MEDIZIN »Sekretstau beseitigen«
SPIEGEL: Australische Forscher behaupten, regelmäßiges Masturbieren verringere die Gefahr von Prostatakrebs. Ist da was dran?
Porst: Denkbar ist das schon. Etwa 40 Prozent des Ejakulats kommen aus der Prostata. Wird sie nicht regelmäßig geleert, könnten sich in ihr möglicherweise Krebs erregende Umweltgifte anreichern. Patienten, die bereits Prostataprobleme haben, raten wir tatsächlich, zwei- bis dreimal pro Woche zu ejakulieren, um möglichen Sekretstau zu beseitigen. Außerdem wissen wir, dass Männer mit Prostatakrebs einen niedrigeren Testosteron-Spiegel haben. Regelmäßiger Sex wiederum erhöht die Konzentration des Hormons im Blut. Auch da könnte ein Zusammenhang bestehen.
SPIEGEL: Selbstbefriedigung soll der neuen Studie nach sogar gesünder sein als Geschlechtsverkehr, weil durch Infektionen beim Sex angeblich wiederum das Krebsrisiko steigt.
Porst: Das ist Blödsinn. Dann wäre unsere Bevölkerung doch sehr krank. Man darf solche Studien nicht überbewerten. Die australischen Forscher haben Patienten rückblickend zu ihren Sexualpraktiken befragt. Das ist immer problematisch. Ich jedenfalls könnte nicht sagen, wie oft ich mit 20 masturbiert habe.
SPIEGEL: Bis heute halten sich Gerüchte, dass Onanie blind macht oder Haare auf den Handinnenflächen sprießen lässt. Das ist sicher alles Quatsch?
Porst: Ja. Auch Sätze wie »nach tausend Schuss ist Schluss« sind allein der Erziehung anzulasten. Der Einfluss der katholischen Kirche war früher sicher nicht der positivste. Heute nimmt das zum Glück kaum jemand mehr ernst. Die Mehrheit der Bevölkerung masturbiert - und zunehmend gilt das auch für Frauen. Das spricht übrigens gegen die australische These: Folgt man ihr, müsste es heute weniger Prostatakrebs-Fälle geben, weil die Leute heute mehr masturbieren als früher. Also muss man hinter die Untersuchung doch noch ein dickes Fragezeichen setzen.