KAPITEL 3 Schatten und Scham
Die meisten Menschen kennen diese Momente, in denen das Innere aus dem Takt gerät, in denen Angst, Schmerz oder Verlust Geist und Körper lähmen und das Bewusstsein vergiften. Momente, in denen die Kontrolle über das eigene Ich verlorengeht. Die Betroffenen fühlen sich ausgeliefert und überfordert. Dann bleibt nur zu hoffen, dass die Seele wieder herausfindet aus dem Dunkel.
Wolf Ritter* hat solche Momente häufig erlebt. »In mir stieg ein Nebel auf, der mein gesamtes Leben beschattete«, sagt der drahtige 50-Jährige, »ich fühlte mich wie ausgehöhlt, alles kam mir sinnlos vor, jede Bewegung unendlich mühsam.« Die Auslöser erschienen dem Berufsschullehrer eher nichtig - eine Konferenz, in der sein Beitrag nicht gewürdigt wurde, zu Hause ein strafender Blick seiner Frau.
Mit den Schatten kamen Scham und Selbstvorwürfe. Eigentlich lief doch alles gut in seinem Leben: Sein Beruf,
den der gelernte Bankkaufmann auf dem zweiten Bildungsweg ergriffen hatte, machte ihm Freude, er war sportlich aktiv, glücklich verheiratet und hatte zwei großartige Kinder, die er liebte. Warum diese Abstürze? So durfte, so wollte er nicht sein. Er zwang sich auch in den dunkelsten Phasen zur Arbeit, so gut es eben ging, jede Schulstunde eine unmenschliche Anstrengung.
»Ich dachte, ich wäre selbst schuld an meinem Zustand, und es wäre ein Zeichen von Schwäche, dass ich ihn nicht in den Griff bekam«, sagt er. Ein Zustand, der mehr und mehr seine berufliche Laufbahn und vor allem seine Ehe gefährdete. Die Arbeitsausfälle häuften sich, ebenso der häusliche Streit. Ritter wurde aggressiv oder verfiel in Apathie, manchmal trank er.
Irgendwann will er diesen Zustand nicht mehr ertragen. Der Familienvater begibt sich in eine ambulante Psychotherapie. Er leidet unter einer Depression, wahrscheinlich schon seit seiner Kindheit. 2007 wird er zum ersten Mal deswegen krankgeschrieben.
»Ich hatte große Angst davor, wie mein Umfeld, vor allem meine Kollegen, auf diese Krankheit reagieren würden«, sagt er. Einige Zeit irrte Ritter durch das
* Namen von der Redaktion geändert.
Labyrinth ambulanter Therapieangebote: Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, systemische Familientherapie. Schließlich entschied er sich für einen stationären Aufenthalt in der Fachklinik Heiligenfeld in Bad Kissingen.
Ähnliche Erfahrungen wie Wolf Ritter macht laut einer Studie der Technischen Universität Dresden jeder fünfte Erwachsene in Deutschland. Die Zahl derer, die an einer relevanten psychischen Störung leiden, liegt nach Schätzungen zwischen 15 und 25 Prozent der Gesamtbevölkerung. Eine Depression, eine der am häufigsten auftretenden psychischen Erkrankungen, machen je nach Studie und Geschlecht zwischen 10 und 25 Prozent in ihrem Leben durch, Tendenz steigend. Auch bei Angsterkrankungen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Persönlichkeitsstörungen oder psychosomatischen Erkrankungen steigt die Zahl der Diagnosen - teils weil wirklich mehr Menschen erkranken, teils weil die Aufmerksamkeit für dieses Krankheitsbild zugenommen hat.
Die Weltgesundheitsorganisation hat errechnet, dass durch psychische Leiden zusammengenommen in den Industrieländern mehr gesunde Jahre verlorengehen als durch jede andere Krankheit, allein die Depression frisst mehr Lebenszeit als alle Infektionskrankheiten zusammen. Dabei wird, schätzen Ärzte und Psychologen, nicht einmal die Hälfte der behandlungsbedürftigen psychischen und psychosomatischen Erkrankungen richtig diagnostiziert - angemessen behandelt noch weniger.
Meist wurzeln psychische Beschwerden in belastenden Erfahrungen und seelischen Verletzungen der Kindheit oder in früh erworbenen, ungesunden Mustern, die Denken und Handeln unbewusst bestimmen. Auch genetische oder organische Einflüsse können die Psyche störanfällig machen. Verletzungen der Seele, glauben manche Experten, werden zudem weitergegeben: Kriegstraumata der Großeltern wirken oft bis in die Enkelgeneration hinein.
Psychische Störungen beeinträchtigen die körperliche und emotionale Stabilität, machen verwundbar. Trotzdem kommen viele Betroffene jahrelang im Alltag zurecht, bis die Krankheit sich ihren Weg bahnt. Häufig zeigen sich zunächst körperliche Symptome: Herz-, Rücken- oder Gelenkschmerzen, Atmungsprobleme, Schlafstörungen, Libidoverlust, Hörsturz, Verdauungsstörungen oder allgemeine Antriebsschwäche und Müdigkeit.
Eine Kündigung, ein neuer Chef, eine Scheidung, ein Umzug, ein Unfall, der Tod eines nahestehenden Menschen können Auslöser für akutes Leiden sein. Manchmal genügt aber, wie bei Wolf Ritter, auch schon ein als eher geringfügig empfundener Impuls.
»Wir sind nun mal schicksalsanfällige, verletzliche Wesen«, sagt Joachim Galuska, Facharzt für Psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie und Ärztlicher Direktor der Heiligenfeld Kliniken in Bad Kissingen. Schmerz und Verlust reißen etwas auf. Ohne stabile psychische Konstitution und ein soziales Umfeld, das Schutz gewährt, sind psychische Störungen programmiert.
Das Therapiekonzept der Heiligenfeld Kliniken soll den ganzen Menschen umfassen. Neben Einzel- und Gruppentherapien setzen die Therapeuten auch auf Körperarbeit, bei der Atmung, Bewegung und Wahrnehmung im Vordergrund stehen, sowie auf kreative und spirituelle Angebote wie Meditation. Die Kerngruppe, eine Art Ersatzfamilie, bildet das zentrale Therapieelement, der Klinikalltag der Patientengemeinschaft wird als soziales Lernfeld verstanden.
An einem Donnerstag im Februar steht Wolf Ritter in einem lichtdurchfluteten Raum, umringt von rund 60 Männern und Frauen, die still auf dem Boden sitzen. Er ist nervös, seine Stimme klingt belegt. Er fühle sich häufig als Außenseiter, sagt er, nicht akzeptiert und als Mann unzureichend und schwach. Sein Vater sei für ihn emotional nie erreichbar gewesen, die Mutter überbehütend. »Ich wünsche mir, dass die Männer mich tragen und die Frauen in einigen Metern Abstand einen Kreis darum bilden«, bittet er seine Mitpatienten. Die folgen seiner Aufforderung. Ritter lässt sich in die ausgestreckten Arme der Männer fallen. Er zittert am ganzen Körper, bricht in Tränen aus.
»Ich habe Kraft und Vertrauen gespürt, mich geborgen und aufgehoben gefühlt«, sagt Ritter. In seiner Kindheit habe ihm das gefehlt. Der unnahbare Vater, der seine Gefühle im Krieg gelassen hatte; die gluckenhafte Mutter, die ihr einziges Kind vor jedem Schaden bewahren wollte; der Verlust von Heimat und Sicherheit, als ihn ein Umzug in der Kindheit aus dem Haus der Großmutter in einen Vorort führte, wo der Neue von Mitschülern und Nachbarsjungen gehänselt und geschlagen wurde. »Ich habe begriffen, dass ich in meinen depressiven Phasen wieder der kleine Junge bin, der sich allein und wehrlos fühlt und Angst hat, in die Schule zu gehen«, sagt der Patient.
Die Zunahme psychischer Störungen führen viele Fachleute auf gesellschaftliche Veränderungen zurück: Die Ansprüche an Leistungsfähigkeit und Flexibilität steigen ebenso wie Stress und Überforderung - in allen Lebensbereichen. Die Angst, nicht mithalten zu können, nicht zu genügen, wächst. Gleichzeitig lösen sich Halt gebende Strukturen mehr und mehr auf. Der französische Soziologe Alain Ehrenberg spricht in seinem gleichnamigen Buch vom »erschöpften Selbst«, überfordert von den neuen Regeln der modernen Gesellschaft. »Gleichzeitig nehmen die sozialen Kompensationsmechanismen ab«, sagt Heiligenfeld-Leiter Galuska. Die Familie und das soziale Netz stützen weniger als in früheren Zeiten. Die weniger Belastbaren brechen zusammen.
Der Riss zieht sich durch die gesamte Gesellschaft - zum Patientenkreis der Bad Kissinger zählen zunehmend Manager, Lehrer, Sozialarbeiter, Ärzte und Psychologen. Auch beruflich traumatisierte Patienten, dazu gehören Polizisten, Feuerwehrleute, Soldaten oder Nothelfer, werden hier behandelt. Mehr als zwei Drittel der Patienten sind Frauen; Männern, so scheint es, fällt es immer noch schwerer, sich seelisches Leid einzugestehen. Depression, Angst, Überforderung kollidieren noch immer mit dem männlichen Selbstbild.
Auch die Erosion der Werte- und Glaubenssysteme begünstige die Störanfälligkeit, vermutet Klaus Buch, Leitender Arzt in Bad Kissingen. »Wir Menschen brauchen Ideale und Visionen, die Frage, wofür lohnt es sich zu leben, ist von zentraler Bedeutung«, sagt er.
Das ganz persönliche Lebensdrama wird mittlerweile zu einem volkswirtschaftlichen Problem: Einer Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK zufolge sind die Fehlzeiten von Arbeitnehmern aufgrund von psychischen Erkrankungen seit 1995 um 80 Prozent gestiegen. Nicht zuletzt jahrelange Fehlbehandlungen verursachen hohe Kosten.
»Bis bestimmte psychische Erkrankungen richtig diagnostiziert werden, vergehen im Schnitt sieben Jahre, rund 8000 Euro werden in dieser Zeit für unnütze Behandlungen ausgegeben«, sagt Arzt Buch. Schätzungen zufolge leiden bis zu 40 Prozent aller Patienten in Haus- oder Facharztpraxen an nicht primär organischen Erkrankungen. Wird der psychische Anteil nicht erkannt, folgt meist eine ebenso teure wie frustrierende Ärzte-Odyssee, der Patient wird mit teuren Behandlungen und Diagnoseverfahren überzogen, im schlimmsten Fall vertieft sich das Leid.
Die meisten Mediziner sind weder dafür ausgebildet, psychische Störungen zu erkennen, noch sie zu behandeln. Und der Patient will davon oft nichts hören - seelisches Leid wird eher als Schwäche denn als echte Krankheit empfunden. »Während es legitim ist, sich aufgrund organischer Befunde krankschreiben zu lassen, fühlen sich Patienten, die unter psychischen Krankheiten leiden, immer noch als Drückeberger oder Simulanten«, sagt Peter Henningsen, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Münchner Klinikum rechts der Isar. Patienten geben gern die Verantwortung an den Arzt ab, erwarten, dass der sie gesund macht. Psychotherapie aber fordert Aktivität. »Die Übernahme von Verantwortung gehört zu den übergeordneten Therapiezielen«, sagt Henningsen.
Auch wenn eine psychische Störung richtig diagnostiziert wird, ist der Weg zu einer angemessenen Behandlung noch weit. Reflexartig verordnen Ärzte zunächst Psychopharmaka. Antidepressiva gehören zu den weltweit am häufigsten verschriebenen Medikamenten. Viele Mediziner reduzieren eine Depression auf eine Störung des Hirnstoffwechsels, die einzig durch chemischen Einfluss von außen bekämpft werden muss. Davon profitiert vor allem die Pharmaindustrie - Psychopharmaka gehören zu ihren Haupteinnahmequellen.
In der jüngsten Vergangenheit sind die am häufigsten verordneten Antidepressiva, die immer auch unangenehme Nebenwirkungen haben, zunehmend in die Kritik geraten. Nur bei Patienten mit schwerer Depression, so eine Studie, sind sie wirksamer als Placebos. Langfristig ist eine psychotherapeutische Behandlung deutlich effektiver. Auch wenn Medikamente zunächst den Leidensdruck verringern, den Einstieg in die Therapie erleichtern und in schwereren Fällen unverzichtbar sind - eine rein pharmakologische Behandlung ohne begleitende Therapie greift immer zu kurz.
Aber nicht jeder benötigt in der Krise eine Therapie. Schon der Hausarzt könnte Hilfe bieten: »Zuhören, ernst nehmen, sich dem Patienten zuwenden, ihn bei der Suche nach Ursachen und Lösungen unterstützen«, sagt Henningsen, der auch Sprecher des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin ist. Bei einer leichten Depression beispielsweise könne solche Zuwendung schon genügen.
Wer sich hingegen für eine Psychotherapie entscheidet, findet sich schnell in einem verwirrenden Behandlungsdickicht wieder. Neben stationären Angeboten wie der Psychiatrie, den psychosomatischen Kliniken und den teilstationären Behandlungen ist vor allem im ambulantem Bereich die Lage unübersichtlich: Unterschiedliche Therapieformen und -schulen konkurrieren ebenso um Patienten und Marktanteile wie um Deutungshoheit. Oft ist es Zufall, in wessen Hände ein Patient gerät. Bei der Entscheidung, welche Therapieform und welcher Therapeut passen, können Vermittlungsstellen wie die Ambulanzen der Kliniken helfen. Letzten Endes aber ist vor allem die Arzt-Patient-Beziehung von entscheidender Bedeutung für den Erfolg einer Therapie.
Kliniken bieten den Vorteil, dass dort eine intensivere Behandlung, losgelöst aus dem oft krankmachenden Alltag des Patienten, möglich ist. Hier haben sich integrative, fachübergreifende Behandlungskonzepte, zugeschnitten auf die jeweiligen Bedürfnisse und Fähigkeiten des Patienten, schneller durchgesetzt. »Wir wirken gut, aber wir brauchen Zeit«, sagt Kliniker Galuska - sechs bis acht Wochen. Dafür sei die messbare Besserung von Symptomen in der stationären Psychotherapie genauso hoch wie in der Chirurgie.
Jede seelische Krise, egal, wie belastend, schmerzhaft oder verstörend, ist immer mehr als nur ein zu beseitigendes Übel: Sie kann eine angemessene, notwendige und damit gesunde Schutzreaktion sein und ist, über das akute Leid hinaus, ein Signal und eine Chance: die Aufforderung, sein Leben zu ändern.
Conny Braun* litt unter Schmerzen in der Brust, Schweißausbrüchen, Schwindel, Schlafstörungen und Magenkrämpfen. Ihre Hausärztin vermutete zunächst einen Infarkt, aber das Herz der Patientin erwies sich als stark und gesund. Braun hatte Glück, die Ärztin stellte Fragen. Sie werde an ihrem Arbeitsplatz gemobbt, sagte die Patientin.
Irgendwann brach es aus der kranken Frau heraus: Sie berichtete von Missbrauch in ihrer Kindheit und traumatischen Gewalterfahrungen in Beziehungen. 2008 begann sie eine ambulante Psychotherapie, 2009 trat sie ihre stationäre Behandlung in Bad Kissingen an.
»Ich konnte nicht mehr so weitermachen«, sagt die 53-Jährige. Seit mehr als vier Wochen ist sie in der Klinik, sie wirkt vital und lebendig. »Ich hatte keine Kraft und keinen Lebenswillen mehr. Die Klinik war für mich der letzte Rettungsanker. Sonst hätte ich mein Leben beendet.« Braun leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Jahrelang war sie als Kind vom Vater missbraucht worden, und die in ihrer Jugend ebenfalls missbrauchte Mutter leugnete das Elend der Tochter.
Conny Braun hat begriffen, wie das frühe Grauen ihr ganzes Leben, ihr Fühlen, Denken und Handeln überschattet hat. »Ich weiß jetzt, warum ich bin, wie ich bin«, sagt sie. Sie hat gelernt, mit den Bildern in ihrem Kopf umzugehen. Nach der Entlassung will sie ihr Leben und ihre Beziehungen neu ordnen.