Schnelle Allrounder
Zuerst quietschen Schuhe auf dem Fußboden, ein gleichmäßiges Rattern ist zu hören. Stimmen. Schnell wird eine Trage um die Ecke geschoben, ein paar Männer in roten Jacken huschen vorbei. Die automatische Tür schnarrt auf. Ruhe.
Julia Z. hat das in der letzten Stunde dreimal erlebt: Notarzt-Teams kommen und gehen, sie bleibt. Die 31-Jährige kauert am frühen Abend auf ihrem Stuhl in der Notaufnahme der Universitätsklinik Freiburg, blättert in einer Zeitung, ohne wirklich hineinzuschauen.
Es begann zu Hause mit Bauchkneifen, leichtem Druck, Übelkeit. Das war vor sechs Stunden. Jetzt hält sie die Schmerzen kaum noch aus. »Unklares Abdomen« lautet der Verdacht nur ein paar Minuten später, nachdem Z. in die Notaufnahme gerufen worden ist. »Da sollten die Chirurgen draufschauen«, sagt die Ärztin. »Immer den Gang geradeaus laufen, an der Klinikkapelle vorbei, rechts ist so eine kleine Cafeteria, dann links durch die Flügeltür, immer dem Gang folgen, vorbei an den Fahrstühlen, dann sehen Sie Tragen, und dort ist die Anmeldung.«
Der junge Chirurg ist ebenso nett wie seine internistische Kollegin. Er tastet, befragt, nimmt Blut ab, fährt mit einem Ultraschallgerät auf dem Bauch herum. »Am besten ist, wenn zur Sicherheit die Gynäkologen Sie auch untersucht haben«, sagt er. Die Ambulanz sei eigentlich einfach zu finden: An den Röntgenkabinen vorbei, aus dem Haus raus, den Park durchqueren, und direkt gegenüber sei dann der Eingang zur Frauenklinik.
Die Frauenklinik wirkt nachts wie ausgestorben. Nach 25 Minuten kommt der Arzt. Er nuschelt entschuldigend etwas von »Notfall auf Station«. Die Untersuchung dauert keine fünf Minuten, er kritzelt das Ergebnis auf einen Zettel. Rückweg in die Chirurgie. Um vier Uhr, Stunden nach dem Eintreffen in der Klinik, ist Julia Z. wieder zu Hause. Mit Rezept, Medikamentenpackung und Terminkärtchen für den nächsten Tag.
Was nach absurdem Patiententourismus klingt, ist für Notfallpatienten in deutschen Kliniken Realität. Anstelle eines zentralen Anlaufpunktes für alle Patienten, die selbst kommen oder mit dem Rettungsdienst eingeliefert werden, gibt es verwirrenderweise nicht selten internistische, chirurgische, neurologische, gynäkologische, augenheilkundliche, Hals-Nasen-Ohren- oder pädiatrische Aufnahmen. Zudem sind Ärzte in deutschen Notaufnahmen oft jung und unerfahren, oft stehen zunächst Assistenzärzte im ersten Teil ihrer Facharztausbildung lebensgefährlich erkrankten oder verletzten Patienten gegenüber, bis Hilfe durch Fach- und Oberärzte kommt.
Dabei sind Notaufnahmen die Aushängeschilder eines Krankenhauses. Mehr als 45 Prozent der stationären Patienten kommen über die Notaufnahme, die daher auch und vor allem wirtschaftlich relevant für ein Krankenhaus ist. Doch das haben längst noch nicht alle Kliniken erkannt.
Barbara Hogan kann sich darüber stundenlang ereifern. An der Wand in ihrem Büro in der Asklepios-Klinik in Hamburg-Altona hängt ein Poster mit »Emergency Room«-Star George Clooney im Arztkittel. Die Internistin Hogan wäre in so einer Serie wohl die ehrgeizige Wissenschaftlerin - kompetent, korrekt und manchen ein bisschen zu visionär und aufmüpfig. Beim Kaffeegespräch und erst recht, wenn sie durch die Notaufnahme läuft, erzählt sie von zu langen Wartezeiten, überforderten Ärzten und unzufriedenen Patienten. »Rennen dürfen die Ärzte hier nur in lebensbedrohlichen Situationen. Das würde Patienten sonst nur beunruhigen«, sagt Hogan.
Hogan ist die resolute Präsidentin der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfallaufnahme (DGINA), eines Vereins, der für zentrale Aufnahmen in deutschen Krankenhäusern kämpft. Während im übrigen Westeuropa oder in den USA fachübergreifende »Emergency Rooms« längst Standard sind, tut man sich in Deutschland schwer. »Eine zentrale und interdisziplinäre Notfallaufnahme wäre für alle Beteiligten besser. Für die Patienten, Ärzte und letztlich auch die Klinik«, sagt Hogan.
Noch spürt sie einen Teil der Probleme einer Notaufnahme alten Stils in ihrem eigenen Krankenhaus jeden Tag hautnah. Denn die Aufnahme des Plattenbauklotzes der Maximalversorgung am Rand des Hamburger Stadtteils Othmarschen ist in die Jahre gekommen: Klappzahlenuhr wie in einer Sparkassenfiliale, der Wartebereich wenig einladend, und von einem der Arztzimmer blickt man direkt auf eine Toilette. Noch.
Die Baupläne klemmen am Flipchart hinter Hogans Schreibtisch, Eröffnung des Neubaus soll schon nächstes Jahr sein. Hogan verspricht sich davon einiges. Seit das Hamburger Krankenhaus gebaut worden ist, hat die Wissenschaft das Konzept Notaufnahme längst weitergedacht, optimiert und sogar ein bisschen revolutioniert.
Herkömmliche Aufnahmen sind meist nur ein langgezogener, nicht selten enger und mit Wäschecontainern und Tragen verstellter Gang, von dem wiederum einzelne Zimmer abgehen und in dessen Mitte bestenfalls eine gläserne Kabine steht.
Der neue Typus Notaufnahme hat dagegen verschiedene Bereiche. In der »Fast Track Unit«, einer Übergangszone, die idealerweise direkt am Eingang liegt, kommen Patienten an, die eigentlich auch genauso schnell wieder hinausgehen sollen: Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Wer aber dringend überwacht werden muss, wird in die Akutambulanz, »Acute Area«, verlegt. Patienten, die tatsächlich für längere Zeit notfallmedizinisch behandelt und untersucht werden müssen - etwa bei akuten Brustschmerzen, die auch ein Herzinfarkt sein könnten -, werden in einen Bereich mit dem Namen »Clinical Decision Unit« gebracht. Und schließlich gibt es einen eigenen Bereich für Patienten, die schwerstverletzt sind; sie kommen umgehend in den Schockraum.
Diese Räume sind mit rund 40 Quadratmetern groß wie eine Einzimmerwohnung und bieten Platz für riesige Ärzteteams; direkt am Behandlungsplatz stehen Narkose- und Beatmungsgerät zur Verfügung, auch Computertomograf und Röntgengerät sind verfügbar.
Doch ein Problem bleibt: Während Schockraum-Patienten meist gezielt angemeldet mit dem Notarzt eingeliefert werden, muss bei sogenannten Walk-in-Patienten, also Selbsteinweisern, möglichst schnell entschieden werden, welcher Bereich der Notaufnahme der beste Ort für die weitere Versorgung ist. Vielerorts scheint heute noch die Frage nach der Versicherungskarte zunächst wichtiger zu sein als die Beschwerden des Patienten.
Die Konzepte für interdisziplinäre Aufnahmen enthalten ausgeklügelte Ablaufpläne für eine erste Untersuchung des Patienten. Speziell geschultes Pflegepersonal erfasst kurz die medizinische Dringlichkeit. Spätestens nach 15 Minuten, so Hogans Traum, soll ein Facharzt jeden Patienten gesehen haben. »Der Facharzt ist zwar teurer als ein Assistenzarzt. Unterm Strich spart man aber viel Geld, weil unnötige Untersuchungen von erfahrenen Kollegen seltener veranlasst werden«, erklärt Hogan.
Damit die Wartezeit nicht so lang wirkt, plant man in Hamburg, mit kleinen psychologischen Tricks zu arbeiten. So soll es verschiedene Warteräume geben, die durch ihre jeweils überschaubare Größe den Patienten das Gefühl geben, weniger Zeit in der Notaufnahme zu verbringen. »Das ist wie am Flughafen und den vielen kleinen Wartebereichen an den Gates. Diesen Effekt kann man durch unterschiedliche Farbgestaltung noch verstärken«, sagt Hogan.
Zwar gibt es mittlerweile immer mehr Kliniken, die sich für den Bau einer zentralen Notaufnahme entscheiden. Doch im täglichen Betrieb bleibt dann doch wieder alles beim Alten. So baut etwa die Universitätsklinik Freiburg eine mehr als tausend Quadratmeter große Aufnahme in zwei zusammenhängenden Blöcken. Abgesehen davon, dass es dann nur noch einen Bereich für alle Notfallpatienten geben wird, ändert sich kaum etwas.
Die Ideen der DGINA gehen aber weiter. Denn oft lässt sich ein Notfallpatient anfangs gar nicht einem bestimmten Fachgebiet zuordnen. So gibt es Krankheiten, bei denen mehrere Organsysteme beteiligt sind, oder Patienten, die verletzt und gleichzeitig erkrankt sind. »Eine interdisziplinäre Notaufnahme funktioniert nur dann richtig, wenn sie von Notfallmedizinern - von Fachärzten, die sich als Notfallmediziner fühlen - geführt wird«, sagt Barbara Hogan.
Ginge es nach ihr, arbeiteten in den neuen Notaufnahmen Notfallmediziner, die auf Diagnose und Erstversorgung spezialisiert sind. Schnelle Allrounder, die Erste Hilfe leisten können, bis die Patienten in stabilisiertem Zustand von einem Facharzt übernommen werden.
Stabilisieren, Diagnostizieren, Ersttherapieren und vor allem Disponieren - was logisch klingt und in vielen Ländern längst Standard ist, gilt in Deutschland als nicht umsetzbar. Eine Facharztausbildung zum Notfallmediziner ist nicht in Planung. Zu starr sind die Ansichten der etablierten Facharztgruppen.
Auch Norbert Südkamp hat eine andere Vorstellung von der perfekten Notaufnahme. »Wenn man als Unfallchirurg nur noch dazugerufen wird, fehlt einem als Arzt schnell die Routine, außerdem widerspricht das dem Selbstverständnis der Unfallchirurgie«, sagt der Direktor der Traumatologie der Universitätsklinik Freiburg und zukünftige Leiter der interdisziplinären Notaufnahme.
Südkamp fürchtet, dass manche Verletzungen zu kompliziert für Allrounder seien. Komplizierte Behandlungen müssten so früh wie möglich von Spezialisten eingeleitet, bei komplexen Therapien frühzeitig die richtigen Weichen gestellt werden. »Ein Notfallmediziner kann unmöglich den kompletten Überblick über alle Fachgebiete haben. Manchmal ist die Standard-Ersttherapie - insbesondere in der Klinik - eben nicht das Beste, was die Medizin zu bieten hat«, argumentiert Südkamp.
Doch bei einem Großteil der Probleme von Notaufnahme-Patienten handelt es sich eher um Lappalien als um Verletzungen, die weichenstellendes Handeln erfordern würden.
Und so führen die wie Fürstentümer abgegrenzten Fachgebiete zu mancher Absurdität: Bringt etwa der Rettungsdienst einen Betrunkenen in die internistische Aufnahme und hat dieser sich durch einen Sturz auch leicht verletzt, wird zunächst eine Untersuchung in der unfallchirurgischen Notaufnahme angefordert. Dort schaut man sich die Verletzung kurz an und verlegt den Patienten wieder zu den Internisten zurück, um den eigentlichen Grund der Einweisung zu behandeln. »Am wichtigsten ist, dass in so einer Notaufnahme Ärzte arbeiten, die das auch wirklich wollen und dazu nicht zwangsverpflichtet worden sind«, sagt Barbara Hogan.
Dass Hogan damit richtigliegen könnte, zeigt ein bis heute unter jungen amerikanischen Ärzten äußerst populäres Buch. In »House of God« schildert ein junger Arzt seine ersten Erfahrungen nach dem Studium und vor allem das Zusammenprallen der verklärten Vorstellungen und der Realität des Notaufnahmealltags. Das Buch wurde später zur Vorlage der Erfolgsserie »Scrubs«.
Legendär sind die Regeln des »House of God«, die hinter einem Tresen von so mancher Notaufnahme zu hängen scheinen. Regel 5 etwa lautet: »Immer zuerst an Verlegung denken.«