AKW Fukushima: Das Atom-Wrack bebt - DER SPIEGEL
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AKW Fukushima Das Atom-Wrack bebt

Nach jedem neuen Erdstoß in Japan müssen die Einsatzkräfte in der AKW-Ruine Fukushima neue Schäden reparieren. Experten setzen das Desaster bereits mit der Tschernobyl-Katastrophe gleich - doch es wird Wochen dauern, bis Klarheit über den Grad der radioaktiven Verseuchung herrscht.
Von Cinthia Briseño
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Tokio - Die Arbeiter, die auf dem Katastrophen-AKW Fukushima I unter schwersten Bedingungen gegen das nukleare Desaster ankämpfen, erinnern dieser Tage ein wenig an Strandkrabben: Bei Ebbe können sie mit dem zurücklaufenden Wasser emsig ihre Arbeit verrichten und nach Beute suchen. Sobald das Meer zurückschwappt rennen sie zurück in ihre Sandlöcher und verkriechen sich.

Für die Tepco-Techniker heißt der Feind: Nachbeben. Nur solange die Erde stillsteht, können die Männer ihre hochgefährliche Arbeit verrichten. Erzittert die Erde, wird hektisch das AKW-Gelände in Fukushima I evakuiert, die Mitarbeiter bringen sich in Sicherheit. Bange Sekunden und Minuten vergehen. Die Reaktoren, die Wasserpumpen und Gerätschaften geraten ins Schwanken. Plötzlich wird die Erde wieder still, die akute Gefahr ist vorüber, und die Tepco-Männer eilen rasch wieder auf das Gelände zurück. Dann heißt es erst einmal Schadensbegutachtung. Seit dem gewaltigen Erdstoß vom 11. März geht das nun immer wieder so. Mehr als 1000 Mal hat in Japan die Erde bereits nachgebebt.

Und so richtet sich nach jedem schweren Nachbeben der Fokus der Öffentlichkeit sofort auf die fragilen Reaktoren von Fukushima I: Was ist passiert? Wurde etwas zerstört? Funktioniert die Kühlung noch?

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AKW-Desaster Fukushima: Kein Ende in Sicht

Foto: REUTERS/ TEPCO

Beim aktuellsten Beben der Stärke 6,3, das sich am Dienstagnachmittag (Ortszeit) in der Präfektur Fukushima ereignete, ist Betreiber Tepco mit einem blauen Auge davongekommen: Zwar mussten die Techniker wieder einmal das Gelände schnellstmöglich verlassen. Doch in dem Kontrollraum außerhalb der Anlage beobachten sie ständig das Geschehen per Videokameras und mit Hilfe von Messinstrumenten auf dem AKW. Unregelmäßigkeiten konnten sie dieses Mal nicht feststellen, die provisorische Wasserkühlung der Problemreaktoren 1, 2 und 3 wurde nicht unterbrochen.

Jedes neue Nachbeben im Nordosten Japans birgt aber höchste Gefahren: Zuvor war nach einer Erschütterung der Stärke 6,4 ein Feuer auf dem Gelände ausgebrochen. Beim einem der bisher heftigsten Nachbeben der Stärke 7,1 am Montag lag sogar die Kühlung der Reaktoren 50 Minuten lang brach, weil der Strom ausgefallen war. Dass Nachbeben zu einem der größten Probleme für die Arbeiter auf dem AKW Fukushima werden könnten, darauf hatten erst vergangene Woche Experten der US-Atomaufsicht NRC in einem ersten Gutachten hingewiesen.

Die Stufen der INES-Skala

Die Atom-Ruine ist alles andere als stabil, ein starker Erdstoß könnte nicht nur einen weiteren Stromausfall verursachen und die dringend notwendige Kühlung zum Erliegen bringen: Den NRC-Experten zufolge sind die Reaktorsicherheits- und Druckbehälter besonders anfällig für Risse. Ein solches Szenario aber wäre ein folgenreiches Desaster in der Kette der Katastrophenmeldungen. Denn dann droht eine noch größere Freisetzung von hochradioaktivem Material in die Umwelt.

Ein Zehntel Tschernobyl

Doch schon jetzt, das steht inzwischen fest, hat das AKW Fukushima einen beachtlichen Teil seiner Radioaktivität, die man sicher in ummantelten Behältnissen wähnte, nach Außen abgegeben. Ein Zehntel des Strahlenmaterials, davon gehen verschiedene Nuklearbehörden aus, das 1986 in Tschernobyl freigesetzt wurde, sei inzwischen auch in Japan in der Umwelt gelandet.

Schätzungen dieser Größenordnung galten zu Beginn des Unglücks noch als stark übertrieben. Doch die neuesten Ereignisse in Fukushima lassen erahnen, dass es vielleicht sogar noch schlimmer ist: Seit Dienstag läuft das nukleare Desaster offiziell unter der Kategorie "katastrophaler Unfall" - Stufe 7. Das ist der höchste Wert auf der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (Ines).

Bisher war nur das Unglück von Tschernobyl in diese Kategorie eingestuft worden. Der Störfall im amerikanischen AKW Harrisburg, bei dem es ebenfalls zu einer Kernschmelze im Reaktor gekommen war, landete in der Skala auf Stufe 5. Damals handelte es sich um eine "erhebliche" Freisetzung von Radioaktivität. In Fukushima geht man nun davon aus, dass es sich um eine "schwerste" Freisetzung handelt.

"Wir haben die Einstufung der Schwere auf 7 angehoben, weil die Auswirkungen der Strahlung umfassend sind - in der Luft, im Gemüse, in Leitungs- und Meerwasser", sagte ein Sprecher der japanischen Atomaufsichtsbehörde Nisa am Dienstag.

"Längst überfällig"

"Längst überfällig", kommentierte Mycle Schneider, international tätiger Berater für Energie und Atompolitik die Hochstufung. Damit gebe die japanische Atombehörde zu, dass sie den Unfall in den letzten Wochen heruntergespielt habe. "Bisher haben sich Regierung und Betreibergesellschaft geweigert, den Vorfall als Katastrophe zu bezeichnen", sagte Schneider der dapd. Auch der britische Atomexperte Shaun Burnie hält die Hochstufung für bedeutsam: "Endlich räumen sie ein, wie ernst die Lage ist."

Besonders relevant sei, dass die japanische Atomaufsicht Nisa bei der Einstufung gleich eine Ebene übersprungen hat, als sie Fukushima von Stufe 5 direkt auf 7 heraufsetzte. "Das ist ein ungewöhnlicher Vorgang", sagte Schneider. Als die Stufe am 18. März festgelegt wurde, sei ein Großteil der Radioaktivität schon entwichen. De facto sei also weitaus mehr Radioaktivität freigeworden, als bisher zugegeben.

Tags zuvor hatten Strahlenschutzexperten von Greenpeace neue Messdaten veröffentlicht: In der Stadt Fukushima, rund 80 Kilometer vom AKW entfernt, betrug die Strahlenbelastung an manchen Stellen bis zu vier Mikrosievert pro Stunde. Für Menschen, die sich vorübergehend in diesen Gebieten aufhalten, bedeuten solche Werte keine akute Gefahr. Wer sich einen Tag lang dieser Belastung aussetzt, empfängt eine Strahlendosis (96 Mikrosievert), die ungefähr genauso hoch ist wie für jemanden, der von Frankfurt nach New York und wieder zurück fliegt (110 Mikrosievert). Über ein gesamtes Jahr gerechnet würde die Belastung etwa 35.000 Mikrosievert betragen. Zum Vergleich: Eine Computertomographie des Brustkorbs schlägt mit 8000 Mikrosievert zu Buche.

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung

Doch es gibt auch Gebiete jenseits der gesperrten 20-Kilometer-Zone, in denen bereits Strahlenwerte von bis zu 30 Mikrosievert pro Stunde gemessen worden waren. Innerhalb der Sperrzone hatte Tepco selbst Stellen mit über 50 Mikrosievert pro Stunde gefunden. Und nicht nur in der Luft, auch im Boden, im Meer, im Grundwasser, in Gemüse - radioaktive Partikel sind bereits in einen gefährlichen Kreislauf eingetreten. Experten gehen deshalb davon aus, dass die Region um Fukushima über viele Jahre hinweg nicht mehr bewohnbar sein wird. Inzwischen hat die japanische Regierung die Sperrzone ausgeweitet.

Unklar ist, welche Folgen ein verlängerter Aufenthalt in den kontaminierten Gebieten auf die Gesundheit wirklich hätte. Selbst rund um Tschernobyl konnte nach dem GAU statistisch keine erhöhte Zahl von Leukämie- und Krebskranken nachgewiesen werden. Lediglich beim Schilddrüsenkrebs bei Kindern ist ein klarer Zusammenhang erkennbar. "Die Menschen in Fukushima und in Koriyama müssen Langzeitfolgen befürchten, Kinder sind besonders gefährdet", sagte dagegen der Leiter des Klima- und Energiebereichs von Greenpeace, Thomas Breuer.

Für nukleare Störfälle hatte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) Anfang der neunziger Jahre die Bewertungsskala Ines ("International Nuclear Event Scale") mit Werten von 0 bis 7 eingeführt. Die Stufen 4 bis 7 sind der Kategorie "Unfall" zugeordnet. Bisher waren die drei Problemreaktoren 1, 2 und 3 im Katastrophen-AKW Fukushima nur mit Stufe 5 bewertet worden, also als "ernster Unfall".

Bis feststeht, wie hoch die Freisetzung von Radioaktivität in Japan tatsächlich ist, können viele Tage, gar Wochen vergehen. Zahlreiche Messwerte und Bodenproben müssen dafür analysiert werden, die Netzwerke der Messstationen sind komplex. Einstweilen behilft man sich mit Modellrechnungen. Sie basieren darauf, wie viel Radioaktivität vor dem Unglück auf dem AKW Fukushima I eingelagert war. Mehr als 2500 Tonnen Uran und Plutonium sollen es gewesen sein. Ein Vielfaches von dem, was seinerzeit in Tschernobyl lag.

Hinzu kommt, dass tagtäglich radioaktives Material aus Fukushima austritt. Wie viel genau, vermag kaum jemand zu sagen. Der Sprecher der Betreibergesellschaft Tepco, Junichi Matsumoto, erklärte sogar, dass letztlich mehr Radioaktivität in die Umwelt gelangen könnte als in Tschernobyl, wenn weiterhin Strahlung freigesetzt wird. "Wir erleben eine anhaltende massive Freisetzung von Radioaktivität", hatte der Chef des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, schon zu Beginn der Katastrophe gemahnt. "Und allen muss klar sein: Das ist noch lange nicht das Ende."


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Mit Material von dapd