STERBEHILFE Sichere Tricks
Ich bin 'Patientenarzt aus Liebe'. Ich kämpfe für das Leben. Der Patient ist meine oberste Instanz. Er ist der König.«
Für so ein paar knackige Sprüche ist Professor Julius Hackethal, 63, Allgemeinchirurg und »Regie-Arzt« an der Eubios-Klinik am Chiemsee, allemal gut. Aber aufs Maul gefallen sind seine Gegner auch nicht.
»Vorsicht! Dr. Hackethal - Ein Arzt verspielt seinen Ruf«, schrieb der »Stern« letzte Woche auf ein gelb eingefärbtes, mit dem Giftsymbol der gekreuzten Knochen dekoriertes Titelblatt. Hackethal betreibe einen »Versandhandel mit Zyankali« (so Professor Horst Bourmer, Vorsitzender des Hartmannbundes) und habe »das Recht verloren, Arzt zu sein« - das sagte Deutschlands betriebsamster Ärztefunktionär, der bayrische Landesärztekammerpräsident Hans Joachim Sewering.
»Hackethal muß weg«, forderte Benno Erhard, Staatssekretär im Bundesjustizministerium. Der Eubios-Chefarzt und Sterbehelfer sei »eine schwere Gefahr für die Allgemeinheit«.
Als der unerschrockene Streiter wider Pfuscherei von Ärzten und Standesdünkel vor einem Jahr der unheilbar krebskranken, schwer entstellten und von unerträglichen Schmerzen gepeinigten Hermy Eckert mit einer Dosis Zyankali zum Selbstmord geholfen hatte (SPIEGEL-Titel 18/1984), waren noch Sympathie-Kundgebungen hochgebrandet. Diesmal
aber schwenkte die Medien-Stimmung, zumindest zeitweilig, gegen den Professor.
Auslöser der neuen Publizitäts-Welle waren Vorfälle von so schrecklicher Provinzialität und Naivität, daß es einen, angesichts des heiklen Diskussionsthemas, wohl grausen konnte.
Es begann damit, daß zwei Männer sich zerstritten: Hackethal und der Diplom-Politologe Hans Henning Atrott, 40, Präsident der »Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben e.V.« (DGHS), einer 1980 gegründeten Organisation, die für das »Recht auf einen würdigen Tod« kämpft.
Hackethal war dieser Gesellschaft beigetreten, kurz bevor er der Patientin Hermy Eckert zum Freitod half. Er hatte sich von Atrott rechtlich beraten lassen. Von Atrott stammte auch der Vorschlag, die Vorgespräche mit der Patientin per Video-Kamera zu dokumentieren. Und, so jedenfalls behauptet Hackethal: Das Zyankali, von dem Hermy Eckert ihre Dosis erhielt, hatte Atrott dem Professor besorgt.
Unter Protest und mit schweren Vorhaltungen gegen Atrott verließ Professor Hackethal am 11. März den Sterbehilfe-Verein.
Der Vereins-Präsident rächte sich, indem er an die Öffentlichkeit brachte, was Hackethal ihm ein paar Wochen vorher im Vertrauen erzählt hatte: Auf die dringende Bitte eines unheilbar an Krebs erkrankten Kollegen aus Schleswig-Holstein hatte Hackethal sich im Dezember letzten Jahres bereitgefunden, eine tödliche Dosis Zyankali an den Arzt zu versenden - in einem Post-Päckchen. Die Sendung kam beim Empfänger nicht an. Die leere, zerfetzte Päckchen-Hülle ging mit einem Postvermerk ("Beschädigt, ohne Inhalt, beim Postamt Hamburg 2 aufgefunden") an Professor Hackethal zurück.
»Postraub«, kommentierte der Sterbehilfe-Verfechter. Dagegen sei er »machtlos«. Statt die tödliche Fracht mit einem Kurier überbringen zu lassen, hatte sich der weltfremde Hackethal beim Amtsschimmel der Bundespost sicher gewähnt. Hackethal: »Meine Frau hat extra noch nachgefragt, was wir draufschreiben müßten. Die Post hat gesagt, der Vermerk 'eigenhändig' würde eine persönliche Zustellung gewährleisten.« Nicht einmal per Einschreiben wurde das Päckchen abgeschickt.
Doch so fragwürdig die Umstände des postalischen Versands von Sterbehilfe sein mögen (Hackethal: »Das würde ich so nie wieder machen") - die Anschuldigungen Hackethals gegen Atrott wiegen schwerer: Der Vereinsvorsitzende, so Hackethal, habe einer verzweifelten Frau Zyankali zu überhöhtem Preis verkauft, eine tödliche Dosis für 1000 Dollar.
Atrott bestritt den Vorwurf. Aber in seinem Brief an den Vereinsvorsitzenden, datiert vom 11. März, legte Hackethal detailliert dar, wie er zu der Information gelangt war.
Eine unheilbar kranke Patientin, die sich mit Freitod-Gedanken trug und von Hackethal an die »Gesellschaft für Humanes Sterben« weiterverwiesen worden war, hatte ihm wenig später am Telephon berichtet: Auf die Frage, ob er ihr Zyankali besorgen könnte, habe Präsident Atrott »ja gesagt, aber erklärt, es koste 1000 Dollar«. Leider gehe es nicht billiger, weil das Gift aus dem Ausland besorgt werden müsse. »Erschrocken
wie selten« habe er, Hackethal, der Patientin geraten, mit dem Handel noch zu warten. Aber als er dann wenige Tage später die Patientin wieder anrief, habe diese ihm erzählt: Sie sei mit dem Vereinsvorsitzenden und dessen Frau in einem Hotel zusammengetroffen; dabei sei das Geschäft - Zyankali gegen 1000 Dollar in bar - Zug um Zug abgewickelt und ihr das Versprechen abgenommen worden, mit niemandem darüber zu sprechen.
»Für mich besteht kein Zweifel«, so Hackethal, daß die Patientin »mir die Wahrheit gesagt hat«. Von einer »Gesellschaft für Humanes Sterben mit solch einem Präsidenten« wolle er nichts mehr wissen. Schlußformel des Briefes: »Sie sind ein Böser, Herr Atrott!«
Daß der neuerliche Hickhack der Sache nicht guttun, sondern die Auseinandersetzung um das Thema Sterbehilfe nur noch weiter emotionalisieren kann, ist dem streitbaren Hackethal inzwischen auch klar. Als letzte Woche die Kripo in seinem Arbeitszimmer erschien, öffnete er bereitwillig den Tresor und gab den Behälter mit den restlichen 15 Gramm Zyankali heraus, die noch in seinem Besitz waren: »Ich bin froh, wenn ich das Mistzeug endlich los bin.«
Daß ausgerechnet Zyankali, das Sekundengift, mit dem sich viele Naziprominente umbrachten, nun die Diskussion um den »Erlösungstod« (Hackethal) begleitet, erklärt der Eubios-Chefarzt mit einem Hinweis auf die höchstrichterliche Rechtsprechung. Zyankali, so Hackethal, sei »das einzige Mittel, bei dem anschließend keine Lebensrettung mehr möglich ist«. Der Tod tritt unwiderruflich ein - bei anderen todbringenden Medikamenten ist der Arzt unter allen Umständen verpflichtet, Lebensrettungsversuche einzuleiten.
Dennoch sieht auch Hackethal den mit einer Prise Zyankali und destilliertem Wasser gefüllten Giftbecher als »Notlösung« an. Bei Kerzenschein und Blumenschmuck, im Kreis seiner engsten Angehörigen, so wünscht es sich Hackethal, müsse der Todgeweihte Abschied vom Leben nehmen können: Durch Drehen an einem Infusionshahn trifft er selber die Entscheidung zwischen lebensverlängernder Elektrolyt- oder todbringender Schlafmittellösung.
Die Vision vom schönen, sanften Tod hatte Hackethal schon im Zusammenhang mit dem Freitod der krebskranken Hermy Eckert ausgemalt. Der Medienrummel damals hatte auch den Effekt, daß der in Augsburg ansässige Sterbehilfe-Verein (dessen Vorsitzender Atrott sich gern mit »Herr Präsident« anreden läßt) mächtig Zulauf erhielt.
Interne Querelen gab es bald darauf bei einer DGHS-Hauptversammlung um den Finanzbericht, der nur mündlich, nicht schriftlich vorgelegt worden war. Nach diesem Rechenschaftsbericht verfügte die Gesellschaft bereits Ende Juni letzten Jahres über eine halbe Million
Mark Kapital, dazu über laufende Einnahmen von mindestens einer halben Million Mark jährlich. Die inzwischen rund 10 000 Mitglieder zahlen jeweils einen Jahresbeitrag von mindestens 50 Mark, sogenannte Lebensmitgliedschaften kosten 550 Mark pro Person, 850 Mark pro Ehepaar.
Die Kleinigkeit von »350 000 bis 400 000 Mark«, erklärte Verbandsvorsitzender Atrott, gingen »für Personal, Büro und Öffentlichkeitsarbeit drauf«, darunter für die vierteljährlich erscheinende Hauszeitschrift »Humanes Leben - Humanes Sterben«, verantwortliche Redakteurin: Anita Atrott.
Umstritten aber ist vor allem eine Freitod-Broschüre ("Menschenwürdiges und selbstverantwortliches Sterben"), die der Verein in mittlerweile rund 7000 Exemplaren an seine Mitglieder verteilt hat.
In wohlgesetzten Worten ("Wenn Sie erwägen, eines Tages ihrem Leben ein Ende zu setzen ...") werden den Lesern Tips zum schmerzfreien Ableben gegeben. »Keine extravaganten Methoden«, so DGHS-Präsident Atrott, »sondern sichere Tricks, auf die bei scharfer Überlegung jeder kommen könnte.«
Leidenschaftlich hat sich der Chefredakteur der »Münchener Medizinischen Wochenschrift«, Jochen Aumiller, mit den umstrittenen Praktiken des Sterbehilfe-Verbandes auseinandergesetzt. »Für eine geheimbündlerische Interessengemeinschaft zum Vertrieb von Todesrezepten«, so Aumiller, könne es »keine Rechtfertigung« geben.
Auch der DGHS-Vizepräsident und Verfasser der Freitod-Broschüre Dr. med. Wilhelm Rasche hat sich inzwischen von Atrott distanziert. Der Verein, so Rasche, brauche eine neue Satzung, »die es vor allem unmöglich macht, daß ein einzelner Mann wie ein Guru die Idee eines humanen Sterbens für seinen finanziellen Vorteil und für seine Selbstdarstellung vermarktet«.
Daß bei dem Versand der Selbstmord-Broschüre »kommerzielle Interessen auf Kosten von Menschenleben verfolgt werden«, diesen Verdacht äußerte Anfang des Monats auch Bundesjustizminister Hans Engelhard. Der Minister sprach von »makabren Do-it-yourself-Anleitungen zum Selbstmord« und stellte die Haltung der Bundesregierung zur »Erlösungstod«-Diskussion klar: »Aktive Sterbehilfe ist und bleibt verboten.«
Diese Auffassung wird auch durch den Ausgang eine Hearings kaum beeinflußt werden, das der Rechtsausschuß des Bundestages für den 15. Mai einberufen hat. Nach einem Zehn-Punkte-Fragen-Katalog wollen die Rechtspolitiker die Meinung von 15 Experten zum Thema Sterbehilfe einholen.
Zu den Eingeladenen zählen jene beiden Männer, die sich nun über den Tod zerstritten haben: Hans Henning Atrott und Julius Hackethal.