Schwelle des Entsetzens - DER SPIEGEL
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TRAUMFORSCHUNG Schwelle des Entsetzens

Sind Alpträume bloß »Störungen des Erwachens« oder Signale seelischer Krankheit? Woher die Nachtmahre rühren, bei denen sich der Puls mehr als verdoppelt, haben Schlafforscher untersucht. *
• aus DER SPIEGEL 32/1986
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Rechtschaffen müde und entspannt hat sich der Testschläfer zu Bett begeben. Eine halbe Stunde später ist es, als säßen ihm alle Mächte der Hölle im Genick.

Fast übergangslos bricht der Atem nur noch keuchend aus der Kehle hervor. Schweiß rinnt dem Schläfer in Bächen über den Körper. Von panischem Entsetzen gepackt, scheint er vor lebensbedrohenden Gefahren zu flüchten, ehe ihn ein animalischer Entsetzenslaut ebenso abrupt in die Wirklichkeit zurückholt - ein schlimmer Alp hatte ihm auf der Brust gesessen, hatte die ruhig begonnene Nachtfahrt schlagartig in eine nervenzerfetzende Drangsal verwandelt.

Alpträume, so formulierte der amerikanische Psychiater John Mack, seien das »absolut fürchterlichste psychische Abenteuer, in das Menschen stürzen können«. Mitunter jahrelang geraten die von den Angstträumen Heimgesuchten Nacht für Nacht bis an die Schwelle äußersten Entsetzens: Sie fliehen in wilder Todesangst vor überlegenen Feinden, finden sich in engen Röhren dem Ersticken nahe, fallen in endlose Tiefen oder werden von Trümmern zermalmt - für die Verfolgten des bizarren Hirnkinos geht es ums nackte Überleben.

Alpträume lassen sich, wie der Münchener Psychologe Franz Strunz in der neuesten Ausgabe des Fachblatts »Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie« schreibt, in zwei Sparten einteilen, je nachdem, ob die Angstgespinste ihr Opfer im leichten Schlummer ereilen ("Rem-Phase«, benannt nach den für dieses Schlafstadium typischen raschen Augenbewegungen unter geschlossenen Lidern: »rapid eye movement"), oder ob sie es in einer Tiefschlafphase ("Non-Rem") überraschen. Bis zu fünfmal gleitet der Ruhende im Laufe einer Nacht gleichsam auf bleiernen Schwingen durch tiefe (Non-Rem-) Schlaftäler und schwingt sich über Höhen weniger tiefen Rem-Schlafes hinweg, ehe der Wellenflug am Morgen endet.

Etwa zwei Drittel aller Tiefschlaf-Alpträume ereignen sich in der ersten Phase der Nacht, nicht länger als 30 bis 40 Minuten nach dem Einschlafen. Sie erfüllen den Träumer mit um so größerem Entsetzen, je länger er, an der Grenze zur Bewußtlosigkeit, schon in den ruhigen Delta-Wellen des tiefsten Schlafstadiums geschaukelt hatte.

In nicht mehr als 15 Sekunden steigert sich sein Puls auf bis zu 180 Schläge in der Minute. Kein anderes Ereignis, so erläutert Psychologe Strunz, auch nicht plötzliche körperliche Anstrengung oder ein heftiger Geschlechtsakt, vermögen den menschliche Organismus so übergangslos in pulstreibende Wallung zu versetzen.

Erstaunt waren amerikanische Traumforscher, als sie in ihren Laboratorien die _(Gemälde »Der Nachtmahr« von Johann ) _(Heinrich Füssli (1741 bis 1825). )

Entstehung der Wahngebilde beobachteten. Gerade vor den quälendsten Alpträumen, so zeigte sich, gab es keinerlei Vorwarnung. Wie bei der »Ruhe vor dem Sturm« (Strunz) gingen Atem- und Herzfrequenzen, Hautwiderstand und Gehirnströme der Schlafenden sogar zurück, ehe das Inferno losbrach. Schon eine bis zwei Minuten später signalisierten die Geräte, daß der Spuk beendet war.

Kinder geraten den Schlafungeheuern meist länger in die Krallen und finden sich am Ende nur schwer wieder in der Wirklichkeit zurecht. Etwa drei Prozent der Ein- bis Vierzehnjährigen werden von den nächtlichen Schocks gequält, am häufigsten in der Zeit vom dritten bis zum siebenten Lebensjahr.

Weitaus die meisten Alpträume jedoch, so erkannten die Forscher, finden auf einem der Leichtschlaf-(Rem-)Plateaus statt, die gegen Morgen immer rascher aufeinander folgen und länger dauern. Bei diesem Traum-Typus hat der Schläfer, anders als beim Tiefschlaf-Alp, die Chance, das Horrorkabinett gleichsam durch die Hintertür zu verlassen. Als wäre er den bösen Mächten auf die Schliche gekommen, spinnt der Träumende, was ihn bedrängt, in eine Geschichte ein und raubt ihm dadurch den Schrecken; Rem-Träumer können auf diese Weise der eigenen Vernichtung beiwohnen, finden sich aber lebend neben ihrer Leiche wieder.

Auch der gemilderte Schreck in der Morgenstunde wird auf den Beobachtungsgeräten sichtbar: Der Atem des Rem-Alpträumers flattert, der Puls steigt um 10 bis 20 Schläge in der Minute. Schreie, von denen der Erwachte glaubt, er habe sie eben noch in höchster Verzweiflung ausgestoßen, sind meist nur geträumt.

Mehr Frauen als Männer, so zeigten die Untersuchungen, scheinen sich in die bizarren Traumwelten des Rem-Schlafes zu verstricken. Männer hingegen erleiden den Ansturm der Traumbilder eher in den Tiefschlafphasen und erleben sie dadurch hoffnungsloser und intensiver.

Als amerikanische Traumforscher Anfang der siebziger Jahre über Zeitungsanzeigen Testpersonen suchten, meldeten sich Freiwillige, die an drei und mehr Tagen in der Woche angstgepeinigt aus dem Schlaf hochschreckten. Bislang haben die Wissenschaftler nicht eindeutig klären können, warum die Gespenster der Nacht die einen quälen, während sie andere in Ruhe lassen.

Körperliche Defekte bilden offenbar nur selten den Auslöser für Alpträume. Auch bei Traumgeplagten, die jahrelang von den nächtlichen Spukgestalten heimgesucht wurden, waren keine organischen Befunde zu erheben.

Dagegen scheinen etliche der Traumgeplagten psychisch auf dem schmalen »Grat zwischen Gesundheit und Pathologie« (Strunz) zu wandeln. Bei regelmäßigen Non-Rem-Alpträumern stellten die Forscher gehäuft »Charakterstörungen« fest. Kinder, denen die Schreckenserlebnisse häufig unterkamen, stammten, so Psychologe Strunz, »samt und sonders aus konfliktreichem Elternhaus": Vater gewalttätig oder Trinker, Eltern zerstritten oder geschieden.

Ebenso zeigten Erwachsene, denen die schwarzen Vögel in den Rem-Schlummer gefolgt waren, psychische Auffälligkeiten. Auch sie kamen häufig aus zerbrochenen Familien, hatten Selbstmordgedanken oder Selbstmordversuche hinter sich und litten generell unter Depressionen, Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstunsicherheit. Etliche Alpträumer zeigten eine tendenzielle Anfälligkeit für Schizophrenie.

Unklar ist bislang, wie sich solche Befunde in die neueren Hypothesen von der gleichsam elektrischen Natur des Träumens fügen. Gegen die Freudsche Annahme, die nächtlichen Gespinste seien verschlüsselte Botschaften aus dem Unbewußten, hatten amerikanische Psychiater 1977 die These aufgestellt, das nächtliche Chaos im Gehirn gehe auf wirre mikroelektrische Impulse zurück, die vom Hirnstamm des Träumers ausgesendet werden. Im Cortex, jenem Areal des Gehirns, wo auch Gemüt und Gedächtnis lokalisiert sind, werde sodann versucht, das Impuls-Stakkato zu deuten; je weniger das gelingt, desto bizarrer und unverständlicher die Träume.

Die britischen Wissenschaftler Francis Crick und Graeme Mitchison ergänzten diese Traum-Deutung durch die Behauptung, die diffusen nächtlichen Schaltprozesse im Gehirn dienten dazu, überflüssige oder irregeleitete Erinnerungsmuster zu löschen - eine Art nächtlicher Hausputz, bei dem der Träumer gleichsam lästigen Kopfmüll über Bord befördert.

Alpträume, so meinen wieder andere Forscher, könnten auch schlicht »Störungen des Erwachvorgangs« sein - wenn sich die Gehirnströme des Tiefschläfers aus einem noch unbekannten Grund jählings zum Alpha-Rhythmus des entspannten Wachseins desynchronisieren. Der Träumer, so vermuten sie verharre dabei in einem Zwischenreich aus Schlaf und Wachen, in dem er die Lähmung seines Körpers erschrocken wahrnehme und auf diese Botschaft des Gehirns mit Angstvisionen reagiere.

Häufig jedoch haben Wissenschaftler auch traumatische Erlebnisse der Versuchspersonen als Wurzeln ihrer Nachtmahre ausgemacht. So hatte der amerikanische Psychoanalytiker Harry Wilmer die Alpträume von Vietnam-Veteranen aufgezeichnet, die wegen schwerer Persönlichkeitsstörungen psychiatrisch behandelt wurden - mit deutlichen Parallelen zwischen Traum und Trauma.

Ein 31jähriger Mann hatte dem Wissenschaftler berichtet, daß er während eines Einsatzes in Vietnam eine Gestalt von hinten erschossen hatte, die plötzlich aus dem Dschungel getreten war. Als er den leblosen Körper umdrehte, entdeckte er, daß er eine Frau getötet hatte.

Das Geschehen verfolgte ihn von da an bis in seine Nächte. Auch im Traum drehte er den Kopf eines Leblosen um und blickte jedesmal in eine lachende Fratze die ihm »Killer, Killer!« entgegenstieß. Der junge Mann war von diesem Zeitpunkt an unfähig zum Sex mit Frauen.

Ein 36jähriger Zugführer hatte dem Traumforscher erzählt, daß er in Vietnam

17 junge, gerade an die Front gekommene Rekruten durch einen Hohlweg habe führen müssen. Dabei wurde fast das gesamte Kommando durch die im Hinterhalt liegenden Vietcong aufgerieben. Als er mit Verstärkung wieder an den Schauplatz des Gemetzels zurückkehrte, waren die Köpfe der jungen Soldaten auf Bambusstöcken aufgespießt.

In seinen Alpträumen sah sich nun der Offizier regelmäßig von den getöteten Mitgliedern seines Zuges verfolgt. Sie banden ihm die Hände auf den Rücken und zwangen ihn, niederzuknien. Mit einem »riesigen Schwert« schlugen sie ihm dann jedesmal den Kopf ab - das Gefühl, den Tod der Kameraden verschuldet zu haben, hatte sich tief in seine Traumwelt eingegraben.

Die höchsten Pulsraten registrierten die Traumforscher bei den Erkundungen des nächtlichen Terrains immer dann, wenn die Träumer im Schlaf von Feinden verfolgt wurden oder wenn herabfallende Gegenstände im Begriff waren, sie zu zermalmen. Stets fanden sich dabei die Träumenden selbst im Zentrum der Gefahr. Nur in Ausnahmefällen drohte das Verderben auch Partnern und Freunden.

Begrenzt ist offenbar auch die Phantasie der Schreckensträumer. »Der Alptraum unserer Zeit schlechthin, der drohende allgemeine Atomtod«, notierte Psychologe Strunz, »ist in Träumen, mit wenigen Ausnahmen aus allerjüngster Zeit, nicht vertreten.«

Gemälde »Der Nachtmahr« von Johann Heinrich Füssli (1741 bis 1825).

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