Schlingernde Kreisel - DER SPIEGEL
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Himmelskörper Schlingernde Kreisel

Wäre ohne die Anziehungskraft des Mondes kein Leben auf der Erde entstanden?
• aus DER SPIEGEL 39/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seine Hämorrhoiden kann loswerden, so sagt es die Überlieferung, wer sich bei Vollmond mit nacktem Hintern in eine Ackerfurche setzt. Auch sonst werden dem Einfluß des 384 000 Kilometer entfernten Erdtrabanten erstaunliche Wirkungen zugeschrieben: Selbstmorde, Gewalttaten und Verkehrsunfälle häufen sich angeblich in Vollmondnächten, Ernteerträge wie Menstruationszyklen sollen von dem bleichen Gesteinsbrocken abhängen.

Erwiesen ist aber nur, daß der Mond die Gezeiten auslöst, indem seine Anziehungskraft die Wasserteilchen zu einem Flutberg auftürmt. Weil der Himmelskörper zugleich das Festland auf der Erde zweimal täglich um 26 Zentimeter anhebt, sei er, so vermuten einige Forscher, auch an der Entstehung von Erdbeben nicht ganz unschuldig. Doch das alles sind nur Kleinigkeiten: Ohne die »Anwesenheit des Mondes«, so haben jetzt die Astrophysiker Jacques Laskar und Philippe Robutel vom Pariser Bureau des Longitudes herausgefunden, würde das Wetter auf der Erde verrückt spielen, es käme unablässig zu dramatischen Temperaturschwankungen - höhere Lebensformen hätten in einer derart turbulenten Klima-Hölle wohl gar nicht entstehen können.

Solche Einsichten verdanken die französischen Forscher umfangreichen Computersimulationen. Nach ihren Berechnungen schwanken die Rotationsachsen von Merkur, Venus, Erde und Mars im Laufe von Jahrmillionen auf geradezu chaotische Weise; gleichsam wie taumelnde Kinderkreisel umrunden die Gesteinsbrocken die Sonne.

Der Neigungswinkel der Mars-Achse beispielsweise schlingerte in den vergangenen 45 Millionen Jahren ständig zwischen 0 und 60 Grad hin und her. Die Venus-Achse kippte im Laufe von Millionen Jahren sogar völlig um; der Planet steht nunmehr auf dem Kopf und rotiert genau andersherum als die übrigen Begleiter der Sonne.

Nur die Erdkugel glitt immer schon vergleichsweise ruhig durchs All. Ermöglicht wird das laut Laskar und Robutel durch die Anziehungskraft des Mondes: Sie wirkt wie eine Fessel, die verhindert, daß die (im Mittel um 23,3 Grad gekippte) Erdachse um mehr als 1,3 Grad hin- und herschwankt.

Selbst solche geringen Schwankungen, vermuten Wissenschaftler, reichten aus, um auf der Erdoberfläche für klirrende Eiszeiten und brütende Warmperioden zu sorgen. Ungleich verheerender für Tiere und Pflanzen wären die Klima-Umschwünge ausgefallen, hätte der Mond die schlingernde Erdachse nicht stabilisiert.

In den nächsten Jahrmilliarden wird der Einfluß des Mondes allerdings allmählich schwinden. Zusehends entfernt sich der Trabant von seinem Planeten: um drei Zentimeter pro Jahr. Y

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