Störfall im Weinberg - DER SPIEGEL
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UMWELT Störfall im Weinberg

Eine rätselhafte Rebstock-Bleiche sucht Frankreichs Champagner-Region heim. Noch ist unklar, warum das Weinlaub vergilbt und die Trauben verkümmern. Unter Verdacht steht ein neues Pflanzengift. Nun bangen die Hersteller des Luxus-Schaumweins um ihr Image.
• aus DER SPIEGEL 29/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Sylvie Moreau aus dem Champagner-Dörfchen Ste. Euphraise im Mai ihre Weinstöcke vergilben sah, dachte sie an nichts Böses. Sie würde es wie immer machen: den Boden mit ein wenig Eisen düngen, und das verblichene Laub würde sich wieder sattgrün färben. Seit Generationen leben die Winzer der Champagne mit diesem vergleichsweise harmlosen Phänomen, das Biologen als Chlorose bezeichnen.

Doch in diesem Jahr wartete Sylvie vergeblich. »Seit Anfang Juni haben wir Angst um die Weinstöcke«, sagt die resolute Winzerin und befühlt mit ihren von der Arbeit roten Händen sorgenvoll Trauben, die bei Stecknadelkopfgröße einfach aufhörten zu wachsen. Viele Blätter haben braune Ränder und Flecken. »Das kann den Ausfall von zwei Ernten bedeuten oder sogar den Tod des Weinstocks.« Nicht alle Stöcke sind von dem rätselhaften Phänomen betroffen, aber Sylvies materielle Existenz hängt an weniger als zwei Hektar. Da schmerzt jeder Verlust.

Ein paar Tage, nachdem Sylvie und ihr Mann erstmals stutzig geworden waren, hatte das ganze Dorf nur noch ein Gesprächsthema. Es war gar nicht zu übersehen: Auch die Weinhänge der Nachbarn am Hügelkamm von Ste. Euphraise wollten ihr hässliches Pipi-Gelb nicht verlieren. War womöglich die ganze Champagner-Ernte in Gefahr?

Am 22. Juni fand im Festsaal von Ste. Euphraise eine Versammlung statt. Diesmal floss, anders als sonst, kein Champagner; die Stimmung war aufgeheizt. 80 wütende Winzer verlangten Aufklärung über die Ursache der rätselhaften Reben-Bleichsucht.

Auf dem Podium saßen die besorgten Abgesandten des mächtigen ChampagnerDachverbands CIVC, der die Interessen der 15 000 Winzer vertritt und die der 250 Champagner-Häuser, darunter so wohlklingende Namen wie Veuve Clicquot, Roederer, Taittinger oder Moët&Chandon. Sie mahnten zur Besonnenheit. Neben ihnen rutschten zwei Herren mit unglücklichen Mienen auf ihren Stühlen herum. Gesandt hatte sie die Chemie-Firma Zeneca-Sopra, die Pflanzenschutzmittel herstellt.

Die Menge im Saal bedrängte die beiden mit Fragen. Denn die Winzer mit den bleichsüchtigen Weinbergen hatten eine Gemeinsamkeit entdeckt: Fast alle hatten sie ein neues Unkrautvernichtungsmittel benutzt, das Sopra aus Marketinggründen gleich unter zwei Namen in diesem Frühjahr auf den französischen Markt gebracht hatte: »Mission« und »Katana«.

Zur Aufklärung konnten die Herren von der chemischen Industrie nichts Wesentliches beitragen. Am Ende des Abends war nur so viel klar: Niemand wusste mit Sicherheit zu sagen, warum schätzungsweise 5000 Hektar der edlen Rebstöcke vom Vergilben betroffen waren, 3000 davon schwer - in einem kleinen Anbaugebiet von gerade mal 32 000 Hektar kein Pappenstiel.

Der Wirkstoff Flazasulfuron, der in Mission und Katana steckt, greift tief in den Stoffwechsel von Unkräutern wie Malve, Luzerne, Wilde Möhre oder Wicke ein. Nur 50 Gramm der Substanz pro Hektar - etwa das Gewicht von fünf Champagner-Korken - reichen aus, um lästige Konkurrenten um Nährstoffe schon im Keim zu ersticken. Flazasulfuron ist giftig für mancherlei Wassergetier, ein Mensch müsste den Stoff aber löffelweise essen, um ernsthaft Schaden zu nehmen.

Die Substanz war von der zuständigen EU-Behörde und dem französischen Landwirtschaftsministerium nach fünf Jahren Entwicklungszeit und zahlreichen Tests für den französischen Markt zugelassen worden. Die Aktenordner voller Testberichte und Gutachten würden ausreichen, einen Kleinlastwagen zu füllen.

»Hat das etwa keiner richtig gelesen?«, fragt James Clément, Vorsitzender der Winzerkooperative von Reuil. Auf seinen Weinbergen hat er beim Spritzen mit Mission die Wegränder ausgelassen. Prompt stehen dort jetzt die einzigen tadellosen Reben. »Wem soll man denn sonst vertrauen, wenn nicht den staatlichen Zulassungsstellen?«

Bisher funktionierte die Zusammenarbeit reibungslos wie eine elektrische Traubenpresse. Von Jahr zu Jahr klimperte es in den Geldbeuteln der Champagne-Winzer lauter - auch dank der Unterstützung durch die chemische Industrie. Die mageren Böden werfen heute im Schnitt 10 000 Kilogramm Trauben pro Hektar ab, doppelt so viel wie noch vor 20 Jahren. 1999 ratterten 327 Millionen Flaschen der Luxusbrause durch die Abfüllanlagen, macht 24 Milliarden Francs.

Die enorme Ertragssteigerung kam zustande, indem sich die Winzer zunehmend selbst entmündigten. Alle acht oder zehn Tage klingelt in ihren Wohnstuben das Fax. Dann surren die Verordnungen des Pflanzenschutzdienstes aus den Apparaten mit Empfehlungen wie diesen: »Schädling: Cochylis. Vorbeugend: Eiabtötende Mittel (Inségar, Lufox). Côte des Blancs, Région d'Epernay, Perthois, Einsatz 26-28 Juni, siehe Memo 2000, Seite 22-25.« Prompt steigen die Winzer in ihre Keller und rühren in bunten Bottichen an, was der Schutzdienst empfiehlt.

»Man muss nichts mehr über den Wein und den Boden wissen; der Weinberg funktioniert wie ein Metronom«, klagt Ökowinzer Jérôme Prévost. »Tack, tack, tack, jedes Jahr gleich. Manche legen das ganze Jahr über die Füße hoch und sehen ihren Weinberg nur noch zum Spritzen.«

Jahrelang ging alles gut. Jetzt scheint es, als sei zum ersten Mal etwas gründlich schief gegangen, und plötzlich sind Empörung und Ratlosigkeit gleichermaßen groß. Für einen heftigen Hagel kann man bestenfalls Sankt Vizenz verantwortlich machen, den Schutzheiligen der Winzer. Aber wer ist für den unseligen Mission-Einsatz haftbar?

Dominique Moncomble, Technischer Direktor des CIVC in Epernay, hält sich mit Vorwürfen noch zurück: »Wir sind sicher«, sagt er, »dass das Herbizid eine Rolle spielt, aber wir wissen nicht, welche.« Vorsichtshalber bereitet sich der Verband mit seinen Anwälten aber schon einmal auf einen Schadensersatzprozess gegen den Hersteller vor.

Etwas pikant: Der Verband selbst hat Mission und Katana in seinem Unkrautvernichtungs-Strategiepapier für das Jahr 2000 wärmstens empfohlen. Jetzt muss Moncomble hinter seinem nagelneuen Massivholztisch im eben fertig gestellten CIVC-Palast reihenweise wütende Winzer beschwichtigen, die ihm händevoll Mickertrauben als Beweisstücke in sein lichtes Büro mitgebracht haben.

Doch bald, so hofft er, wird es Klarheit geben, denn die Ursachensuche laufe auf Hochtouren. In den Labors von Sopra kreiseln Krümel von tonhaltigem Champagne-Boden in Erlenmeyer-Kolben. Die Chemiker des Champagner-Dachverbands sezieren Blätter, Wurzeln und Trauben, um eine Erklärung für die Reben-Bleichsucht zu finden. In dieser Woche sollen Flugzeuge mit Luftaufnahmen im Marne-Tal und in der Côte des Bar ein präziseres Bild des Flickenteppichs liefern, den die angegilbten Weinstöcke bilden.

Für die betroffenen Winzer hingegen ist die Sache längst geklärt: »Katana, c'est la cata« - Katana ist die Katastrophe.

Auch bei Veuve Clicquot wurde das neue Flazasulfuron eingesetzt. »Aber nicht auf der ganzen Fläche«, sagt Christian Renard, der rauschebärtige Weinbergdirektor in Verzy, »wir wollten das Mittel lieber erst mal beobachten.« Der Schaden auf den behandelten Flächen halte sich zum Glück in Grenzen. »Aber wir haben 260 Hektar. Wer nur zwei, drei Hektar bewirtschaftet, der hat ein Problem.«

Auf die Frage nach dem Schuldigen dreht sich Renard erst mal eine neue Zigarette. Man müsse die Analysen abwarten, sagt er dann. »Wer sich im Weinbau auskennt, der weiß, dass man unmöglich vorher alles testen kann. Jeder Quadratmeter Boden ist anders, und wir haben keine zwei Jahre mit demselben Klima.«

Bestätigt sich jedoch der Verdacht, wäre der Image-Schaden für Sopra kaum abzusehen. »Bis jetzt gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis für den Zusammenhang zwischen der Gelbfärbung und der Anwendung von Mission und Katana«, beteuert Rosane Le Roux, die Pressesprecherin des Unternehmens. »In der Testphase gab es keinerlei Auffälligkeiten. Es könnte sein, dass geschwächte Rebstöcke von Herbiziden zusätzlich gestresst wurden. Wir gehen aber von einem Zusammentreffen misslicher, unvorhersehbarer Umstände in diesem Jahr aus.«

Und wirklich sah es bisher nicht nach einem großen Jahrgang 2000 aus: im Frühjahr mörderische Hitze, dann wochenlang nichts als Regen. Schließlich prasselte der erste Hagel seit Jahrzehnten aus den Wolken, ausgerechnet als die Franzosen vor dem Fernseher mit ihrer Equipe im EM-Endspiel fieberten. Während dann in ganz Frankreich die Champagner-Korken knallten, stapften die Winzer um Reims und Epernay in Gummistiefeln und Anoraks durch die matschigen Weinberge und sahen nach, was die pingpongballgroßen Eisklumpen von den Reben übrig gelassen hatten.

Nach zwei Rekordjahren gehen Experten zudem von einer gewissen Erschöpfung der Böden und der Stöcke aus, auf denen Pinot Noir, Pinot Meunier und Chardonnay-Trauben für den Prestige-Schaumwein gedeihen. Zudem attackierten Pilze und Insekten die Weinberge.

Warum geht man in so einem schwierigen Jahr auch noch das Risiko eines neuen Herbizids ein? »Na ja!«, erklärt Moncomble den Mut zum großflächigen Einsatz, »wir achten in der Champagne sehr auf die Umwelt, und den Gutachten und den Angaben des Herstellers zufolge hat das Produkt ein gutes ökologisches Profil.«

Gerd Heidler vom Institut für Unkrautforschung der Biologischen Bundesanstalt in Braunschweig ärgert sich über solche Reklamesprüche. An ein Ökoherbizid zu glauben sei Augenwischerei. Die Chemiefirmen, so Heidlers Erfahrung, machten mit solchen Argumenten »enormen Druck«, um ihre Entwicklungskosten von schätzungsweise 200 Millionen Mark pro Wirkstoff möglichst schnell wieder hereinzuholen. »Die stürmen auf den Markt, und dann sind die Schäden da.«

Im Fall Mission/Katana war die Markterstürmung verblüffend erfolgreich. Auch Experten der regionalen Landwirtschaftskammern und staatlichen Pflanzenschutzdienste äußerten sich in Fachzeitschriften lobend über das angeblich besonders umweltverträgliche und dennoch effektive Produkt. Im ersten Verkaufsjahr besprühten die Winzer der Champagne 15 000 Hektar, immerhin fast die Hälfte der gesamten Anbaufläche, mit dem neuen Produkt.

Gemessen daran werden die Schäden vermutlich zu verkraften sein. Die Ernteverluste gehen für die meisten Winzer nicht an die Substanz.

Der Mythos des Luxusgetränks Champagner könnte trotzdem Schaden nehmen. Denn das Malheur offenbart die Schwachpunkte einer agroindustriellen Produktionsweise, die der Gourmet gemeinhin nicht mit dem Image von Luxus, Exklusivität und finessenreichen Aromen verbindet.

Der wahre Fehler, meint Anselme Selosse, Ökowinzer in Avize, sei in den Köpfen vieler Kollegen zu suchen, die die Verantwortung für ihre Weinberge freiwillig in die Hände der Landwirtschaftsfunktionäre gelegt haben. »Viele Weinbauern haben längst den Kontakt zum Boden und zum Handwerk verloren.« Auch die Kunden hätten bedauernswert wenig Interesse an der Weinkultur der Champagne, fügt Selosses Winzerfreund Prévost hinzu: »Die haben was zu feiern, dann muss Champagner her. Egal was, Hauptsache teuer.«

Würden Genießer, die weltläufig über die diskrete Marzipannase und die komplexe mineralische Struktur eines Cuvées parlieren, sich der Anbaupraxis zuwenden, so stünden ihnen mancherlei Überraschungen bevor. Zum Beispiel ahnt kaum einer von ihnen, worauf viele der edlen Rebstöcke wurzeln: auf Müll.

Vor 30 Jahren waren Weinfunktionäre auf die Idee gekommen, den unsortierten, kleingeschredderten Inhalt Pariser Abfalleimer die Marne herunterzuschippern und auf den Weinbergen abzuladen. Anfangs mögen hauptstädtische Kartoffelschalen und Apfelgriebse als Dünger noch eine Bereicherung gewesen sein, aber im Laufe der Jahre tauchten immer mehr zerkleinerte Plastiktüten und Joghurtbecher, später auch Batterien, Medikamente und Spritzen auf den Weinbergen auf.

Seit drei Jahren ist diese Form des Müllversands zwar verboten. Doch Tausende von Müllsackschnipseln, die den Boden mancherorts von weitem leicht blau getönt erscheinen lassen, führen jedem Besucher anschaulich vor Augen, dass Plastik nicht verrottet. Weil Touristen von dem Anblick geschockt sind, überdecken einige der Winzer den Unrat neuerdings unter gehäckselter Baumrinde.

»Und dabei ist das, was man sieht, noch das Geringste«, klagt Selosse. »Die Chemie hat keine Farbe. Da draußen stehen 20, 30 Jahre alte Weinstöcke. Die Hänge sind zum Teil voll gepumpt mit den Giften mehrerer Generationen.« Vielleicht, überlegt Selosse und zerreibt bedächtig eine Handvoll feuchten Boden zwischen den erdgeschwärzten Fingern, waren Mission und Katana der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Auch Sylvie Moreau hat sich immer auf die Faxe vom Pflanzenschutzdienst verlassen. Zwar schöpft sie mittlerweile doch wieder ein bisschen Hoffnung. Denn einige der vergilbten Weinstöcke scheinen langsam wieder grün zu werden. Nun macht sie sich Mut: »Solange den Blättern noch ein Fitzelchen Grün bleibt, ist ein Weinstock noch nicht verloren.«

In jedem Fall aber bleibt die Empörung: »Bis jetzt hat uns niemand eine Antwort auf unsere Fragen gegeben«, sagt die Winzerin. »Wir wollen eine Erklärung.« Sie kramt eine alte Winzerfachzeitung hervor, in der Sopra mit einem lachenden Säugling für den neuen Unkrautkiller wirbt. »Man hat uns eingeredet, damit etwas Gutes für die Umwelt zu tun«, sagt Sylvie. »Auf wen sollen wir jetzt eigentlich wütend sein? Auf Sopra und auf die ganze Welt?« Dann aber fügt sie kleinlaut hinzu: »Wohl doch auch auf uns selbst.« BEATE LAKOTTA

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