Süße Gefahr - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 87 / 122

MEDIZIN Süße Gefahr

Leiden Schwangere an Diabetes, kann dies zu schweren Gesundheitsschäden bei ihren Babys führen - doch häufig wird die Krankheit nicht erkannt.
• aus DER SPIEGEL 22/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die 28-jährige Frau in der Kieler Diabetes-Praxis wirkt beunruhigt. Sie ist zum zweiten Mal schwanger. Ihr erstes Kind hat sie vor einem Jahr verloren. Es starb im Mutterleib nach problemloser Schwangerschaft - eine Woche vor dem Entbindungstermin.

An allen üblichen Vorsorgeuntersuchungen hatte sie damals teilgenommen. Auch eine Obduktion konnte den rätselhaften Tod ihres Kindes nicht erklären. Doch dann entdeckte ihr neuer Frauenarzt im alten Mutterpass, dass in der 28. Schwangerschaftswoche der Urintest auf Zucker positiv ausgefallen war. Niemand hatte reagiert.

Nun stellt sich in der Spezialpraxis bei einem einfachen Test heraus: Die Frau hat Schwangerschaftsdiabetes. »Ihr erstes Kind«, sagt Diabetes-Spezialist Helmut Kleinwechter, »hätte wahrscheinlich nicht sterben müssen, wenn schon damals die Erkrankung der Mutter rechtzeitig erkannt und behandelt worden wäre.«

Genau daran aber hapert es häufig. Weil ein Diabetes-Test nicht zu den Standarduntersuchungen bei Schwangeren gehört, so zeigt eine Studie aus Schleswig-Holstein, wird die Krankheit nur bei etwa zehn Prozent der betroffenen Frauen rechtzeitig entdeckt. Kleinwechter: »Hier herrscht eine absolute Unterversorgung.« Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft fordert deshalb ein von den Kassen bezahltes Diabetes-Screening aller Schwangeren. Noch dieses Jahr, hofft Kleinwechter, werde der Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen darüber entscheiden.

Die Folgen eines unerkannten Diabetes während der Schwangerschaft sind dramatisch: Durch den erhöhten Blutzuckerspiegel der Mutter werden die Kinder im Uterus regelrecht gemästet. Zum Entbindungstermin wiegen sie oft neun Pfund oder mehr - was zu schweren Gesundheitsschäden führen kann. »Dies sind die typischen Kinder, bei denen es heute noch zu Geburtskomplikationen kommt«, erläutert Markus Gonser, Chefarzt der Abteilung für Geburtshilfe der Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden.

Bei den Babys der Diabetes-Mütter sind die Organe besonders groß, bleiben aber unreif: Atemnot, Herzschwäche und Gelbsucht sind häufig die Folge. Eine Unterzuckerung, wie sie nach der Geburt häufig auftritt, kann unbehandelt zu Hirnschäden führen. Und weil die Durchblutung der Plazenta bei schlecht eingestellten Diabetikerinnen oft gestört ist und zudem häufig zu viel Fruchtwasser produziert wird, kann das Kind in seltenen Fällen sogar im Uterus absterben - genau dies ist wahrscheinlich bei der Schwangeren aus Kiel passiert.

Auch langfristig drohen diesen Kindern gesundheitliche Probleme: Weil ihre kindliche Bauchspeicheldrüse schon im Mutterleib extrem viel Insulin produzieren muss, wird sie auf einen späteren eigenen Diabetes regelrecht programmiert.

Neue Studien zeigen: Kinder, die geboren werden, nachdem bei ihrer Mutter Diabetes ausgebrochen ist, haben ein weit höheres Risiko, später selbst zuckerkrank zu werden, als ihre Geschwister, die vorher geboren wurden - obwohl das genetische Risiko für alle von ihnen gleich ist.

Sorgen bereiten den Ärzten indes nicht jene schwangeren Frauen, die meist schon seit ihrer Kindheit unter dem früher so gefürchteten »jugendlichen« Diabetes Typ I leiden. Wer an dieser schwereren Diabetes-Form erkrankt ist, weiß ohnehin um die Gefahren, ist im Insulinspritzen geschult und hat die Schwangerschaft sorgfältig geplant - so lassen sich die Risiken für die Kinder auf ein Minimum reduzieren.

Weit mehr Unheil droht den Kindern derjenigen Frauen, bei denen die Krankheit nicht weiter auffällt. Bei ihnen ist der Diabetes oft sogar erst eine direkte Folge der Schwangerschaft, die eine diabetische Stoffwechsellage begünstigt; in der Regel bildet sich der Diabetes nach der Entbindung zwar wieder zurück - das hilft ihren Babys aber auch nicht mehr.

Zudem aber, warnen jetzt zwei kanadische Ärztinnen im Fachblatt »Lancet«, verberge sich hinter einem Schwangerschaftsdiabetes inzwischen immer häufiger ein schon länger ausgebrüteter, aber noch nicht erkannter Typ II - ein so genannter Altersdiabetes, der meist durch Übergewicht und Fehlernährung verursacht wird. Die Betroffenen werden immer jünger. Schon 5000 Kinder unter 14 Jahren haben in Deutschland nach neuesten Schätzungen Altersdiabetes.

Leiden junge Frauen bereits vor ihrer Schwangerschaft an unerkanntem Altersdiabetes, ist dies für ihre Kinder besonders tückisch: Schon in den ersten drei Monaten, während der hoch sensiblen Phase der Organbildung, kann es beim Embryo zu Schäden kommen - darunter Fehlbildungen am Herzen und am Nervensystem.

Bei Risikogruppen, empfehlen die »Lancet«-Autorinnen, sollte ein Diabetes-Test noch vor einer Schwangerschaft erfolgen. Besonders gefährdet seien Übergewichtige, aber auch bestimmte ethnische Gruppen.

In Deutschland sind möglicherweise junge Türkinnen besonders gefährdet. »Im Durchschnitt treiben sie weniger Sport als deutsche Frauen, und wegen eines anderen Schönheitsideals sind sie oft auch weniger bereit abzunehmen«, sagt Gynäkologin Ute Schäfer-Graf von der Berliner Charité.

Zumindest der Schwangeren in Kiel hat die Betreuung durch den Diabetes-Spezialisten geholfen. Die junge Frau lernte die Selbstmessung ihrer Blutzuckerwerte und stellte ihre Ernährung um. Nach 40 Wochen gebar sie eine gesunde Tochter. Geburtsgewicht: normale 3750 Gramm. VERONIKA HACKENBROCH

Zur Ausgabe
Artikel 87 / 122