Scharfe Nudeln - DER SPIEGEL
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Raumfahrt Scharfe Nudeln

Geröllwüsten, Hitzetäler, riesige Vulkane: Die Radarsonde Magellan hat erste Bilder von der Venus geliefert.
• aus DER SPIEGEL 35/1990
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Nach 466 Tagen Flugzeit war der wolkenverhangene Wandelstern erreicht: Ein kugelförmiger Raketenmotor zündete und bremste den Spähroboter auf eine Geschwindigkeit von 29 700 Stundenkilometer ab. Der 3,4 Tonnen schwere Kubus neigte sich zum Venus-Horizont, sackte durch und plumpste schließlich in das Gravitationsfeld des Planeten.

Ganze 83 Sekunden hatte das riskante Manöver gedauert, gesteuert von der Bodencrew im Jet Propulsion Laboratory (JPL) in Pasadena, rund 230 Millionen Kilometer vom Geschehen entfernt. Kenneth Ledbetter, Chefkonstrukteur bei Martin Marietta, dem Hersteller der Raumsonde, war zufrieden: Der Metallkäfer »kurvte in die Umlaufbahn, als würde er auf Schienen fahren«.

Wie ein Jo-Jo kreist die Raumsonde Magellan seit dem 10. August um den erdnächsten Planeten - bereit für die genaueste Erkundungstour, die je zu einem Himmelskörper gestartet wurde. Auf stark elliptischen Bahnen eiert der Späher jeweils 8030 Kilometer weit ins All hinaus, um in der Gegenkurve bis auf 250 Kilometer Höhe an den Planeten heranzustürzen.

Optimal ist der Looping-Kurs nicht. Doch für den Einschuß in eine kreisrunde Umlaufbahn hätten - für viel Geld - bessere Bremstriebwerke konstruiert werden müssen. Ganze 133 Liter Treibstoff stehen der Bedienungsmannschaft zu Gebote, um die Raumsonde bis voraussichtlich 1995 auf Erfolgskurs zu halten.

Infolge kräftiger Budgetkürzungen unter der Reagan-Regierung sahen sich die Techniker genötigt, auf die Ersatzteillager der Nasa auszuweichen. Der zehneckige Hauptkörper (Bus) und die große Empfangsschüssel der Magellan-Sonde wurden bereits vor 13 Jahren für die Voyager-Sonden gebaut, die das Sonnensystem durchquerten. Als Navigationskreisel dient ein alter Prototyp der Viking-Marssonde von 1976. Eine kleine Funkantenne von Magellan lag sogar seit 1972 in der Nasa-Rumpelkammer - Überbleibsel des zum Mars entsandten Raumspions Mariner 9.

Die Verwendung altersschwacher Komponenten könnte sich rächen. Vorletzte Woche verlor die Bodenstation in Kalifornien aus ungeklärten Gründen 14 Stunden lang den Kontakt zum Robotspäher. Am Mittwoch letzter Woche brach die Verbindung erneut für 20 Stunden zusammen. Projekt-Ingenieur Edwin Sherry, ratlos: »Wir erleiden da einen Schlamassel, den noch keiner versteht.«

Neu an der Venus-Sonde Magellan (Entwicklungskosten: 431 Millionen Dollar) ist eigentlich nur die Radarelektronik. 37 000 Bauteile, über einen Kabelbaum mit 4500 Anschlüssen untereinander verbunden, sind in den Bauch des Gefährts implantiert. Diese Radarmeßvorrichtung kann Höhenunterschiede von 50 Metern erfassen und die Planetenoberfläche bis auf Fußballfeldgröße auflösen. Zehnmal deutlicher als alle vorherigen Venus-Roboter wird Magellan den Abendstern abtasten können.

Trotz der Funkstörungen glauben die Nasa-Forscher pünktlich zum 1. September mit der Planetenobservation beginnen zu können. Einen Venus-Tag lang (243 Erdentage), so der Plan, soll der Radar-Kiebitz den Abendstern umkreisen und seine Oberfläche in 14 500 Segmente zerlegen. Jede der Radaraufnahmen erfaßt nur einen 20 Kilometer breiten Streifen und reicht jeweils von der Nordpolregion bis zum 70. Grad südlicher Breite. Wegen der länglichen Form der Segmente sprechen die JPL-Leute von Venus-»Nudeln«.

Nach 1852 Umlaufbahnen, im Mai 1991, will das fliegende Radarauge etwa 90 Prozent der Planetenoberfläche durchgenudelt und zu einer scharfen Reliefkarte zusammengefügt haben. Projektmanager Stephen Saunders erwartet »einen Venus-Atlas, der in vielerlei Hinsicht besser ist als alles, was wir von der Erde haben«.

Nach dem Fototermin hoffen die Experten endlich das merkwürdige Schicksal der Venus erklären zu können. Obwohl der Nachbarplanet mit 12 620 Kilometern Durchmesser fast ebensogroß ist wie die Erde, obwohl er ein ähnliches Gewicht hat und der Sonne nur wenig nähersteht, dreht er als tote, unwirtliche Kugel seine Bahnen. Dieser »höllische Unterschied« zur blühenden Erde, so Forscher Saunders, sei »eine der größten ungelösten Fragen des Sonnensystems«.

Von schneeweißen Schwefelsäurewolken verhüllt, gleicht der Erdennachbar einer Steinwüste. Die Venus-Atmosphäre ist zu 96 Prozent mit dem Treibhausgas Kohlendioxid geschwängert und lastet mit einem Druck von rund 100 bar auf dem Planeten (vergleichbar dem Druck in 1000 Metern Meerestiefe). Die Temperaturen in diesem Klima-Backofen erreichen Spitzenwerte von 477 Grad Celsius. Spuren von Wasser finden sich nur in den oberen Schichten der Venus-Hülle.

Russische Venus-Sonden, die Anfang der achtziger Jahre auf dem heißen Pflaster landeten, übermittelten, ehe sie von Druck und Hitze zerstört wurden, erste Nahaufnahmen von aufgeplatzen Gesteinsplatten, die vertrockneten Ackerfurchen gleichen. Forscher schätzen die Dicke der venusischen Planetenkruste auf etwa 100 Kilometer. Doch anders als die Kruste der Erde scheint der Venus-Steinpanzer fest zu sitzen.

Auffällig sind vor allem die beiden Hochländer Ishtar Terra und Aphrodite Terra, die sich wie Kontinente aus den Venus-Tälern erheben und möglicherweise infolge vulkanischer Tätigkeit entstanden sind. Die größte Erhebung, der Maxwell Montes, ist 10 800 Meter hoch und hat einen kreisrunden Gipfel von etwa 100 Kilometer Durchmesser. Viele Forscher halten das Gebilde für den Kessel eines erloschenen Riesenkraters.

Auch die sogenannte Beta-Region wird von zwei etwa 5000 Meter hohen Schildvulkanen beherrscht. In den Ebenen wiederum wölben sich Tausende abgerundete Berge wie Domkuppeln in den Himmel - auch sie vermutlich Überreste von Vulkanen.

Diese Vielzahl feuerspeiender Lavatrichter, so die Vermutung, könnte die Venus-Luft über Jahrmillionen mit immer mehr Kohlendioxid geschwängert und so eine gigantische Umweltkatastrophe ausgelöst haben: Die Krater pusteten Myriaden Tonnen von Schwefel und Kohlendioxid empor, bis der Planet schließlich wie unter einer Hitzeglocke verdorrte.

Ähnliche Prozesse fanden ansatzweise auch in der Frühzeit der Erde statt. Doch Gewitter und Regenschauer sorgten immer wieder für Entlastung. Sie spülten den Vulkan-Staub aus der Atmosphäre und lagerten ihn als Sediment im Erdgestein ab.

Auf der Venus war die Waschanlage aus Wind, Wolken und Regen offenbar weniger erfolgreich. Das Venus-Wasser, wenn es denn je welches gab, war zu knapp bemessen, die Treibhausfalle klappte zu. Viele Forscher glauben, daß infolge des Hitzestaus schließlich Seen und Flußläufe auf der Venus austrockneten und die einige Meter tiefen Meere verdampften.

In den oberen Atmosphäre-Schichten, so das Szenario, vollzog sich dann der endgültige Tod des Planeten. Der aufsteigende Wasserdampf wurde durch das UV-Licht der Sonne in seine Bestandteile zerlegt. Der Wasserstoff, leichtestes Element im Universum, löste sich aus seinen chemischen Verbindungen (Photolyse) und verflüchtigte sich schließlich ins All.

Daß auf der Venus vor Urzeiten in der Tat mehr Frischnaß geflossen sein muß, davon zeugt die hohe Konzentration von Deuterium (H2) auf dem Zwillingsplaneten. Auf der Erde verteilen sich auf eine Million einfache Wasserstoffatome gerade 160 H2-Isotope. Auf der Venus dagegen liegt der Deuteriumanteil 100mal so hoch, wie Spektralanalysen von der Erde aus ergaben. Weil schwerer Wasserstoff wesentlich schlechter ins All entweicht, ziehen die Experten den Umkehrschluß, daß die vorzeitliche Venus 100mal Wasser mehr trug als heute.

Für Wolkenbrüche oder tosende Ozeane dürfte dieses Reservoir dennoch kaum gereicht haben. Ernüchtert rechnete US-Astronom David Grinspoon seinen Kollegen vor: »100mal mehr als gar nichts ist immer noch nicht viel.«

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