»Stalinismus als Lebensform« - DER SPIEGEL
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»Stalinismus als Lebensform«

• aus DER SPIEGEL 9/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Maaz, 46, leitet seit 1980 die Psychotherapeutische Klinik im Evangelischen Diakoniewerk Halle.

Wir DDR-Bürger sind dabei, ein sehr komplexes, uns alle betreffendes Geschehen in den Begriff »Stalinismus« zu pressen - in der Hoffnung, uns damit endlich von einem Übel zu befreien, das uns vier Jahrzehnte geplagt hat.

Wir distanzieren uns heftig, proklamieren das Ende einer Ära und suchen vor allem Schuldige: Wie schön wäre es, wenn es uns gelänge, ein paar Stalinisten aufzustöbern, abzuurteilen und die ganze böse Vergangenheit anschließend vergessen zu können.

So geschah es doch auch 1945: Einige Nazis und Kriegsverbrecher wurden angeklagt, verurteilt oder vertrieben. Mit einem Schlag war der Nationalsozialismus ausgerottet, die »Stunde Null« war da. Daß die Deutschen in ihrer großen Mehrheit begeisterte Mittäter gewesen waren, konnte verdrängt werden; erklärt wurde nichts.

Wie wollen wir heute in der DDR unser jahrzehntelanges Wahlverhalten oder die millionenfache Beteiligung an peinlichen Jubelaufmärschen erklären? Keiner kann sich auf die Tribüne stellen, wenn es nicht ein Volk gibt, das willig defiliert. War Verweigerung wirklich existenziell bedrohlich? Was drückte sich in der 99prozentigen Zustimmung aus?

Angst spielte sicher dabei eine Rolle, aber wohl auch die Bereitschaft zur Unterordnung, zu Gehorsam und Angepaßtheit. Allseits erkennbare Heuchelei stand hinter der farcenhaften Übereinstimmung, die in der DDR-Gesellschaft massenhaft abnorme Charakterstrukturen formte.

Eine halbe Stunde »Aktuelle Kamera« etwa hätte genügen können, um angesichts der Verlogenheit und der phrasenhaft-gestelzten Mitteilungen einen Lachkrampf zu bekommen oder sich angewidert zu übergeben. Aber nichts dergleichen geschah; alles wurde toleriert, millionenfach, jahrzehntelang.

Mein Beitrag beruht auf den Erfahrungen, die einem Psychotherapeuten eröffnet werden, wenn seelische Not und körperliches Gebrechen die Menschen zur Wahrheit aufrufen, zu Erkenntnissen, die sie lieber weiter vor sich und anderen verborgen hätten.

Lernt man in solcher Lebenslage die Menschen genauer kennen, so ergibt sich ein typisches Bild des durchschnittlichen DDR-Bürgers: Er ist autoritätsgläubig, ängstlich und gefühlsblockiert, vor allem aggressiv gehemmt. Seine Bereitschaft, wirkliche Konflikte offen auszutragen, ist gering; seine Realitätswahrnehmung ist verzerrt und eingeengt. Er zeigt einen deutlichen Mangel an Direktheit und spontaner Lebensfreude - alles ist verhalten, gebremst, abgesichert und kontrolliert.

Doch unter dieser Oberfläche, die nur unter großem Druck aufbricht, brodeln heftigste Gefühle: mörderische Wut, ohnmächtige Angst, auch tiefer Schmerz und lähmende Traurigkeit. Das allerdings bleibt meist verdeckt, weil es als bedrohlich und belastend empfunden wird.

Was ist der »Stalinismus« für den Psychotherapeuten? Er ist Anpassungsdruck, repressive Erziehung, körperlicher und seelischer Terror; er ist Gehirnwäsche ("Wir sagen dir, was richtig ist, was du denken, sagen und fühlen darfst") und Entfremdung von der eigenen Natur. Vor allem aber ist er Unterdrückung der Gefühle, Verbot von Wut, Schmerz und Lust, statt dessen Erziehung zu Disziplin und Härte und damit zu einer Verlogenheit, die schließlich zur zweiten Natur wird.

Durch die Gleichschaltung der gesellschaftlichen und familiären Repression wurde die charakterverformende Wirkung des Stalinismus in der DDR zu einem Massenphänomen. Die Symptome zeigen sich nicht nur als Suizide, Alkoholismus und Neurosen - selbst die »friedliche Revolution« trägt Züge neurotischen Agierens, die den Wert dieses säkularen Vorgangs leicht in Frage stellen können.

In der psychotherapeutischen Arbeit lassen sich die Spuren des »alltäglichen Stalinismus« bei nahezu jedem Patienten feststellen. Anfangs gibt es immer eine Phase, in der die Patienten verschlossen abwarten und nur ihre Fassade zeigen. Ihr dringlichster Wunsch ist ein »Führer«, dem sie folgen wollen oder gegen den sie opponieren können.

Bleibt er aus, so verspüren sie größte Angst und Unsicherheit, die sich in Wut- und Haßausbrüchen sowie in der Suche nach Sündenböcken äußert, manchmal auch in Zusammenbrüchen mit Verwirrung und Flucht: Dabei zerbröckelt die soziale Fassade; bisher in Schach gehaltene Gefühle brechen durch - das mühsam erlernte »Autoritätsspiel« funktioniert nicht mehr.

Das alles entdeckten wir in unserer Klinik erstmals, als wir die Motive ausreisewilliger DDR-Bürger analysierten. In den Jahren vor der Wende führte ein Ausreiseantrag zu sozialer Isolierung und Diskriminierung. Viele Antragsteller fanden unter kirchlichen Dächern Schutz, andere kamen in ihrer Not zur Therapie. Dabei konnten wir in etwa 50 Fällen Hintergrundmaterial sammeln.

Uns fiel auf, daß die von den Betroffenen selbst geglaubten politischen, religiösen, wirtschaftlichen oder familiären Motive bei sorgfältiger Analyse häufig ganz andere, sorgfältig verborgene Beweggründe erkennen ließen: Es war letztlich eine Flucht vor der inneren Not, dem inneren Mangel, unterstützt durch Erfahrungen des äußeren Mangels in der DDR und damit auch auf Äußerlichkeiten abgelenkt - wobei sich die Bundesrepublik als Land neuer Hoffnungen anbot: Die Erfüllung aller inneren ungestillten Sehnsüchte wurde auf den Westen projiziert; zur Analyse der Innerlichkeit hat es nie wirkliche Chancen gegeben.

Beim Ausreisewunsch spielte häufig auch ein unbewußtes Aggressionspotential eine wichtige Rolle: Antragsteller waren oft jahrelang in aggressive Auseinandersetzungen mit »Vater« Staat verstrickt, während sie von »Mutter« Kirche unterstützt oder doch beschützt wurden. Das autoritäre Staatssystem bot sich konfliktbeladenen Menschen gleichsam als »Mitspieler« an, indem es Aggression geradezu auf sich zog; viele Familienkonflikte beispielsweise konnten so stellvertretend ausgelebt werden.

Verweigerung und Protest können also auch eine Art Fassade sein, eine Form der Ablenkung vom inneren Elend. Selbstverständlich lebt jede Revolution von gerade diesen Oppositionellen; ihrem Druck, ihrer Unruhe und ihrem Streß sind der Aufbruch und die Chance der Veränderung zu danken.

Doch inzwischen sind neue Fehlentwicklungen zu beklagen; eine neue Variante des Stalinismus erscheint, obwohl zunächst alles mit so edlen Zielen begonnen hatte. Das ist nicht weiter erstaunlich: Die jetzt am stärksten als Stalinisten gebrandmarkt werden, waren ursprünglich die großen antifaschistischen Helden.

Will man die Revolution in der DDR psychologisch verstehen, so bekommen die Flüchtlinge größte Bedeutung. Sie haben die Revolution in Gang gebracht. Zu den ersten bedeutenden Unruhen ist es im Zusammenhang mit den Sonderzügen gekommen, die den »Straftätern« freies Geleit durch das eigene Land verschafften.

»Wir bleiben hier« - das war der erste Schlachtruf auf den Straßen, ein Notruf wie von fleißigen und tüchtigen Kindern, die trotz aller Mühen nicht die Aufmerksamkeit der Eltern erringen konnten, weil diese mehr mit den mißratenen und schwierigen Geschwistern zu tun hatten. Vor allem dieser Protest lähmte die längst angeschlagenen Mächtigen: Wie sollten sie schießen lassen auf ein Volk, das bleiben wollte?

Die Empörung, die sich damals Bahn brach, entstammte eher einem trotzigen Beharrungswillen der Angepaßten, die endlich auch beachtet, belohnt und anerkannt sein wollten. Das läßt vermuten, daß die »friedliche Revolution« nicht als reife und entschlossene politische Tat zu werten ist; sie passierte einfach.

Für diese Annahme spricht, daß sich in der Psychotherapie mittlerweile zunehmend Probleme abzeichnen, die man als »Angst vor der Freiheit und Selbstbestimmung« einordnen könnte. Angst löst auch das gewaltige, aber unterdrückte Aggressionspotential in der Bevölkerung aus, auf das die ständig beteuerte eigene Gewaltfreiheit nur ausdrücklich hinweist.

Die Mauer fiel, bevor sie zum Ziel des politischen Kampfes werden konnte. Seither beherrscht zunehmend nur noch ein einziges Thema die »Revolution": Deutschland, einig Vaterland. Damit werden alle tieferen Erkenntnisprozesse und die notwendige Trauerarbeit durch eine Flucht nach vorn vermieden: Der kollektive Mangel, die kollektive Schuld sollen als kollektive Erlösung in der Einheit Deutschlands getilgt werden.

Doch die Charakterverformung der Massen bleibt unangetastet und stellt eine Gefahr für die Zukunft dar. Symptome zeigen sich schon - das Erstarken nationaler und rechtsradikaler Positionen einerseits, andererseits Zersplitterung und Streit innerhalb der Opposition.

Dabei gibt es keine Alternative zu der Lebensweise, die wir bis zuletzt als »Stalinismus« mitgetragen haben, außer in einem grundlegenden Wandel der Gesellschaftsstrukturen in Ost und West. Ohne eine »psychische Revolution«, die den Stalinismus als Lebensform ablöst, haben wir keine Chance.

Die stalinistische Variante ist letztlich an der Verlogenheit, Enge und der wirtschaftlichen Krise gescheitert. Die Variante der sozialen Marktwirtschaft wird vermutlich an der ökologischen Krise scheitern. Die Generation, die jetzt zur Macht drängt, muß ihre charakterliche Reife erst noch beweisen.

Die jetzt stattfindende, schnelle Orientierung auf den Westen geschieht unter dem Druck der eigenen, inneren Unsicherheit und der Sehnsucht nach neuer kräftiger Führung, die das überkommene Autoritätsbedürfnis befriedigen soll. Nirgendwo wird die Frage nach den menschlichen Grundbedürfnissen diskutiert, die bislang unterdrückt waren.

Vielleicht ist die Chance für eine befreiende psychische Revolution schon wieder verloren. f

Hans-Joachim Maaz
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