Atomsicherheit Fukushima-Ventile auch in den USA im Einsatz
Druckanzeige von Fukushima I (Roboterbild, April 2011): Diskussion um Sicherheitsventile
Foto: REUTERS/ TEPCOWelche Schlussfolgerungen muss die Welt aus der Atomkatastrophe von Fukushima ziehen? Für Deutschland hat sich die Reaktorsicherheitskommission (RSK) in ihrem jüngsten Sicherheitsbericht um eine Antwort bemüht - auch wenn die nicht immer eindeutig ausfällt. Auch in den USA dürfte nun eine neue Debatte beginnen. Grund ist ein Bericht der "New York Times" zu den in Japan eingesetzten Druckentlastungssystemen. Die sind der Zeitung zufolge auch in zahlreichen US-Reaktoren zu finden.
Probleme mit der Druckentlastung gelten mittlerweile als entscheidender Faktor für die katastrophale Entwicklung in den Stunden nach Erdbeben und Tsunami am 11. März dieses Jahres. Bisher hatten US-Verantwortliche immer Wert darauf gelegt, dass die in ihrem Land eingesetzten Druckentlastungssysteme den in Japan verbauten überlegen seien. Doch das trifft nach Informationen der Zeitung nicht zu.
Die Entlastungssysteme helfen dabei, ein Bersten des Reaktors nach schweren Störfällen zu verhindern. Bei einer beginnenden Kernschmelze entstehen große Mengen explosiver Wasserstoff - weil die Zirkoniumhülle der Brennstoffe zerstört wird. Außerdem steigt der Dampfdruck des im Reaktor eingesetzten Wassers stark an. Deswegen sollen die sogenannten Venting-Systeme kontrolliert Druck nach außen abgeben. Dabei besteht zwar das Risiko, dass auch radioaktive Gase und Partikel in die Umwelt gelangen. Im Vergleich mit einer Detonation des Reaktorkerns gilt eine solche Freisetzung aber als das kleinere Übel. Spezialfilter sollen außerdem möglichst viel strahlendes Material zurückhalten.
"Die Druckentlastung der Reaktorkühlsysteme, um eine Einspeisung mit Feuerlöschpumpen zu ermöglichen, erfolgte mit Blick auf das Vermeiden von Kernschäden deutlich zu spät", hatte die RSK bei ihrer Bestandsaufnahme der Ereignisse in Fukushima beklagt. Ob das "an unzureichenden organisatorischen Strukturen, Notfallprozeduren oder an unzureichender Personalkapazität aufgrund der Tsunami-Folgen" oder an "anderen Einflüssen" gelegen habe, lasse sich derzeit nicht beurteilen.
Nach dem "New York Times"-Bericht dauerte es in Fukushima mehrere Stunden, bis die Druckentlastung überhaupt versucht wurde. Für eine erste Verzögerung sorgte demnach ein Streit innerhalb der Betreiberfirma Tepco. Der Vizechef des Unternehmens, Sakae Muto, habe sich gegen die Maßnahme ausgesprochen. Kraftwerkschef Masao Yoshida habe dagegen vehement für das Venting plädiert. Beide Manager hätten sich angeschrien - eine absolute Seltenheit in Japan. Erst sechs Stunden nach der Anweisung der japanischen Regierung, eine Druckentlastung durchzuführen, hätten die Tepco-Verantwortlichen dies dann auch angeordnet.
Tepco-Manager verloren wertvolle Zeit
Entscheidender als die Verzögerung durch den Kampf der Manager sei jedoch das technische Versagen wichtiger Komponenten gewesen, so die Zeitung. So hätten die Druckentlastungssysteme ihre Elektro-Versorgung ebenfalls aus den Notstromaggregaten beziehen sollen. Die funktionierten nach dem Tsunami allerdings nicht mehr. Dazu seien Probleme an den Ventilen gekommen, die durch das Erdbeben verursacht worden sein könnten.
Als Kraftwerks-Ingenieure im Kontrollraum mit einem speziellen Schlüssel die Druckentlastung ausgelöst hätten, sei jedenfalls gar nichts passiert. Auch später lief nichts nach Plan: Im Reaktor I seien die Strahlenwerte bereits zu hoch für eine manuelle Öffnung der Ventile gewesen. Im Reaktor II hätten Arbeiter die Ventile zwar öffnen können, zunächst sei der Druck aber nicht messbar gefallen. Und in Reaktor III schließlich hätten sich die Ventile auch nach mehreren Öffnungsversuchen immer wieder geschlossen. Ursache unbekannt.
Rund zwei Dutzend Reaktoren in den USA setzen auf das "Mark I"-Design der Firma General Electric, das auch in Fukushima zum Einsatz kam. Und in diesen Meilern kommt der "New York Times" zufolge das gleiche Druckentlastungssystem wie in Japan zum Einsatz. Es war in den späten achtziger Jahren entwickelt worden, eigentlich um die Sicherheit der Reaktoren zu erhöhen. Dass es auch in Japan verbaut wurde, würden Unterlagen der japanischen Atomaufsicht aus dem Jahr 2002 beweisen.
Schwierigkeiten bereiteten offenbar diejenigen Bestandteile des Systems, die eigentlich zum Schutz der Umgebung gedacht waren. Weil die Druckentlastung auch die Möglichkeit vorsieht, Gas aus Geschwindigkeitsgründen an den Strahlenfiltern vorbei zu leiten, gebe es mehrere Sicherheitsvorkehrungen, um ein unbedachtes Auslösen zu verhindern. Diese Deaktivierung dieser Sicherheitsvorkehrungen habe allerdings zum Teil eine funktionierende Stromversorgung vorausgesetzt. Und die habe es in Fukushima eben nicht mehr gegeben.
Deswegen sei es zumindest eine Option, die Notstromaggregate in den betroffenen Meilern in höhere Stockwerke zu verlegen, um sie etwa vor Überflutungen zu schützen, so die Zeitung. Möglicherweise sei aber auch ein komplettes Neudesign des Druckentlastungssystems nötig.
In Deutschland kommen sogenannte Wallmann-Ventile zum Einsatz, die ihren Namen dem früheren Umweltminister gleichen Namens verdanken. Sie wurden nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl für die deutschen Reaktoren vorgeschrieben.