Fukushima-Katastrophe: Mit allen Mitteln gegen das Dauer-Desaster - DER SPIEGEL
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Fukushima: Verzweifelter Kampf gegen die Strahlung

Foto: AP/ Kyodo News

Fukushima-Katastrophe Mit allen Mitteln gegen das Dauer-Desaster

Lecks im Reaktor, verstrahltes Wasser, Kampf gegen die Kernschmelze - von Entwarnung beim Katastrophen-AKW Fukushima kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Die japanische Atombehörde rechnet damit, dass die Arbeiten noch Monate dauern. Ein Überblick über die größten Probleme.
Von Cinthia Briseño
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die dramatischen Szenen zweier Katastrophen könnten unterschiedlicher nicht sein: Vor gut einem Jahr zeigten die Nachrichtenkanäle fast täglich die sprudelnde Quelle tief auf dem Meeresgrund im Golf von Mexiko. Hunderttausende Liter Rohöl strömten tagtäglich aus dem Leck am Bohrloch der Plattform "Deepwater Horizon", die am 20. April 2010 in einem gewaltigen Feuerball explodierte und daraufhin unterging. Dann kamen die Bilder von dem gigantischen Ölteppich, von verklebten Vögeln im Ölschlamm und von den verzweifelten Versuchen, das Leck am Grund mit Hilfe von Robotern zu stopfen.

Die Bilder aus Japan, wo sich das Leben für große Teile der Bevölkerung nach dem Erdbeben am 11. März schlagartig änderte, sind andere. Erst zeigten sie heftig wackelnde Räume, einstürzende Dächer und brennende Gebäude. Dann folgten die gewaltigen Wassermassen, die im Norden Japans auf die Ufer zurasten und alles mit sich ins Landesinnere rissen, Autos, Schiffe, ganze Häuser. Und jetzt, wo die nukleare Katastrophe in Fukushima ihren Lauf nimmt, sieht man Bilder von Arbeitern in Schutzanzügen und mit Schutzmasken, die verzweifelt versuchen, die radioaktive Gefahr einzudämmen.

Trotzdem sprechen die Bilder beider Desaster in Japan und im Golf von Mexiko die gleiche Sprache: Der Mensch ist nicht Herr über die Gewalten der Natur, und er ist nicht Herr über die Gefahren jener Technologien, die ihm letztlich dazu dienen, ein Leben in Wohlstand zu führen.

Auch wenn der Tragödie in Japan Tausende Menschen bereits zum Opfer fielen, vermisst werden oder nun auf nicht absehbare Zeit in Notunterkünften leben müssen - was am Golf von Mexiko nicht der Fall war. Ähnlich sind sich beide Katastrophen vor allem darin, dass sie über Wochen hinweg die Öffentlichkeit in Atem gehalten haben.

Wie lange sprudelt noch das Öl ins Meer?, fragte man sich bei der Ölpest. In Japan fragt man sich nun: Wie viel Radioaktivität wird noch aus dem havarierten Kernkraftwerk in die Umwelt gelangen? Gebannt verfolgte man die Versuche, das Ölleck am Grund des Meers endlich zu stopfen. Jetzt bangt man mit den rund 400 Männern, die am AKW Fukushima I nicht nur gegen eine weitere Kernschmelze in den Reaktoren kämpfen, sondern auch immer wieder Lecks finden, aus denen radioaktiv verseuchtes Wasser nach draußen sickert.

Wie jetzt die Atomsicherheitsbehörde Nisa gemeldet hat, können sich die Arbeiten an dem schwerbeschädigten AKW noch mehrere Monate hinziehen. So lange werde es dauern, die Anlage unter Kontrolle zu bringen, erklärte Nisa-Sprecher Hidehiko Nishiyama am Sonntag. Monate, in denen es noch zu vielen Zwischenfällen kommen kann, weil die Gefahr an allen Ecken lauert. So sind am Sonntag zwei Arbeiter tot in der radioaktiv verseuchten Gegend rings um das AKW aufgefunden worden. Sie waren durch den Tsunami gestorben.

Ein Riss im Reaktorkeller, radioaktiv verseuchtes Grund- und Meerwasser, Kunstharz gegen radioaktiven Staub, ein Floß als Auffangbecken: Mit jeder neuen Meldung wird die Lage auf dem AKW-Gelände unübersichtlicher.

Welche Probleme drängen am meisten? Und wie versucht man, sie zu lösen? SPIEGEL ONLINE gibt eine Übersicht über die aktuelle Lage.

Die größten Probleme und die gefährlichsten Lecks

Sofern die Angaben nicht gesondert ausgewiesen werden, stammen die Informationen zum aktuellen Zustand der Reaktorblöcke vom Japanischen Atomindustrieforum (JAIF) und wurden von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln übersetzt.

Der Zustand der Brennelemente im Kern der Reaktoren 1, 2 und 3 ist weiterhin kritisch. Weil sie teilweise nicht mehr im Wasser stehen oder ganz freiliegen und nicht gekühlt werden, droht eine weitere Kernschmelze. Diese erzeugt so hohe Temperaturen, dass sich die geschmolzenen Brennelemente durch die Betonwände der Reaktordruckgefäße fressen können. Im Block 2 fürchtet man, dass der Sicherheitsbehälter, auch Containment genannt, beschädigt sein könnte oder ein Leck hat. Dieser umschließt den Reaktordruckbehälter und soll so eine weitere Barriere gegen das Austreten radioaktiver Stoffe sein. Zudem geht man davon aus, dass es im Reaktor 2 zeitweise bereits zu einer Kernschmelze gekommen ist.


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Am Samstag meldete der Kraftwerksbetreiber Tepco ein weiteres Leck am Reaktorblock 2. In einem Kabelschacht des Turbinengebäudes hatte man einen 20 Zentimeter langen Riss entdeckt. Daraus sickert hochradioaktives Wasser - offenbar direkt ins Meer. Werte von 1000 Millisievert pro Stunde wurden gemessen, eine Strahlendosis, die lebensbedrohlich sein kann, wenn man ihr ungeschützt ausgesetzt ist. Zum Vergleich: In Deutschland ist man innerhalb eines ganzen Jahres einer Strahlendosis von durchschnittlich 2,1 Millisievert ausgesetzt. Kabel und Abwasserleitungen verlaufen durch diesen Kontrollschacht. Nur 60 Meter sind es zum Meer. Laut Tepco hat man aber in allen vier Auslaufkanälen der Reaktorblöcke 1 bis 4 bereits radioaktive Elemente entdeckt.

In den Kellern der Reaktorblöcke 1, 2 und 3 steht Wasser in den Turbinenhallen. Auch dieses ist stark kontaminiert. Vergangenes Wochenende hatte es Verwirrung darüber gegeben, wie stark das Wasser strahlt. Erst hatte Tepco gemeldet, dass die Strahlung zehn Millionen Mal höher sei als normal. Später aber mussten die Tepco-Mitarbeiter die Angaben korrigieren. Aktuell soll der Wert in etwa beim 100.000fachen des Normalwerts liegen.

Vermutet wird, dass radioaktives Material mit dem Wasser in Berührung kommt, das tonnenweise zur Kühlung der Reaktorkerne und Abklingbecken in die Reaktoren gepumpt und gespritzt wurde. Da die Gebäudehüllen zum Teil schwer beschädigt sind, sickert und läuft das Wasser wahrscheinlich zusammen mit radioaktiven Partikeln in die unteren Ebenen der Reaktorblöcke, wo es teilweise bis zu 1,5 Meter hoch stand.

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung

Wie die Techniker versuchen, die Reaktoren zu stabilisieren

Ein deutsches Unternehmen hat bereits eine Spezialpumpe nach Fukushima geliefert. Diese mobile Betonpumpe ist weltweit die größte ihrer Art. Weitere Pumpen hat der baden-württembergische Hersteller Putzmeister bereits auf den Weg gebracht. Sie helfen, das Wasser mit einer enormen Wucht - und vor allem ganz präzise - auf die angepeilten Stellen zu verteilen.

Zwar ist die oberste Priorität weiterhin die Kühlung der beschädigten Brennelemente, doch sie liefert sogleich ein weiteres drängendes Problem: Wohin mit dem ganzen Wasser, das teilweise hochradioaktiv verseucht ist? Jetzt soll auch ein riesiges Stahlfloß helfen, das Wasser aufzunehmen. Das pontonähnliche Becken ist nach Angaben der japanischen Nachrichtenagentur Jiji 136 Meter lang, 46 Meter breit und drei Meter hoch. Das Floß bestehe aus einem Stahltank und könne insgesamt bis zu 18.000 Tonnen Wasser fassen, berichtet die Zeitung "Asahi" unter Berufung auf die Verwaltung der Präfektur Shizuoka.


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Barrieren aus Sandsäcken in allen Auslaufkanälen der Reaktoren 1 bis 4 sollen verhindern, dass radioaktiv verseuchtes Wasser weiter ins Meer gelangen kann. Derweil ist es bereits gelungen, einen Teil des kontaminierten Wassers aus den Turbinenhallen der Reaktoren 1, 2 und 3 in große Tanks auf dem Gelände zu pumpen.

Dafür aber sind die ersten Versuche, den Riss im Kabelschacht des Turbinengebäudes von Reaktorblock 2 mit wasserabweisendem Kunststoff abzudichten, bisher gescheitert. Wie japanische Medien berichteten, setzen Arbeiter jetzt chemische Polymer-Stoffe zum Abdichten des Lecks ein. Nun hat Tepco Experten aus Tokio zur Hilfe gerufen, meldete die Zeitung "Yomiuri Shimbun".

Zu Beginn des Unglücks hatte man die Reaktorblöcke noch größtenteils mit Meerwasser mit Hilfe von Feuerwehrpumpen gekühlt. Das aber führte zu einer Salzverkrustung in den Reaktorbehältern, was die Abfuhr der Wärme verhinderte. Inzwischen aber ist die Versorgung mit Frischwasser größtenteils hergestellt.

Unterdessen feilen Arbeiter auf dem Gelände rund um die Reaktoren an einer Methode, die Ausbreitung radioaktiver Partikel auf dem Boden zu verhindern: Dazu besprühen sie Teile des Geländes mit Kunstharz. Die ersten Tests dazu haben bereits begonnen. Die Substanz soll die radioaktiven Partikel binden und auf dem Boden der Anlage "festkleben".

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Bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit in Köln (GRS) ist man der Ansicht, dass diese Maßnahme durchaus einen positiven Effekt haben könnte: "Ein ähnliches System hat man auch schon in Tschernobyl angewendet", hatte GRS-Sprecher Horst May im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt. "Allerdings erst nach dem Bau des Sarkophags." Damals habe es sich um ein Polymer-Gemisch gehandelt, das dazu diente, radioaktiven Staub auf dem Boden zu halten.

Mit Material von dpa