Saugwunder in der Babyfalle - DER SPIEGEL
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AUTOMATEN Saugwunder in der Babyfalle

Bei der ersten Weltmeisterschaft für Putzroboter gab es fast nur Versager - die meisten Maschinen verloren zu schnell den Überblick.
• aus DER SPIEGEL 41/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Heute ist einfach nicht »Hectors« Tag: Erst die Sache mit den Halogenlampen über dem Spielfeld, die seine Infrarotsensoren stören; und dann macht auch noch der Akku schlapp.

»Überladung«, flucht Werner Brockmann vom Institut für Technische Informatik der Universität Lübeck und beugt sich nervös über das Innere des »Home Environment Cleaning Thoroughly Operating Robot«. Eile ist geboten: In wenigen Minuten beginnt das Halbfinale der ersten Weltmeisterschaft für Putzroboter.

16 Teams aus 6 Nationen kamen in der vergangenen Woche in Lausanne zu dem Wettstreit zusammen. Die Königsdisziplin der Tagung: »Fußbodenreinigung in einem normalen Wohnzimmer«. Maßen sich Roboter bislang vor allem im Fußball, haben die Entwickler nun Putzen als Herausforderung entdeckt.

Schon hat die Firma Electrolux ihren ersten Reinigungsroboter zur Marktreife gebracht. In Amerika gibt es den frisbeeförmigen »Roomba« von iRobot zu kaufen. Weitere Modelle werden derzeit entwickelt. Denn Staub, so weiß die Industrie längst, ist ein zäher, aber äußerst lukrativer Gegner.

»Für Putzroboter gibt es einen gewaltigen Wachstumsmarkt«, prophezeit WM-Mitorganisator Martin Hägele vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung. Und Erwin Prassler von der Gesellschaft für Produktionssysteme in Stuttgart hält die elektromechanische Putze gar für eine der derzeit größten Herausforderungen der Robotik: »Ein Haushalt ist eine sehr komplexe natürliche Umgebung«, sagt Prassler. »Da gibt es noch viele Nüsse zu knacken.«

An den Gestaden des Genfer Sees versammelte sich die Zunft nun zur Ideenwerkstatt. Zwei 25 Quadratmeter große Test-Wohnzimmer hatten die Organisatoren in der École Polytechnique Fédérale de Lausanne aufgebaut, deren Böden von gleichmäßig verteiltem Zucker zu befreien waren. »Idealerweise muss ein Putzroboter wissen, wo er im Raum ist, wo er schon war und wo er noch hin muss«, erläutert Prassler die Grundlagen des Fachs - ein ernstes Problem, das die Technik-Freaks mit allerlei Sensorik zu lösen versuchten.

Infrarot- und Ultraschallsensoren kamen dabei genauso zum Einsatz wie Videokameras und sogar ein Laserradar. Besonders perfide: Als wahre Roboterfalle platzierten die Veranstalter neben typischem Mobiliar eine Babypuppe im mintgrünen Strampler im Zimmer. »Ein Putzroboter darf auf keinen Fall irgendetwas beschädigen«, sagt Prassler. »Das spielende Baby anzufahren wäre das Allerschlimmste.«

Die Messlatte lag also hoch. Und um es gleich vorwegzunehmen: Noch ist der Berufsstand der Raumpflegefachkraft nicht bedroht. Pleiten, Pech und Pannen begleiteten die weltmeisterlichen Putzversuche.

Der Roboter der kanadischen University of Guelph etwa versagte bereits am Start: Nach Sekunden war die Batterie leer.

Kaum besser gerierte sich der »Personal Home Assistant« des 18-jährigen Tüftlers Ridha Azaiz. Schon in der Vorrunde blieb der flache Eigenbau im selbst zusammengeschobenen Zucker stecken. »Ich hatte keine Zeit mehr, den Staubsauger zu installieren«, entschuldigte Azaiz den Totalausfall.

Ganz im Argen lag auch das Orientierungsvermögen der putzmunteren Blechkameraden. Gleich reihenweise navigierten sie sich zwischen Sofa, Couchhocker und Tisch selbst in die Falle. Am härtesten traf es ausgerechnet die ohnehin schon gepeinigten Lübecker.

Zehn Minuten hatte »Hector« im Halbfinale Zeit, so viel Fläche wie möglich abzusaugen. Erst lief es gut. Vom Akkuleiden geheilt, zog der Roboter ruhige Bahnen durch das Wohnzimmer. Dann jedoch der Putz-GAU: Ein Raunen ging durch die Zuschauermenge, als »Hector« die Babypuppe zum ersten Mal touchierte. Ohne Infrarotsensoren gleichsam erblindet, beförderte er das fragile Hindernis schließlich schnurstracks unters weiße Sofa. Punktabzug! Obwohl in der Saugleistung überzeugend (1000 Watt), verpasste »Hector« so den Einzug ins Finale.

Dort siegte endgültig das Chaos über die Hochtechnologie. Legten einige Teams noch Wert auf komplizierte Bewegungsmuster, mit denen die Roboter den Raum abfahren sollten, ruckelte die siegreiche Putzhilfe vom Roboterteam »Short Circuits« nach dem Zufallsprinzip durch den Parcours.

Unter Einsatz eines einzigen Berührungssensors, der den Roboter bei Kontakt mit einem Hindernis zur sofortigen Kehrtwendung bewegte, gelang dem Team um die Tschechen Jan Hradil und Martin Dlouhy der beste Lauf des Tages. Nur einmal blieb das in drei Monaten zusammengefrickelte, pappverkleidete Saugwunder am Sofa hängen.

1500 Euro konnten Hradil und Dlouhy für ihren Sieg einstreichen. Ihren Titel dürfen sie spätestens 2004 verteidigen, wenn in Paris die zweite Putzroboter-WM stattfinden soll. »Hier hat sich wieder gezeigt, dass einfache Lösungen oftmals am besten funktionieren«, kommentiert Hägele das Ergebnis. Ohnehin glaubt der Ingenieur, dass nur schlicht konstruierte Roboter ohne teure Sensorik auf dem Markt eine Chance haben werden. Auch der »Gimmick-Faktor« - gleichsam die B-Note der Robo-Sauger - sei dabei nicht zu unterschätzen.

»Der Roboter muss vor allem so aussehen, als würde er etwas Intelligentes tun«, sagt Hägele. »Ob er perfekt saugt, ist vielleicht gar nicht so wichtig.« PHILIP BETHGE

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