Starkstrom aus den Wolken - DER SPIEGEL
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WETTER Starkstrom aus den Wolken

Auf einem Sportplatz in Niedersachsen traf ein Blitz 14 Menschen auf einmal. Alle überlebten. Doch welche Dauerschäden hinterlässt ein solcher Stromschlag?
Von Günther Stockinger
• aus DER SPIEGEL 35/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zuerst bemerkten sie ein rötlich gleißendes Licht. Dann wirbelten sie wie dürres Herbstlaub durch die Luft. Ein gewaltiger Blitz schoss am letzten Mittwoch um 19.15 Uhr über dem Sportplatz im niedersächsischen Wiersdorf bei Zeven vom Himmel. Er traf das verzinkte Metalldach der Ersatzbank, unter dem sich elf Jugendkicker, zwei Zuschauer und der Trainer drängelten.

Die Wucht der Naturgewalt schleuderte die Opfer meterweit aufs Spielfeld. Als Helfer die Trikots der Jungen anfassten, erstarrten sie: Kleidung und Stutzen der Getroffenen waren heiß, als hätte man sie aus dem Bratrohr gezogen.

24 Stunden später konnten 13 der 14 Opfer aus den Krankenhäusern entlassen werden. »Die Ärzte haben uns gesagt, dass nichts zurückbleiben wird«, erklärte der Vorsitzende des Sportvereins Wilhelm Meyer erleichtert - wirklich sicher ist das indes nicht.

Jeden Sommer werden in Deutschland fünf bis zehn Menschen vom Blitz erschlagen. Besonders gefährdet sind Bergwanderer, Golfer und Erdbeerpflücker. Auch Fahrrad- und Motorradpiloten leben gefährlich, wenn sich über ihren Köpfen etwas zusammenbraut. Auf Fußballplätzen erwischt der Blitz selten einen allein.

Das Schicksal der Betrof-fenen entscheidet sich innerhalb von Millisekunden. Durch den meist mehrere Kilometer langen, aber nur wenige Millimeter dicken Blitzkanal schießt ein Stromschlag von 20 000 bis 40 000 Ampere zur Erde (Staubsauger: rund 3 Ampere, Herd: 15 Ampere).

Die Luft im Elektronenschlauch erhitzt sich auf rund 30 000 Grad Celsius und dehnt sich explosionsartig aus - ein kartätschendes Krachen geht mit dem grellen Lichtblitz einher.

Schuld an dem Gänsehaut erzeugenden Naturschauspiel sind Transportvorgänge in den Gewitterwolken. Wassertröpfchen, Eis- und Staubpartikel reiben sich im Auf und Ab der Luftströmungen und laden sich dabei elektrisch auf.

Am Ende entstehen Spannungen von vielen Millionen Volt zwischen der negativ geladenen Wolkenunterseite und der im Vergleich dazu positiv geladenen Erdoberfläche. Züngelt dem sich zusammenbrauenden Leitblitz von oben eine »Fangladung« von unten entgegen, schließt sich der Stromkreis: Der Blitz fegt mit 30 000 Kilometern pro Sekunde in Bäume, Kirchtürme oder Schiffsmasten.

Auf die Notfallmediziner wartet an der Einschlagstelle meist ein Alptraum. Denn schlimmstenfalls setzt der Stromschlag aus den Wolken die bordeigene Elektronik des Körpers außer Kraft - das Impulssystem des Herzmuskels funktioniert nicht mehr, auch die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen im Hirn fällt aus. Herzstillstand, Kammerflimmern oder Atemblockade enden bei mindestens jedem vierten Getroffenen tödlich.

Die Überlebenden tragen häufig Verbrennungen davon. Arme oder Beine sind taub, der Gleichgewichtssinn ist gestört. Lebensrettend wirkt oft die Haut: Der Blitzstrom fährt nicht entlang von Nervensträngen und Blutgefäßen in den Boden, sondern fließt als »Gleitlichtbogen« äußerlich am Körper hinab. In seltenen Fällen ziert die »Isolierschicht« der Getroffenen ein farnähnliches Muster ("Lichtenberg-Figur"), das wie eine Fotokopie des himmlischen Zackenblitzes wirkt.

Durch Herzmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung lassen sich viele der Getroffenen wieder zum Leben erwecken. Auch die Lähmungen an Armen und Beinen halten in der Regel nicht lange an. Schlimmer, aber noch kaum erforscht, sind die möglichen Langzeitwirkungen der Starkstromattacke.

Manchen Blitzopfern machen noch Jahre nach dem Ereignis neurologische Ausfallerscheinungen zu schaffen: Sie schlafen schlecht und können sich kaum konzentrieren, sie klagen über Depressionen oder Schmerzen in Armen und Beinen. Mitunter können sie nicht mehr gehen, schlucken oder ihre Finger biegen - wie nach einem Schlaganfall müssen sie alles wieder mühsam erlernen. »Ich war 48 und fühlte mich wie 35, jetzt bin ich 50 und komme mir vor wie 75": So schildert ein US-Patient die vom Blitz verursachten Reha-Qualen.

Schuld an den Langzeitschäden, so glauben Mediziner, sind Verletzungen an den Membranen der Nervenzellen - Nährstoffe können durch die vom Strom gestanzten Mikrolecks entweichen, schädliche Abfallprodukte ins Zellinnere eindringen.

Gehen im Laufe von Jahren immer mehr Zellen auf diese Weise zu Grunde, so treten die Folgeschäden zu Tage: Die Opfer frieren und schwitzen zugleich, sie leiden unter Ohnmachtsanfällen oder reagieren beim geringsten Stress panisch.

Trotz Warnungen verhalten sich viele der potenziellen Opfer bei aufziehenden Gewittern noch immer falsch. Sie suchen Schutz unter einzeln stehenden Bäumen oder spannen Schirme mit Metallspitzen gegen den einsetzenden Gewitterregen auf. Auch Städte mit Tausenden von Blitzableitern bieten nur trügerische Sicherheit. Vor zwei Jahren wurde mitten in Paris ein 24-Jähriger vom Blitz erschlagen - er lustwandelte in den Tuilerien. GÜNTHER STOCKINGER

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