FORSCHUNG Seltsam vertraut
Der Zwergschimpanse Kanzi vermißte den gewohnten Abendplausch mit seinem Schimpansenfreund Austin. Nach einigen einsam verbrachten Nächten im Gehege des Sprachforschungszentrums bei Atlanta (US-Staat Georgia) sann er auf Abhilfe.
Auf einer Tastatur tippte er die Zeichen für »Austin« und »TV«. Die Wissenschaftler verstanden die Affenbotschaft: Ein Videoband mit Austin versöhnte Kanzi fortan mit dem Alleinsein. »Er stieß laute, glückliche Schreie aus«, notierten seine ständigen wissenschaftlichen Begleiter, »und richtete sich für die Nacht ein.«
Mit einer erstaunlichen Sprachbegabung gibt der vierjährige Affenmann aus den Labors des US-Forschungsinstituts der Fachwelt seit einiger Zeit Rätsel auf. In der langen Reihe »sprechender Affen«, mit denen amerikanische Psychologen und Verhaltensforscher seit etwa 20 Jahren in die Welt der haarigen Vettern eindringen wollen, ist Kanzi über Nacht zum Shooting-Star avanciert.
In der Kunstsprache »Yerkish«, einem vom Yerkes-Primatenforschungszentrum entwickelten Symbolsystem, nennt das Wunderkind Gegenstände beim richtigen Namen. Mit Hilfe einfacher Wortkombinationen plaudert Kanzi - wenn auch ohne die Fähigkeit, Sprachlaute zu artikulieren - wie ein etwa zweijähriges Kind drauflos: wohin er in dem 55 Morgen großen Gehege gehen möchte, welche Speisen er zu sich zu nehmen wünsche oder welche Spiele er bevorzuge.
»Seit 1971 habe ich bis zu 15 Stunden täglich mit Schimpansen gearbeitet, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt«, kommentiert Sue Savage-Rumbaugh, Leiterin des Atlanta-Projekts zur Erforschung der Affensprache, die Fortschritte ihres Schützlings.
Offenbar ist Kanzi anders als seine Vorgänger: »Einmalig« sei es, schwärmte Affenexpertin Carolyn Ristau von der Rockefeller University, »wie sehr er durch bloßes Beobachten lernt, ohne wiederholtes Training und Soufflieren«.
»Aus den Augenwinkeln«, so berichten seine Betreuer, habe Kanzi beim Spielen miterlebt, wie Wissenschaftler des Sprachforschungszentrums seine Adoptiv-Mutter Matata mit Symbolen der Kunstsprache traktierten. Ein Zufall brachte an den Tag, wie sehr der Youngster dressierten Artgenossen überlegen ist: Kanzi hatte die Lektionen der Mama ganz nebenbei mitgelernt.
Unter ständiger wissenschaftlicher Beobachtung lernt Kanzi den Dialog mit seiner Menschen-Umwelt nun auf dieselbe Weise wie Menschenkinder: durch Beobachten, ohne strapaziöse Paukveranstaltungen und ohne immerwährende Belohnungen. Nach einem halben Jahr hatte er auf diese Weise den Wissensstand erreicht, zu dem »sprechende Affen« in der Vergangenheit erst nach jahrelangem Training vorgestoßen waren.
Den Erfolg schreiben die US-Wissenschaftler allerdings nicht nur Kanzi, sondern der gesamten Spezies zu. Zwergschimpansen, so vermuten sie, seien intelligenter als Gorillas, Orang-Utans und gewöhnliche Schimpansen.
Die erst in den dreißiger Jahren bekannt gewordene Affenart - »Pan paniscus« - haben japanische und amerikanische Verhaltenswissenschaftler in den vergangenen Jahren in den Regenwäldern Zaires genauer beobachtet. »Die menschlichsten aller Affen«, urteilte das Fachblatt »Science« nach diesen Erkundungen. Die Tiere mit dem »entwaffnend menschlichen Aussehen« ("Science") hatten den Wissenschaftlern handfeste Übereinstimmungen mit vernunftbegabten Zweibeinern offenbart. So liefen sie häufiger als andere Affenarten aufrecht, die Weibchen sind während des gesamten Menstruationszyklus für Sex empfänglich. Durchschnittlich bei jedem dritten Geschlechtsverkehr, so fanden die amerikanischen Forscher zu ihrer Verblüffung heraus, sehen sich die Partner in die Augen.
»Wer jemals mit Zwergschimpansen umgegangen ist«, bekannte die Amerikanerin Alison Jolly, Autorin des Buches »The Evolution of Primate Behavior«, »der kommt ins Stottern, wenn er die Unterschiede zum Menschen erläutern soll.« Dabei haben sich in den vergangenen knapp 20 Jahren auch andere Menschenaffen als überaus gelehrige Schüler erwiesen: *___Die Gorilla-Dame Koko beherrschte rund 300 Zeichen aus ____der US-Taubstummensprache »Ameslan«; ihre Betreuerin, ____die Psychologin Francine Patterson, hatte mitunter den ____Eindruck, Koko wolle sich mit ihr über den Tod ____unterhalten. *___Die Schimpansin Sarah bildete mit verschieden gefärbten ____und geformten Plastikchips einfache Sätze wie: »Sarah« ____- »Aprikose« - »legen (auf)« - »rot« - »Teller« - und ____wählte Frucht und Teller danach richtig aus. *___Mit rund 125 Handzeichen sowie Kombinationen von bis zu ____drei Begriffen blieb der Schimpanse »Nim« bis zum Alter ____von 26 Monaten angeblich gleichauf mit der Entwicklung ____von Kindern - ehe er sich vom Lernprozeß zurückzog und ____von Experten geschätzte Bilder malte.
Zwar haben es Menschenaffen, wie das amerikanische Wissenschaftsblatt »Science« feststellt, bisher im Schnitt auf nicht mehr als 100 bis 200 Wörter gebracht - Kinder haben einen gleichgroßen
Wortschatz schon mit weniger als zwei Jahren, Sechsjährige beherrschen 8000, Achtjährige mehr als 18000 Wörter. Doch nicht nur Psychologen und Verhaltenswissenschaftler haben in den vergangenen Jahren erstaunliche Parallelen zwischen Homo sapiens und den »seltsam vertrauten« ("Science") Vettern aus der Evolutionsgeschichte festgestellt: *___Biologen wiesen nach, daß das genetische Material von ____Menschen und Schimpansen zu 99 Prozent identisch ist. *___Der amerikanische Anatomie-Experte Al Galaburda fand im ____Gehirn von Rhesusaffen Partien, deren Lage und ____Zellstruktur an die Sprachzentren im menschlichen ____Gehirn erinnern. *___Bruce Richman vom Yerkes-Primatenforschungszentrum in ____Atlanta kam zu dem Schluß, daß Dschelada-Affen bei ____Kontaktschreien Zunge und Stimmritzen ähnlich ____gebrauchen wie Menschen bei der Konsonanten- und ____Vokalbildung.
Kritiker der Projekte mit »sprechenden Affen«, wie der amerikanische Psychologe Herbert S. Terrace, bestreiten der Inter-Spezies-Unterhaltung seit einigen Jahren vehement die wissenschaftliche Legitimation. Es gäbe keine Beweise, meinte Terrace in einem Aufsatz 1982, »daß Gespräche mit Tieren stattfinden, außer in der Phantasie ihrer menschlichen Beobachter«. Das Wunderkind Kanzi scheint auch diesen Verdacht zu widerlegen.
Bei wissenschaftlich kontrollierten Versuchen, bei denen getestet werden sollte, wie gut der Affenjüngling das Englisch seiner Betreuer verstehe, agierte er fast fehlerfrei. Obwohl unter einer Decke im Dunkeln hockend, reichte er auf Fragen jeweils die richtigen Symbole heraus. Andere Affen, die an der Tastatur Begriffe jahrelang richtig verwendet hatten, versagten bei diesem »Blindversuch«.
Auch auf schwierige gesprochene Sätze wie: »Willst du eine Windel für deine Schwester Mulika holen?« oder »Möchtest du den Schlauch holen und in deinem Planschbecken spielen?« reagiere er, so das US-Forscherteam, stets richtig.
»Es gibt keinen Zweifel mehr, daß die großen Menschenaffen Bewußtsein besitzen«, behauptete die Primatenforscherin Alison Jolly unlängst im Fachblatt »American Scientist«. Andere Wissenschaftler sind wie sie immer mehr davon überzeugt, daß einige Affenschüler Begriffe abstrakt verwenden und nicht wie antrainierte Kunststücke.
Nur vermuten läßt sich derweil freilich, was Affen ihren menschlichen Zuchtmeistern wirklich zu sagen hätten. Bei der noch in Freiheit zur Welt gekommenen Kanzi-Mutter Matata, so die Beobachtung der Affenforscherin Savage-Rumbaugh, habe sie »häufig das Gefühl, daß sie versucht, über Dinge in der Vergangenheit zu reden«.