Stein der Embryonen - DER SPIEGEL
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PALÄONTOLOGIE Stein der Embryonen

Fossilien fußballförmiger Urtiere zeigen: Viel früher als gedacht belebten raffinierte Wesen die Erde.
• aus DER SPIEGEL 7/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Tiere, die vor 570 Millionen Jahren durch die Ozeane schwebten, sahen aus wie Fußbälle. Sie waren fragil fast wie Seifenblasen. Alles, was von ihnen übrigblieb, sind versteinerte Embryonen - Körper, deren Überreste wie Wundschorf auf schwärzlichem Fels prangen.

Chinesische Paläontologen hatten Steine mit den konservierten Embryonen aus Phosphatlagerstätten geborgen; am vergangenen Mittwoch wurde ihre Entdeckung publik. Gleichzeitig veröffentlichten die führenden Wissenschaftsblätter »Science« und »Nature« ungewöhnlich detailreiche Bilder der Kugelwesen, die einst die Welt belebten.

Experten feiern die Funde aus der südchinesischen Provinz Guizhou als Sensation. »Sie gehören zu den wichtigsten, die je gemacht wurden«, jubelte der Stockholmer Paläontologe Stefan Bengtson: Es handle sich um die ältesten zweifelsfrei identifizierten Tierfossilien überhaupt. Der Harvard-Forscher Andrew Knoll sieht mit den Aufnahmen von den sandkorngroßen Urorganismen sogar »den Nebel über einer ganzen Epoche der Frühzeit verfliegen«.

Bisher ließen die Vermutungen darüber, welche Tiere die Erde vor deutlich mehr als einer halben Milliarde Jahren bewohnt haben mögen, oft eher an die Spekulationen eines Erich von Däniken denn an harte Wissenschaft denken: Die Forscher waren auf vage Abdrücke und Kriechspuren im Fels angewiesen, die vom damaligen Tierleben künden sollten. Die reiche Ahnengalerie der präzisen Versteinerungen beginnt erst im Zeitalter des Kambriums, vor 530 Millionen Jahren, als sämtliche Grundformen der heutigen Fauna entstanden und den ersten Tieren Schalen und Panzer wuchsen - Skelette, die überdauerten.

Woher die Geschöpfe des Kambriums gekommen waren, wußte kein Wissenschaftler und hoffte kaum einer, je zu erfahren. Die geheimnisvollen Vorläufer seien »kleine, schlabberige Dinge« gewesen, hatte erst kürzlich der US-Evolutionsbiologe Eric Davidson geschrieben: aussichtslos, nach ihren Hinterlassenschaften zu suchen.

Nun hat Yun Zhang, Chinas eminentester Paläontologe, mit seinen Phosphat-Fossilien den Bann gebrochen - eine unvermutete Hinterlassenschaft der Kulturrevolution, als die Rotgardisten Zhang zum Arbeitsdienst in die Phosphatgruben gezwungen hatten.

Im Phosphatgestein unter den Reisfeldern entdeckte Zhang, den sein Forscherblick nie verließ, Runzeln, die nicht geologischen Ursprungs sein konnten. Zhang nahm Proben. Als die Kulturrevolution vorüber war, mikroskopierte er diese und erkannte darin feinste Zellstrukturen - das Phosphat hatte die fragilen Gebilde perfekt konserviert.

Die Abdrücke wurden zunächst als Algenreste mißdeutet. Im vergangenen Jahr aber erkannten Harvard-Forscher Knoll und sein chinesischer Doktorand, dem Zhang einige der Phosphatsteine geschickt hatte, am Elektronenmikroskop deren wahre Natur: Viele der Zellhaufen waren von einer Hülle umschlossen, wie bei einem Ei. Und wie in den Embryonen jetziger Tiere teilten sich die Zellen mit jeder Entwicklungsstufe feiner auf.

Tausende solcher Zellkugeln zeigen die Steine von Guizhou, aber kein einziges Tier von erwachsenem Körperbau. Das kann Zufall sein, aber Knoll hält eine andere Möglichkeit für »ebenso wahrscheinlich": Die ausgewachsenen Urtiere sahen aus wie heutige Embryonen - das hatte schon 1874 der Jenaer Biologe Ernst Haeckel behauptet.

Tatsächlich wächst auch ein Menschenfötus aus einem fußballförmigen Zellhaufen heran. Andererseits meint Knoll aus der Geometrie seiner Fossilien ablesen zu können, daß in diesen Geschöpfen bereits ein raffinierter Körperbau angelegt war - sicher standen sie auf einer höheren Entwicklungsstufe als zum Beispiel Schwämme oder Quallen.

Nun stehe fest: Lange vor dem Kambrium und damit viel früher als gedacht belebten ausgefeilte Tiere die Erde. Das paßt ins Bild neuer Befunde von Genetikern, welche die Spaltung des Tierreichs in seine Großgruppen ebenfalls in die Epoche der Fußballwesen datieren. Weil sich jedoch die Gruppen vermutlich zunächst nur im Erbgut, nicht äußerlich unterschieden, ist schwer zu sagen, wessen Urmütter und -väter die chinesischen Kugeln waren: Vorläufer von Fliege, Spinne und Krabbe - oder Ahnen von Mensch und Seestern?

Dieses Rätsel zu lösen, ist Knoll guter Hoffnung: Er brauche nur neue Versteinerungen, und die werde er kriegen. China sei groß, voller Fossilien und voll junger Paläontologen. Mehr als tausend von ihnen, schwärmt Knoll, durchkämmten derzeit das Terrain.

* Embryonen in verschiedenen Stadien der Entwicklung;elektronenmikroskopische Aufnahmen.

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