ARCHÄOLOGIE Schatz im Fels
Als Konservator der berühmten Höhle von Lascaux kennt sich Jean-Michel Geneste mit steinzeitlichen Felsmalereien gut aus. Doch so etwas wie in Cussac hatte er noch nie gesehen: Hunderte von Wandgravuren, zum Teil in monumentalen Bildfeldern wie in Fresken angeordnet, einige bis zu 25 Meter lang.
Zu den imponierendsten Werken gehören ein riesiger Nashornkopf und ein vier Meter großer Wisent, eine der gewaltigsten Darstellungen dieser Art in der bisher bekannten prähistorischen Kunst. »Das ist das Lascaux der Gravierkunst«, kommentierte Geneste den jüngsten Fund im französischen Departement Dordogne.
Die Höhle bei Cussac, knapp 40 Kilometer von Lascaux entfernt, hatte der Amateurforscher Marc Delluc am 30. September letzten Jahres durch Zufall entdeckt. Bald stieß er auf die ersten Zeichnungen: »Ich war sprachlos angesichts der Schönheit. Dann habe ich vor Freude laut geschrien.«
Kurz darauf bestätigten auch Wissenschaftler die Bedeutung der Grotte. Norbert Aujoulat, Leiter der Forschungsmission, schwärmt: »Es gibt sozusagen einen eigenen Stil von Cussac. Die Gravierkunst übertrifft alles, was bisher entdeckt wurde.«
Vor 28 000 bis 22 000 Jahren haben die Höhlenmenschen hier ihr Opus in den Fels geritzt - mit großer Klarheit der Linienführung, ohne sich jemals zu korrigieren. Die Tiefe der Gravuren verleiht den Bildern erstaunliche Plastizität. Die farblosen Zeichnungen sind älter als die Malereien von Lascaux (16 000 Jahre), aber jünger als die von Chauvet (32 000 Jahre), die vor gut sechs Jahren an der Ardèche entdeckt wurden.
Aus Angst vor Schaulustigen und Souvenirjägern hielten die Behörden den Fund neun Monate lang geheim. Erst am vorigen Mittwoch, nachdem die Höhle zum Denkmal erklärt worden war, stellten die Spezialisten den urzeitlichen Schatz der Öffentlichkeit vor.
Auch ein deutscher Fachmann durfte die Höhle inspizieren: Gerhard Bosinski vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Köln hält den jüngsten Fund zwar für weniger bedeutsam als die Bilderhöhlen von Lascaux und Chauvet. »Das Besondere an Cussac ist jedoch, dass der Ort später offenbar nicht mehr besucht wurde«, sagt er. »Alles ist einheitlich, es gibt keine verschiedenen Dekorationsphasen.« Die Höhle müsse schon bald nach Fertigstellung der Gravuren zugeschüttet worden sein, vielleicht absichtlich.
Die Strichzeichnungen schmücken eine Galerie, die fast einen Kilometer lang und etwa zwölf Meter hoch ist. Die meisten stellen die typische Tierwelt der Altsteinzeit dar: Mammuts, Nashörner, Hirsche, Steinböcke, Wisente und Pferde. Auffällig, erklärt Chef-Forscher Aujoulat, seien die sonst selten dargestellten Vögel, aber auch einige merkwürdige Kreaturen mit lang gezogenen Schnauzen und aufgerissenen Mäulern.
Auch die älteste Obsession der Menschheit fehlt nicht: das weibliche Geschlechtsteil, die als Dreieck versinnbildlichte Scham. Vier Frauensilhouetten bieten überdies üppig ausladende Brüste und Hinterbacken dar. Ähnliche Gestalten hat man bisher nur in der Höhle von Pech Merle bei Cahors gefunden - deren Zeichnungen aber deutlich jünger sind.
Für Bosinski bilden Höhlenraum und Gravuren ein Gesamtkunstwerk. »Alles ist eingebunden in die Mythologie der altsteinzeitlichen Jägergruppen«, erklärt er. »Die Jugendlichen wurden durch diese Abbildungen vermutlich in die wichtigen Dinge des Lebens eingewiesen.«
Völlig ungewöhnlich: In mehreren Schlafkuhlen, die offenbar von Bären ausgekratzt wurden, lagen fünf vollständige menschliche Skelette. Deren Datierung steht zwar noch aus, aber in Westeuropa wurde noch nie eine dekorierte Höhle entdeckt, die zugleich als Begräbnisstätte gedient hätte.
Wie die Höhle von Lascaux, die 1963 geschlossen wurde, soll auch die Höhle von Cussac für die Öffentlichkeit gesperrt bleiben. Denn menschliche Ausdünstungen verändern das Höhlenklima, eingeschleppte Mikroorganismen könnten die Felszeichnungen angreifen.
Das Kulturministerium in Paris erwägt, eine naturgetreue Nachbildung der Ritzzeichnungen, ein Faksimile wie in Lascaux, anfertigen zu lassen. Bosinski empfiehlt dagegen, mit modernen Computermitteln einen virtuellen dreidimensionalen Höhlenraum zu schaffen: »Da hätten die Besucher den Eindruck, sie sind mittendrin.« ROMAIN LEICK