Stunde Null - DER SPIEGEL
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AIDS Stunde Null

Der Ursprung der Seuche Aids ist geklärt: Bei der Jagd auf eine bestimmte Schimpansen-Unterart infizierte sich ein Mensch mit dem Virus. Ähnliches kann sich jederzeit wiederholen.
• aus DER SPIEGEL 6/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein kurzes Sirren. Dann krachten Äste, verletzt stürzte die Beute zu Boden. Der Schütze wird sich gefreut haben über den Treffer. Wie auch hätte er ahnen sollen, daß er soeben den verhängnisvollsten Schuß der Menschheitsgeschichte getan hatte - den Startschuß zur Aids-Pandemie.

Zeitpunkt: irgendwann während des Zweiten Weltkriegs; Ort: irgendwo im Tropenwald des Kongobeckens; der Schütze: ein einheimischer Jäger; das Opfer: ein Schimpanse der Unterart Pan troglodytes troglodytes. So dürften, den Forschungsergebnissen der deutschen Molekularbiologin Beatrice Hahn, 43, zufolge, die Eckdaten jenes Ereignisses lauten, das am Anfang des Seuchenzugs stand. Den Blick in die Vergangenheit erlaubte ihr ein Indizienbeweis im Reagenzglas. Am Ende stand ein Stammbaum, der die Evolution des HI-Virus zeigt (siehe Grafik Seite 180).

Seit Jahren schon ist die Forscherin von der University of Alabama in Birmingham dem Ursprung von Aids auf der Spur. Bereits vor zehn Jahren reiste ihr Kollege und Ehemann George Shaw nach Afrika, um dort Viren aus dem Blut von Patienten zu isolieren. Bei der genetischen Analyse der Erreger offenbart sich rasch deren heimtückischste Waffe: ihre einzigartige Wandelbarkeit.

So schnell mutiert das HI-Virus, daß ein Stamm, der in Frankfurt isoliert wird, einem anderen aus Kinshasa oder Bombay genetisch kaum ähnlicher ist als der Mensch einer Meerkatze oder einem Pavian. Gemeinsam ist ihnen nur das biochemische Instrumentarium, das es ihnen möglich macht, in die Zellen des Immunsystems einzudringen und diese dahinsiechen zu lassen.

Gerade weil der Erreger von Aids so mutationsfreudig ist, gleicht die Seuche einem beispiellosen Evolutionsexperiment. Immer neue Varianten entstanden und brei-

* In Kamerun.

teten sich in unterschiedlichen Weltregionen aus. Der Vergleich ihres Erbguts erlaubt es, die Epidemie Schritt um Schritt zurückzuverfolgen und so bis zur Wurzel, zum ersten Aufflackern der Krankheit, vorzudringen.

Schon bald hatten die Wissenschaftler festgestellt, daß es, virologisch betrachtet, nicht eine, sondern zwei Aids-Seuchen gibt. Ein Erreger, HIV-1 genannt, ist für den Großteil aller rund 35 Millionen Infektionen weltweit verantwortlich. Der andere, HIV-2, breitet sich vor allem in Westafrika und Indien aus.

Beide entstammen dem Primatenreich Afrikas. Im Blut von knapp einem Dutzend Affenarten haben die Forscher sogenannte SI-Viren aufgespürt, Verwandte von HIV. Doch wann, wie und wo sie auf den Menschen übergesprungen sind, blieb lange ein Rätsel.

Den Ursprung von HIV-2 ausfindig zu machen, erwies sich als die einfachere Aufgabe: Die Rauchgrau-Mangaben, eine Primatenart, die in Zentralafrika heimisch ist, werden in freier Wildbahn von einem ganz ähnlichen Erreger infiziert. »Eigentlich«, erklärt Gerald Myers, der Chef der HIV-Datenbank des Los Alamos National Laboratory, »haben wir bei HIV-2 nicht ein menschliches Virus vor uns, sondern ein Mangaben-Virus im Menschen.«

Wesentlich schwieriger schien es zu sein, die Herkunft des anderen, aggressiveren Virentyps aufzuklären. Ein erster Hinweis darauf, wo danach zu suchen sei, fand sich im letzten Jahr: David Ho vom Aaron Diamond Aids Research Center in New York hatte 1213 alte Plasmaproben aus Afrika auf Spuren von HIV-1 untersucht.

In einer von ihnen wurde er fündig: Sie war im Jahr 1959 einem Patienten in Léopoldville (heute Kinshasa) entnommen worden. Das Schicksal des Mannes ist nicht bekannt. Trotzdem gilt seither als erwiesen: Schon vor 40 Jahren hatte das Virus seinen Weg in den Menschen gefunden.

Zudem zeigte sich, daß der Erregerstamm von 1959 genau den Erwartungen entsprach: Genetisch kam er als Urahn aller Viren vom Typ HIV-1 in Frage oder war ihm zumindest sehr ähnlich. Ho hatte sich folglich bis dicht an den Ursprung der weltweiten Epidemie herangetastet. Offen blieb nur, wie sich das erste menschliche Aids-Opfer angesteckt hatte.

Den Schlüssel zur Antwort dieser Frage verdankt die Forscherin Beatrice Hahn einem Anruf, den sie vor drei Jahren erhielt. Es meldete sich ihr Kollege Larry Arthur aus einem Labor des National Cancer Institute. Beim Entrümpeln, erzählte er, sei er in einem Kühlschrank auf alte Gewebeproben einer Schimpansin namens Marilyn gestoßen. 1985, das Aids-Virus war gerade entdeckt, hatten die Wissenschaftler verdächtige Erreger im Blut der Äffin gefunden. Kurz darauf starb das Tier, damals 26jährig, nach der Geburt von Zwillingen. Die Proben gerieten in Vergessenheit.

»Soll ich das Zeug wegschmeißen, oder willst du es haben?« fragte Arthur. Hahn begriff die einmalige Gelegenheit und antwortete: »Die will ich haben, unbedingt.«

Es kam ihr zustatten, daß die Aids-Forschung in den zehn Jahren seit Marilyns Tod enorme Fortschritte gemacht hatte: Inzwischen war es möglich, das gesamte Erbgut des Virus zu entschlüsseln. Beim Studium der Gensequenz stellte die Biologin fest: Nie zuvor war ein Affen-Erreger gefunden worden, der dem menschlichen HIV-1 ähnlicher war. Hatte sie den natürlichen Wirt endlich gefunden?

Um sicher sein zu können, mußte die Forscherin ihre Daten mit denen weiterer Schimpansen vergleichen. Nur drei weitere in freier Wildbahn infizierte Exemplare, soviel wußte sie, waren beschrieben. In zwei Fällen, so stellte sie fest, stimmte das Virus in seiner Gensequenz weitgehend mit demjenigen von Marilyn überein. Nur bei Noah, dem dritten Tier, zeigten sich deutliche Unterschiede.

Das Bild fügte sich plötzlich schlüssig zusammen, als Beatrice Hahn die Herkunft der vier Tiere verglich: Drei von ihnen, darunter Marilyn, gehören zur Unterart Pan troglodytes troglodytes. Noahs Heimat hingegen liegt weiter östlich, die Biologen ordnen ihn einer anderen Unterart zu. Und mehr noch: Marilyns Sippe stammt aus einer Region nicht weit von Kinshasa, von dort mithin, wo 1959 jene erste bekannte HIV-Infektion beim Menschen aufgetreten war.

Auf einen Zeitpunkt rund 15 Jahre zuvor läßt sich mittlerweile die Stunde Null der Pandemie datieren. Daß damals ein Virus in die Blutbahn eines Menschen gelangte, erklärt Hahn, sei keineswegs unplausibel: »Das Fleisch von Menschenaffen gilt in manchen Regionen als Delikatesse.« Ein Ausrutscher mit dem Messer beim Filetieren könnte ausgereicht haben, um dem Virus den Sprung über die Artengrenze möglich zu machen.

Der folgende, die Erde umspannende Seuchenzug allerdings hatte andere Ursachen. Helga Rübsamen-Waigmann, die beim Bayer-Konzern die Aids-Forschung leitet, vermutet, daß es im Verlauf der Geschichte immer wieder zum Wirtswechsel kam. »In Zentralafrika leben Affen und Menschen seit Jahrhunderten in engem Kontakt miteinander«, erklärt sie. Kaum vorstellbar, daß sich dabei nicht häufig Gelegenheiten für die Viren ergaben.

Doch lange Zeit muß sich Homo sapiens für die Erreger als Sackgasse erwiesen haben: Die Afrikaner lebten weit verstreut, ihre Sexualpartner suchten sie sich meist in der unmittelbaren Umgebung. Folglich blieben Aids-Fälle vermutlich sporadisch. Allenfalls flackerte dann und wann eine lokale Epidemie auf, die wenig später wieder verlöschte.

Erst die Europäer bahnten dem Erreger den Weg aus dem Dschungel: Sie schlugen Schneisen durch den Wald, die auch dem HI-Virus als Reiserouten dienten. Vor allem in den Dörfern entlang der Fernstraßen mehrten sich anfangs die Krankheitsfälle.

Nachdem das Virus schließlich bis in die rasch anschwellenden afrikanischen Metropolen vorgedrungen war, eröffneten sich ihm völlig neue Möglichkeiten: Von weit her strömten verarmte Bauern zusammen, die Prostitution florierte, Geschlechtskrankheiten begünstigten die Infektion. Zudem lagen nun auch New York, Zürich oder Berlin nur noch wenige Flugstunden entfernt.

Bringt aber die neue Erkenntnis über den Seuchenursprung auch die Medizin voran? Beatrice Hahn beeilte sich zu versichern: »Unsere Ergebnisse könnten die Entwicklung eines Impfstoffs wesentlich befördern.« Denn nun könnten die Forscher von der Natur lernen: Schimpansen und Viren verbinde vermutlich eine jahrtausendelange Geschichte. Die Evolution hat dafür gesorgt, daß die Tiere immun gegen den Erreger sind. Sie infizieren sich zwar, an aidsähnlichen Symptomen jedoch erkranken sie nicht. Wenn es gelänge, den Schutzmechanismus zu enttarnen, dann, so Hahn, ließe er sich vielleicht auch beim Menschen nutzen.

Andere Forscher jedoch äußern sich skeptisch. Daß HIV den meisten Primaten nichts anzuhaben vermag, ist seit langem bekannt. Geholfen hat diese Erkenntnis bisher wenig. Zudem, erklärt Rübsamen-Waigmann, sei ja gerade die Wandlungsfähigkeit dieser Viren das größte Problem. »Was soll uns da dieses Affen-Virus nutzen?« fragt die Forscherin. »Ich wüßte nicht, was ich damit bei meiner alltäglichen Laborarbeit anfangen sollte.«

Für viele Aids-Experten steht deshalb eine andere, wesentlich weniger ermutigende Lehre aus Hahns Entdeckung im Mittelpunkt: daß sich nämlich ein ähnlicher Seuchenzug jederzeit wiederholen kann.

Zwar stammen Hahn zufolge fast alle Viren vom Typ HIV-1 (von den Virologen unter dem Begriff »Gruppe M« zusammengefaßt) von einem einzigen Urahn ab - aber eben nur fast. Denn in den letzten Jahren stießen die Forscher auf zwei weitere Gruppen (genannt N und O), die sich nicht recht in den bekannten Stammbaum fügen wollten. Auch diese hat Hahn analysiert. Ihr Ergebnis: Der Sprung der Viren von Affe zu Mensch geschah nicht ein-, sondern dreimal.

Gemeinsam war allen drei Ereignissen: Jedesmal stand am Anfang ein Tier derselben Schimpansen-Unterart. Diese wird von Wilderern bis heute gejagt, ihr Fleisch auf den Märkten feilgeboten. »Es besteht die Gefahr, daß die Tiere bald ganz ausgestorben sind«, klagt Hahn. Nur eines würden sie dann auf Erden hinterlassen: das tödliche HI-Virus. JOHANN GROLLE

[Grafiktext]

Sprung über die Artengrenze Verwandte des Aids-Virus HIV wurden in einer Reihe afrika- nischer Primaten gefunden. Der Vergleich der Virengene zeigt, wie die Aids-Epidemie begann: Aus einer Mangaben- art sprang ein Erreger (SIVsm) auf den Menschen über und verwandelte sich in HIV-2. Die Viren des Typs HIV-1 hinge- gen stammen von einer Unterart zentralafrikanischer Schimpansen (SIVcpz). Insgesamt dreimal muß es zum Überspringen des Virus gekommen sein.

[GrafiktextEnde]

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Sprung über die Artengrenze Verwandte des Aids-Virus HIV wurden in einer Reihe afrika- nischer Primaten gefunden. Der Vergleich der Virengene zeigt, wie die Aids-Epidemie begann: Aus einer Mangaben- art sprang ein Erreger (SIVsm) auf den Menschen über und verwandelte sich in HIV-2. Die Viren des Typs HIV-1 hinge- gen stammen von einer Unterart zentralafrikanischer Schimpansen (SIVcpz). Insgesamt dreimal muß es zum Überspringen des Virus gekommen sein.

[GrafiktextEnde]

* In Kamerun.

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