Psychotherapie Sigmunds Erben
Ein kleiner Mann in blauschillerndem Seidenrock und mit bunten Federn am Stirnband hüpft trommelschlagend um einen Tisch herum. Dort hat eine junge Frau Platz genommen, um, wie sie sagt, ihr »Geistwesen energetisch aufladen« zu lassen.
Der ältere Herr mit den Federn gehört zu einer Truppe sibirischer Schamanen, die mit ihrem Hokuspokus den »1. Kongreß des World Council for Psychotherapy« bereicherten. Jeden Tag trommelten die »Heiler aus den Tiefen des asiatischen Kontinents« zum Wohle der rund 4000 Kongreßteilnehmer, die sich letzte Woche im Wiener Austria Center versammelt hatten.
Laut Programm hatte sich der Kongreß ernsthafter Wissenschaft verschrieben: In Wien, wo vor 100 Jahren die psychoanalytische Bewegung ihren Siegeszug begonnen hatte, sollte die Seelenheilkunde in neuem Glanz erstrahlen. Top-Referenten aus 73 Ländern und über 1600 Fachvorträge waren angekündigt worden.
Unter der Schirmherrschaft des österreichischen Bundespräsidenten Thomas Klestil sowie des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl sollten weltweit bekannte Leuchten der Seelenheilkunde wie Viktor Frankl, Otto Kernberg oder Hans Jürgen Eysenck über die inzwischen erreichten Fortschritte in ihrem Metier berichten.
Doch daraus wurde nicht viel. Die greisen Säulenheiligen der Branche trugen auch diesmal wieder vor, was sie fast wortgleich seit Jahrzehnten auf jedem Psychokongreß erzählen - von Fortentwicklung keine Spur.
Zwar nutzten die Vertreter der klassischen Psychoanalyse ihren Heimvorteil: Weit über 100 Veranstaltungen drehten sich um das Erbe Sigmund Freuds. Aus Boston war Sophie Freud, 71, Enkelin des Uranalytikers, herbeigereist, die mit einem ebenso luziden wie witzigen Vortrag über seelische Normalität dem Kongreß ein Glanzlicht aufsetzte, nahezu das einzige in fünf Tagen.
Weshalb dann aber der chaotische und vorhersehbar übertriebene Aufwand? Die Antwort hat mit dem Geschäftssinn des Cheforganisators Alfred Pritz zu tun. Mit großem Getöse hatte der wissenschaftlich bislang kaum hervorgetretene Dynamiker unlängst das »World Council for Psychotherapy« gegründet, einen weltweiten Verband aller Praktiker im Psychogewerbe.
Für seinen »Weltkongreß« lud Pritz, zugleich Präsident eines selbstgegründeten österreichischen und europäischen Berufsverbands, neben einer Reihe renommierter und wohldotierter Wissenschaftler auch Herrn und Frau jedermann als Referenten ein, ein Angebot, dem viele Hinterbänkler der Szene nicht widerstehen konnten: Wann haben sie schon die Chance, neben den Koryphäen der eigenen Zunft auf dem Podium zu sitzen?
Viele kramten ihre verstaubten Diplomarbeiten hervor, um daraus einen Vortrag zu destillieren. Speziell die Vertreter dubioser Verfahren wie »Reiki-Heilung« oder »Naikan-Innenschau« nutzten die Gelegenheit zur Selbstaufwertung in der Nachbarschaft seriöser Standesgenossen.
Natürlich kostete das: Die über 1600 Referenten aus aller Herren Länder mußten nicht nur Anreise und Unterkunft selbst bezahlen, sondern obendrein den vollen Teilnehmerbeitrag in Höhe von 7000 Schilling (rund 1000 Mark) entrichten. Daß rund 500 Gäste aus Osteuropa zu ermäßigter Gebühr teilnehmen durften, schmälerte das Geschäft der Veranstalter kaum.
Dabei war es Pritz gelungen, die Kongreßkosten niedrig zu halten: Die Hauptlast der Planung und Organisation war von einer Heerschar »Ehrenamtlicher« bewältigt worden; mit Austrian Airlines sowie einem österreichischen Versicherungsunternehmen hatte er potente Sponsoren angeworben, ein Millionendeal, bei dem die wissenschaftliche Qualität der Massentagung in den Hintergrund trat.
Vom gesellschaftskritischen Geist der Aufklärung, den die Freud-Enkelin verbreitete, war auf dem Wiener Kongreß nur wenig zu spüren. Randständige bis obskure Psychotechniken prägten das Treiben im Austria Center, einem labyrinthischen Neubau inmitten von Großbaustellen am Wiener Stadtrand.
Was immer derzeit unter dem Fähnchen »Psychotherapie« dahersegelt, war auf dem Mammutkongreß vertreten: Vom »Focusing« bis zum »Psychodrama«, von der »Bioenergetik«, der »Tanztherapie« bis zur Behandlung von »Befindlichkeitsstörungen in der Maltherapie« reichte die Themenpalette - ein Jahrmarkt der Psychomoden und -methoden, auf dem auch ein Vortrag über »Frustration im Therapieprozeß« angeboten wurde.
Bei den Trommelritualen der sibirischen Schamanen herrschte stets großer Andrang; die Interessenten stritten sich heftig um die raren Plätze für eine »Einzelbehandlung«. Da traf es sich günstig, daß am dritten Kongreßtag noch der nigerianische Geistheiler Nwirn Ifebuzor eintraf, um dessen Einreisevisum sich die österreichische Bundesministerin für Gesundheit und Konsumentenschutz, Christa Krammer, persönlich gekümmert hatte.
Zwei Tage vor Kongreßbeginn hatte der österreichische Nationalrat, im Bestreben, das ausufernde Unwesen »alternativer Heilkundiger« einzudämmen, mit großer Mehrheit beschlossen, die Tätigkeit von Heilpraktikern rigoros zu verbieten. Wer in der Alpenrepublik künftig Krankheiten behandelt, ohne als Arzt oder Psychotherapeut bestallt zu sein, muß mit einer Strafe von bis zu 300 000 Schilling (etwa 42 000 Mark) rechnen.
»Da werden die Wunderheiler zu Recht verboten, hier werden sie hofiert«, schimpfte ein Kongreßteilnehmer; mit seinem Gemischtwarenangebot an Verfahren verhöhne der Kongreß geradezu das in Europa vorbildliche Psychotherapiegesetz der Österreicher.
Auch Sophie Freud, die zur Zunft der Psychoheiler ironische Distanz bewahrt, warnte in Wien vor geschäftsorientiertem Kundenfang in der Seelenheilkunde. Um zu verhindern, »daß auch in der Psychotherapie demnächst Menschen als Ware angesehen werden«, sollten sich, so ihre Empfehlung, die Therapeuten einen »Ethik-Kodex« zulegen.
Doch davon hielten die versammelten Fachleute nichts: Auf der anschließenden Podiumsdiskussion wurde der Freud-Vorschlag mit Schweigen übergangen.