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EVOLUTION Schlauer Filter

Warum sind Schwarze schwarz und Weiße weiß? Jetzt gibt es eine Antwort: weil ihnen so das UV-Licht der Sonne am meisten nutzt und am wenigsten schadet.
Von Günther Stockinger
• aus DER SPIEGEL 9/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schwarz, weiß oder karotingelb - kaum ein anderes Merkmal des Menschen hat häufiger für Rassentheorien herhalten müssen. Nüchterne Wissenschaft jedoch scheiterte bis heute beim Versuch, die Evolution der farblichen Vielfalt des Homo sapiens schlüssig zu erklären.

Die weiße Körperhülle, so glaubten die Forscher, sei besonders kälteresistent - leider jedoch ist die Haut der Eskimos zu dunkel, um in dieses Muster zu passen. Dunkle Haut, so hieß es außerdem, schützt die Bewohner lichtstarker Regionen vor Hautkrebs - allerdings taucht der meist erst auf, wenn die Fortpflanzung längst gelungen ist. Als Selektionsvorteil im evolutionären Sinn kann der Krebsschutz-Faktor mithin kaum gelten.

In jüngerer Zeit richteten die Wissenschaftler ihre Aufmerksamkeit auf einen weiteren Zusammenhang von Sonneneinstrahlung und Pigmentierungsgrad: UV-Licht ermöglicht die körpereigene Produktion von Vitamin D. Ohne den Wirkstoff kann der Organismus nicht genügend Kalzium resorbieren - Wachstum und Gesundheit der Knochen sind in Gefahr.

Nur helle Haut lässt in lichtarmen Regionen genügend UV-Strahlen in die Haut gelangen, so dass die ausreichende Synthese des Vitamins gesichert ist. Dunkle Haut hingegen, so nahm man an, schützt in den tropischen Ländern vor gefährlicher Vitamin-D-Überproduktion.

Doch auch dieser Theorie haftet ein Makel an: »Man kann Vitamin D auf natürlichem Weg gar nicht überdosieren«, erklärt die Anthropologin Nina Jablonski aus San Francisco. Toxische Wirkungen seien bisher nur in seltenen Fällen dokumentiert - wenn Gesundheitsfanatiker das Vitamin in Megadosen zu sich genommen hätten.

Wenn also viel Vitamin D nicht schadet, warum sind dann nicht alle Menschen weiß? Eine Antwort hat Jablonski jetzt selbst geliefert: Starkes UV-Licht zerstört Folsäure. Schon weniger als eine Stunde Sonnenbaden kann bis zur Hälfte dieses im Blutplasma gelösten, zur Vitamin-B-Gruppe gehörenden Stoffes spalten.

Ohne ausreichend gefüllten Folsäure-Speicher reduzieren sich die Reproduktionschancen merklich. Denn das Risiko steigt, dass Embryonen im Mutterleib Neuralrohrdefekte ausbilden - die Kinder kommen mit oft tödlichen Rückenmark- und Hirnmissbildungen zur Welt. Auch auf die Spermienproduktion wirkt sich der Folsäure-Mangel schädlich aus.

Tatsächlich treten Neuralrohrdefekte häufiger bei Hellhäutigen auf, Dunkelhäutige scheinen davor besser geschützt zu sein. Bei der Hautfarbenpalette des Menschen, vermutet die US-Forscherin, könnte es sich deshalb um »eines dieser fein ausbalancierten Systeme handeln, wie sie nur die Evolution so perfekt hervorzubringen vermag": Der jeweilige Teint ist demnach stets der optimierte Kompromiss zwischen Missbildungsschutz und Sicherstellung von Vitamin-D-Nachschub.

Um ihre Theorie zu untermauern, hat die kalifornische Forscherin Satellitendaten ausgewertet, die die US-Weltraumbehörde Nasa 15 Jahre lang gesammelt hatte: Zusammen mit ihrem Mann George Chaplin, einem Experten für geografische Informationssysteme, zeichnete Jablonski eine Karte, auf der empirisch genau festgehalten ist, welche UV-Menge in den unterschiedlichen Regionen auf die Erdoberfläche trifft.

Die entstandene Sonnenlicht-Karte passt bemerkenswert gut zu einer anderen, in der die Forscher die Pigmentdaten von ethnischen Gruppen aus 50 Ländern verzeichneten (siehe Grafik). Die Übereinstimmung der beiden Darstellungen, erklärt der US-Anthropologe John Relethford von der State University of New York in Oneonta, sei ein »starker Hinweis darauf, dass die UV-Strahlung im Verlaufe der menschlichen Evolution die Selektion der Hautfarben gesteuert hat«.

Nur in einigen Gebieten registrierten die Forscher Ausreißer: Die Bewohner Tibets etwa besitzen einen wesentlich helleren Teint, als es die UV-Strahlen erwarten ließen - ein Hinweis darauf, wie Jablonski erklärt, dass sie das tibetische Hochland noch nicht lange genug bevölkern, um sich vollständig angepasst zu haben. Außerdem hätten sie sich offenbar über lange Zeiträume hinweg in so dicke Kleidung verpackt, dass die UV-Strahlen ihre Haut nicht erreichten.

Die Eskimos wiederum sind erstaunlich dunkel. Doch auch sie leben noch nicht lange genug in den arktischen Gefilden. Nördlich des 50. Breitengrads konnten sie überhaupt erst durch einen Trick sesshaft werden: Sie lernten es, ihren Vitamin-D-Bedarf durch Fisch und Walblubber zu decken.

Für Rassentheoretiker sind die Erkenntnisse der Kalifornierin ein Schlag ins Kontor. Die Hautfarbe ist laut Jablonski ein bloßer Adaptionsmechanismus, der dem Menschen auf seinen steinzeitlichen Wanderungen das Überleben in unterschiedlichen Ökosystemen ermöglichte. Als Kriterium für die Unterscheidung von Rassen besitze sie »keinerlei Aussagewert«.

Bei manchen Globetrottern könnte der adaptive Wandel von starker Pigmentierung, Aufhellung und erneuter Abdunklung sogar mehrfach stattgefunden haben. Jablonski: »Die Farbe der Haut hat sich im Laufe der Evolution nicht nur einmal geändert.« GÜNTHER STOCKINGER

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