Sinnloses Label - DER SPIEGEL
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GENTECHNIK Sinnloses Label

Die EU hat neue Kennzeichnungsregeln für Genfood erlassen. Langfristig könnten die Verordnungen besonders für Ökobauern fatale Folgen haben.
• aus DER SPIEGEL 28/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

So viel Einigkeit war selten in Sachen Genfood. Nach Jahren erbitterten Streits hat das Europäische Parlament vergangene Woche seine neuen Beschlüsse zur Kennzeichnung und Zulassung von Gentech-Lebensmitteln verkündet. Und alle schienen zufrieden.

»Klare und transparente Kennzeichnungsregeln« bejubelte Verbraucherministerin Renate Künast in Berlin. »Ein Sieg für den Verbraucherschutz in ganz Europa«, frohlockte Henning Strodthoff, Gentechnikexperte von Greenpeace. Aber auch Rainer Linneweber vom Saatgutriesen Syngenta begrüßte die gewonnene Rechtssicherheit: »Endlich wissen wir, woran wir uns zu halten haben.«

Wird fortan also der Supermarktkunde besser darüber informiert sein, welcherlei Fremdgene sich in seiner Tütensuppe oder seinem Frühstücksmüsli verstecken? Zweifellos: Die neuen Verordnungen bedeuten eine Verschärfung der bisherigen Regeln. Voraussichtlich schon ab nächstem Frühjahr müssen Bestandteile aus Gentech-Pflanzen in allen Lebensmitteln kenntlich gemacht werden und bis zum Ausgangsstoff rückverfolgbar sein - und zwar unabhängig davon, ob die Genveränderung im Endprodukt überhaupt noch nachweisbar ist. Auch alle Gentech-Futtermittel bedürfen künftig der Kennzeichnung. Und: Für Lebensmittel, die »zufällige oder technisch unvermeidbare« Gentech-Spuren von mehr als 0,9 Prozent aufweisen, ist die Etikettierung Pflicht.

All das haben die Gentech-Feinde der Industrie abgetrotzt - und dennoch spricht manches dafür, dass sie den vergangenen Mittwoch dereinst als den Tag ihrer entscheidenden Niederlage in Erinnerung behalten werden. Denn mit dem EU-Beschluss ist nun zugleich der Weg frei, das seit 1998 in der Union geltende De-facto-Moratorium für die Zulassung neuer Gentech-Pflanzen aufzuheben.

Nach der Einigung nämlich dürften nun die Zulassungsbehörden dem immer massiveren Druck nachgeben, endlich den europäischen Markt für neue Organismen aus dem Gentech-Labor zu öffnen. Vor allem die USA drängeln. Bei der WTO verklagen sie, gemeinsam mit Argentinien und Kanada, die störrischen Europäer. Vorletzte Woche schwang sich US-Präsident Bush gar zu der Bemerkung auf, die EU sei mit ihrer Verweigerungshaltung für den Hunger in Afrika mit verantwortlich - und lud kurz darauf europäische Repräsentanten in Washington mit den Worten »lasst uns ein wenig Genfood speisen« zum Lunch.

Schon um des transatlantischen Friedens willen gilt es in Brüssel daher längst als ausgemacht, dass bald neue Genpflanzen in der EU zugelassen werden, zumal auch die Industrie drängt. 20 entsprechende Anträge liegen der EU-Kommission bereits vor.

Doch wenn Genpflanzen erst einmal im großen Stil in Europa angebaut werden, könnten sich die neuen Genfood-Label bald als sinnlos erweisen. Denn selbst Ökobauern werden ihre Äcker kaum frei von Fremdgenen halten können. Zwar wird es ihnen möglicherweise gelingen, den jetzt beschlossenen Schwellenwert zu unterschreiten. Der Verbraucher dürfte dennoch bald merken, dass »nicht gekennzeichnet« keineswegs »gentechnikfrei« bedeutet.

»Die Politik akzeptiert mit der Entscheidung eine Grundkontamination aller Lebensmittel«, sagt Heike Moldenhauer vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. »Das ist ein klares Zugeständnis an die Industrie und die USA, die ihre Genpflanzen nach Europa exportieren wollen.« Ohne strikte Auflagen für die Produzenten, so Moldenhauer, drohten den Verbrauchern nun gentechnische Anteile in fast allen Nahrungsmitteln.

Viele transgene Pflanzen, so sind sich Forscher inzwischen einig, übertragen ihre Gene durch Pollenflug regelmäßig auf verwandte Sorten. Unweigerlich werden sich deshalb geringe Mengen von Gentech-Pollen auch auf die Äcker der Ökobauern verirren. Beispiele dafür gibt es genug: Schon ist es etwa für Bauern in der kanadischen Provinz Saskatchewan praktisch unmöglich geworden, Ökoraps anzubauen, weil ihnen der seit 1996 dort angebaute Genraps die Ernte verunreinigt. »Die Produktion von Gentech-freien Pflanzen ist nicht möglich in einer Region, in der auch transgene Pflanzen wachsen«, heißt es entsprechend in einem Report im Auftrag der EU-Kommission vom vergangenen Jahr.

Nur mit enormem Aufwand könnten sich die Ökobauern vor dem Anflug der gefürchteten Genfracht schützen: Pollenbarrieren, Pufferzonen zwischen den Feldern und strenge Auflagen bei Lagerung, Transport und Verarbeitung der Lebensmittel könnten die Sortenvermengung wenn nicht verhindern, so doch wenigstens vermindern, so dass Gentech-freie und Gentech-Landwirtschaft koexistieren könnten.

Doch all das ist teuer: Selbst wenn die Bauern eine Kontamination von einem Prozent akzeptieren würden, wären je nach Pflanze Mehrkosten bis zu 40 Prozent zu erwarten. Wer aber soll das bezahlen? Wer wird haften, wenn Ökobauern die Ernte verunreinigt wird? Was bedeutet juristisch gesehen eine solche Beimengung überhaupt? Ist sie ein Schaden, und wenn ja, in welchem Sinne?

Das Europäische Parlament hat den EU-Staaten anheim gestellt, derlei Fragen nun auf nationaler Ebene zu klären. Künast will Entsprechendes in der anstehenden Novellierung des Gentechnikgesetzes regeln. Umweltschützer drängen zur Eile: »Die EU-Staaten, allen voran Deutschland, müssen jetzt entschlossen handeln«, sagt Moldenhauer. »Wenn es keine klare Regelung zur Koexistenz gibt, stirbt die Gentechfreie Landwirtschaft den Tod auf Raten.«

»Die Bundesregierung ist nun gefordert«, sagt auch Henning Strodthoff von Greenpeace. Mit strikten Regeln zur Koexistenz und einem guten Monitoring werde sich die Gentechnik in Europa in ihre Schranken weisen lassen, glaubt der Ökokämpfer. »70 Prozent der Verbraucher lehnen Gentechnik in Lebensmitteln ab«, sagt Strodthoff: »Wir sind zuversichtlich, dass sich letztendlich niemand diesem starken Votum wird entziehen können.«

Ob sich die Verbraucher auf lange Sicht dem Genfood entziehen können, bleibt jedoch fraglich. Allzu erdrückend ist die Macht des Faktischen: Auf fast 60 Millionen Hektar Ackerfläche in 15 Ländern wurden weltweit im vergangenen Jahr gentechnisch veränderte Pflanzen kommerziell angebaut - 35-mal mehr als noch 1996. Über zwei Drittel aller Lebensmittel in den USA enthalten inzwischen Bestandteile der Designer-Pflanzen.

Und längst hat die Gentechnik auch deutsche Supermärkte erreicht. 30 000 Produkte in deutschen Warenregalen enthalten beispielsweise Sojazutaten, berichtet Rainer Linneweber von Syngenta. Rund 50 Prozent des auf dem Weltmarkt erhältlichen Soja jedoch sei gentechnisch verändert.

Weil in hochreinem Sojalecithin, wie es zum Beispiel in Schokolade verwendet wird, die Genveränderung nicht mehr nachweisbar ist, mussten die entsprechenden Produkte bislang nicht gekennzeichnet werden. Ab Frühjahr jedoch brauchen sie ein Gentech-Label. Linneweber: »Auf den Aha-Effekt in der Bevölkerung bin ich schon sehr gespannt.« PHILIP BETHGE

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