Schwindender Blutzoll - DER SPIEGEL
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TERRORISMUS Schwindender Blutzoll

Wie viele Menschen sind im World Trade Center gestorben? Drei Monate nach den Anschlägen kennen die Behörden noch immer nicht die genaue Opferzahl.
• aus DER SPIEGEL 52/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Cynthia Gavett, 40, aus dem US-Bundesstaat Georgia ist nicht tot - und das wird ihr nun zum Verhängnis.

Sechs Tage nach dem 11. September hatte ihr Ehemann Charles, 44, sie als vermisst gemeldet. Sie habe sich am Katastrophentag bei einer Investmentgesellschaft im World Trade Center (WTC) vorgestellt und sei dort umgekommen. Charles Gavett, wohnhaft nahe Atlanta, machte bei ihrer Lebensversicherung Ansprüche in Höhe von 200 000 Dollar geltend. Überdies bat er das Rote Kreuz um Geld und bestellte eine Urne, die mit Asche aus dem WTC gefüllt werden und eine Plakette mit Cynthias Namen tragen sollte.

Doch die Lebensversicherung war auf der Hut: Als selbst nach Wochen in der örtlichen Zeitung keine Todesanzeige erschienen war, nahm sie Ermittlungen auf. Und die gestalteten sich überraschend einfach: Die vorgeblich Tote plauschte gern mit dem lokalen Sheriff; ein Anruf bei ihm, und das Ehepaar war überführt.

Jetzt sitzen die Gavetts in Untersuchungshaft, ihnen drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis. »Hunderte ähnlicher Fälle«, sagt ein US-Versicherungsmann, werden zurzeit überprüft.

Wer ist tot, wer nicht? Über drei Monate nach den Anschlägen kann der scheidende Bürgermeister Rudolph Giuliani noch immer keine genaue Opferliste vorlegen. Wegen Betrügereien, Irrtümern, Chaos und Schlendrian weiß Giuliani noch immer nicht, wie viele Menschen am 11. September in den Trümmern des WTC den Tod gefunden haben. Sicher ist nur: Es sind weitaus weniger als befürchtet.

Die erste Schätzung, veröffentlicht am dritten Tage nach dem Einsturz, lautete auf 4947 Tote und Vermisste. Bis zum 24. September war diese Zahl auf 6729 gestiegen. Doch seither sinkt sie rapide: erst auf 5500, dann auf 4655, und letzte Woche waren es 3017. Die abschließende Zählung der Terroropfer von New York wird noch in diesem Jahr erwartet. Wahrscheinlich, darauf deutet eine unabhängige Opferzählung der Nachrichtenagentur Associated Press hin, wird die offizielle Liste - einschließlich der Insassen der entführten Maschinen - knapp unter 3000 Tote ausweisen.

Diese Zahl ist immer noch riesenhaft. Alle Namen hintereinander geschrieben würden mehr als sechs Seiten Text im SPIEGEL füllen. Aber der 11. September, so vermelden die Historiker, kann nun nicht mehr als der blutigste Tag auf US-Boden gelten: Im Amerikanischen Bürgerkrieg starben am 17. September 1862 mindestens 3650 Soldaten bei der Schlacht von Antietam.

Politiker und Bürger hatten schon fast gewohnheitsmäßig von 5000 bis 6000 WTC-Opfern gesprochen. Nun fällt es vielen schwer, sich emotional von diesem Blutzoll zu lösen - die halbierte Opferzahl, so fürchten sie, könnte die Bedeutung des Ereignisses schmälern. »Ist Bin Laden jetzt nur noch ein halb so großer Krimineller - oder schlagen wir nun doppelt so hart zurück wie wir eigentlich sollten?«, fragt die »Washington Post«.

Am 11. September, so zeigt sich jetzt, ist es der übergroßen Mehrheit der Menschen im WTC gelungen, den Ort der Katastrophe mehr oder weniger unbeschadet zu verlassen. Bis zu 50 000 Menschen, so wird geschätzt, haben im WTC gearbeitet. Unbekannt ist, wie viele von ihnen zugegen waren, als sich die Jets in die Türme bohrten. Unbekannt ist auch, wer sonst noch da war: Besucher, Bewerber, Kuriere, Lieferanten, Geschäftsfreunde, Touristen. Im Laufe eines normalen Tages war das WTC Ziel von 150 000 Menschen.

Deshalb fällt es der Polizei von New York jetzt so schwer, Zahl und Namen der Opfer zu ermitteln. Ihr liegt nicht, wie bei Flugzeugunglücken, eine umfassende Passagierliste vor, sondern gleich Hunderte verschiedener Vermisstenlisten - zu Papier gebracht von Firmen, die in den Zwillingstürmen vertreten waren, von Kollegen, die die Namen ihrer Flurkollegen zusammenschrieben, von Botschaften und Konsulaten, von Angehörigen und Freunden.

Zwangsläufig sind die Vermisstenlisten voller Fehler: Manche Tote stehen mehrfach drauf - als John, John D. oder Johnny Smith; einmal als Mohammed, einmal als Muhammad; manche unter ihrem Mädchen- wie unter ihrem Ehenamen. Erst in langwierigen Recherchen gelingt es der Polizei zu klären, dass drei ähnliche Namen nur ein Opfer repräsentieren - oder dass manche Namen für gar keinen Fall stehen, etwa der von Matt Heard, 30.

Der New Yorker Wertpapierhändler hatte sich auch Stunden und Tage nach dem Anschlag nicht bei seinen Bekannten gemeldet, die ihm auf die Mailbox gesprochen hatten. Eine Freundin klebte daraufhin ein Foto von Heard auf ein Vermisstenplakat. Dieses Plakat hielt sie auf der Straße in eine Kamera des Musiksenders MTV. Und da auch die Verwalter anderer Vermisstenlisten die Sendung schauten, fand sich sein Name plötzlich auf diversen Opferlisten im Internet.

Heard jedoch war nie in Gefahr. Als die Maschinen in das WTC knallten, machte er mit seiner Freundin Urlaub in Südfrankreich. Überdies hatte er nicht in den einstmals höchsten Gebäuden der Welt gearbeitet, sondern bei der ING-Barings-Bank in Midtown; doch das war seinen Bekannten nicht bewusst.

Ähnlich erging es Lillian Borrone, die in New Jersey eine staatliche Stelle zur Unterstützung der Terroropfer leitet. Wochenlang stand sie selbst auf der Opferliste; aber das entdeckte sie erst, als ein New Yorker Polizist bei ihr zu Hause anrief - um sich zu erkundigen, ob sie noch lebe. Tatsächlich hatte sie im WTC gearbeitet, aber dort schon vor Monaten aufgehört. Ein Ex-Kollege hatte ihren Namen mit auf die Vermisstenliste seines Büros gesetzt.

Weil die Namen auf der offiziellen Opferliste geheim sind, erfahren irrtümlich erfasste Leute wie Heard oder Borrone nur per Zufall, dass sie als vermisst gelten. Schwierig gestaltet sich die Totenzählung aber auch wegen offenbar fehlender Einsatzkräfte: Am Anfang kümmerten sich mehrere hundert Polizisten um die Liste; jetzt sind es nur noch einige Dutzend. Und da es in den USA kein Meldegesetz gibt, sind viele Angaben zur Person für sie nur mühsam zu beschaffen.

Vor allem die ausländischen Vertretungen, so behaupten die New Yorker, hätten weit überhöhte Vermisstenzahlen abgegeben und damit die rasche Ermittlung der tatsächlichen Opferzahl zurückgeworfen. Etwa 1000 Personen soll allein das mexikanische Konsulat als vermisst gemeldet haben. Von ihnen wurden inzwischen 983 als lebend ermittelt.

Am schwersten jedoch wiegt bei der schwierigen Totenzählung der Mangel an Leichen. Nur in rund 500 Fällen haben Gerichtsmediziner bisher nach Prüfung der Überreste Totenscheine ausgestellt.

Viele Opfer jedoch sind im Flammeninferno kremiert worden, andere liegen bis heute unter dem Schutt. Rund 9000 Leichenteile müssen noch untersucht und mit Gentests zugeordnet werden.

Das dauert den Familien zu lange, die auf rasche Hilfe durch Versicherungen und Opferfonds hoffen. Die meisten der WTC-Vermissten werden daher nicht von Medizinern, sondern von Gerichten für tot erklärt. Entscheidend für den Totenschein ist allein die Plausibilität, nicht das Vorhandensein einer Leiche - ein starker Anreiz für Betrüger wie das Ehepaar Gavett. MARCO EVERS

* Auf der Mülldeponie am Fresh Kills Landfill auf StatenIsland, wo die Trümmer des World Trade Center abgelegt werden.

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