Corona-Forschung: Im Kugelhagel der Erkenntnisse - DER SPIEGEL
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DER SPIEGEL

Marco Evers

meinung •Covid-19 Im Kugelhagel der Erkenntnisse

Liebe Leserin, lieber Leser,

die schärfste Waffe des Menschen im Kampf gegen das Coronavirus heißt nicht Seife, Maske oder Abstand, sondern Erkenntnis. Je mehr Wissen die Forscher anhäufen, desto klarer wird sein, wo und wie der Erreger verwundbar ist.

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Problem ist nur: Die Wissenschaftler stehen jetzt im Kugelhagel der Erkenntnisse. Zehntausende wissenschaftliche Arbeiten zu Sars-CoV-2 sind seit Januar in begutachteten Fachzeitschriften erschienen, viele weitere - vorläufig unbegutachtet - auf sogenannten Preprint-Servern. Manches darunter ist Unfug, anderes unverzichtbar. Wöchentlich kamen Anfang Mai etwa 4000 neue Studien hinzu, und diese Zahl steigt immer noch rasant. Wohl nie zuvor ist so viel so schnell von so vielen Gelehrten zu nur einem Thema geschrieben worden – aber wofür? Wer soll das alles lesen?

Stapelweise Papier und Daten: Kann künstliche Intelligenz helfen?

Stapelweise Papier und Daten: Kann künstliche Intelligenz helfen?

Foto: Kriengkrai Kontasorn/ EyeEm/ Getty Images

Kein Experte ist noch in der Lage, sich eine Übersicht zu verschaffen über den Wissensstand. In den USA versuchen Forscher daher, mit Methoden der künstlichen Intelligenz Schneisen in das Dickicht zu schlagen. In den Trickkisten von Big Data und Data-Mining suchen sie nach Werkzeugen, um die Studienflut zu reduzieren auf das, was Forscher wirklich weiterbringt.

Vorn dabei ist das Allen Institute for AI (Artificial Intelligence - künstliche Intelligenz), gegründet von Microsoft-Pionier Paul Allen. Das Institut arbeitet an denkenden Werkzeugen für Wissenschaftler, die Veröffentlichungen in einem gewissen Maße tatsächlich verstehen können. Sie sollen in der Lage sein, Forschern spezifisch für ihr Arbeitsgebiet einen treffsicheren Strom an aktuellen Studien auszugeben.

DER SPIEGEL 25/2020

Abenteuer Fliegen

Das Ende des Reisens, wie wir es kennen

Solche digitalen Werkzeuge zur Kanalisierung der Veröffent­lichungen sind überfällig. Allein in der Biomedizin erscheinen pro Jahr rund eine Million wissenschaftliche Arbeiten. Ohne die Hilfe künstlicher Intelligenz droht vieles davon zu versickern. Die Vergeudung kostbaren Wissens sollte aber ebenso geächtet werden wie die von Lebensmitteln.

Mit den besten Grüßen

Marco Evers

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen in dieser Woche:

  • Verschiedene Genanalysen zeigen: Wie schwer ein Mensch an Covid-19 erkrankt, hängt offenbar mit seiner Blutgruppe zusammen. Meine Kollegin Heike Le Ker hat sich die Forschungsergebnisse näher angesehen.

  • Durch den Klimawandel setzt das Pflanzenwachstum immer früher im Jahr ein. Eine internationale Forschergruppe hat untersucht, welche Auswirkungen das auf sommerliche Dürren  hat.

  • US-Forscher wollen Hinweise darauf gefunden haben, dass das Coronavirus bereits Monate früher als bislang gedacht in Wuhan zirkulierte. Mein Kollege Christoph Seidler ist der Sache auf den Grund gegangen.

  • Warum erkranken einige Menschen so schwer an Covid-19, während andere überhaupt keine Symptome zeigen? Meine Kollegin Julia Köppe ist dieser Frage nachgegangen.

  • Einige Impfstoffe schützen nicht nur vor einer speziellen Krankheit, sondern stärken die Immunabwehr insgesamt. Lässt sich das für den Kampf gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 nutzen?

Quiz*

1. Welche ist die häufigste Blutgruppe bei Menschen in Deutschland?

2. Wie viel wiegt ein erwachsener Buckelwal?

3. Wann wurde der Nord-Ostsee-Kanal erbaut?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: MBARI

Scheinriese im Ozean. Das wurmartige weiße Gebilde ist ein nur zentimeterkleines Tierchen namens Bathochordaeus, das in den Meeren lebt. Auf zauberhafte Weise leistet das Wesen wertvolle Dienste: Es scheidet eine schleimige Ballonhülle ab, deren Durchmesser bis zu einen Meter betragen kann. Damit filtert es das Wasser, mehrere Liter pro Tag. Steckt diese Hülle voller Dreck, Mikroplastik etwa, so wirft es sie ab und errichtet eine neue.

Fußnote  

35 Grad Celsius herrschten im Mai in der Region um Nowosibirsk in Westsibirien. Normalerweise werden zu dieser Zeit höchstens 20 Grad erreicht. In Chatanga, einem Dorf jenseits des Polarkreises, stieg das Thermometer gar auf 25 Grad statt wie üblich auf 0 Grad. Im weltweiten Mittel erwies sich der Mai als der bisher wärmste überhaupt. Die Wahrscheinlichkeit, dass 2020 zu den Top Five der heißesten Jahre zählen wird, liegt nach Angaben der US-Wetterbehörde NOAA schon jetzt bei 99,9 Prozent.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten  
1. Die Blutgruppe A kommt bei den Menschen in Deutschland am häufigsten vor (43 Prozent), dicht gefolgt von der Blutgruppe 0 (41 Prozent). Blutgruppe B haben nur 11 Prozent der Menschen und Blutgruppe AB sogar nur fünf Prozent.
2. Erwachsene Buckelwale wiegen zwischen 25 und 30 Tonnen.
3. Die künstliche Wasserstraße zwischen Brunsbüttel an der Elbmündung und Kiel-Holtenau wurde von 1887 bis 1895 erbaut.