden bislang aus. US-Experten fürchten einen Technologie-Klau: Vom Transport über die Lagerung bis zum Start der Satelliten in der UdSSR, argumentieren die Export-Wächter des State Department, gebe es viele Möglichkeiten, westliches Satelliten-Know-how auszuspionieren.
Auch der Deal zwischen den Texanern und Peking könnte am Einspruch der Washingtoner Behörde scheitern. Beide US-Satelliten, so Teresat, entsprächen dem Stand moderner Satelliten-Technologie - Einblick in die Blaupausen der Nachrichten-Satelliten werde den Chinesen nicht gewährt.
Darauf aber bestehen die Partner in Peking: Solange der US-Hersteller nicht sämtliche Konstruktions Details offenlege, so Vertreter des Satelliten-Verfrachters Große Mauer, könne der Satellit nicht versichert werden - ohne Police kein Start.