Krisen-AKW: Schweres Nachbeben bremst Fukushima-Retter - DER SPIEGEL
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Krisen-AKW Schweres Nachbeben bremst Fukushima-Retter

Heftige Erdstöße bringen die Arbeiten am AKW Fukushima in Gefahr: Kurzzeitig fiel die Kühlung aus, einige Kontrollsysteme sollen beschädigt worden sein. Neue Hiobsbotschaften kommen aus dem Umland. Greenpeace hat 60 Kilometer von der Atom-Ruine entfernt deutlich erhöhte Radioaktivität gemessen.
Krisen-AKW: Schweres Nachbeben bremst Fukushima-Retter
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Krisen-AKW: Schweres Nachbeben bremst Fukushima-Retter

Foto: AFP/ TEPCO
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Odaka, Namie, Futaba, Tomioka: Das sind nur einige der Ortschaften, die im 20-Kilometer-Umkreis des Krisen-AKW Fukushima I liegen und nun an Geisterstädte erinnern. Die Straßen sind leer, Häuser verlassen, Hals über Kopf mussten vor einem Monat viele Menschen ihr Hab und Gut zurücklassen. Seither hofften sie, irgendwann in das Sperrgebiet zurückkehren zu können, um ihre Besitztümer zu holen. Insgesamt sind rund 77.000 Personen von der Evakuierung dieser Zone betroffen.

Am Montag wurden viele Hoffnungen zunichte gemacht, denn die Lage am havarierten AKW ist äußerst instabil. Erneut wurde der Nordosten Japans von einem heftigen Nachbeben der Stärke 7,1 erschüttert - kurzfristig lag die Kühlung der Reaktoren in Fukushima I brach, weil der Strom ausgefallen war.

Einige Überwachungssysteme funktionierten nicht mehr, zitiert die Nachrichtenagentur AFP den Betreiber Tepco. Die behelfsmäßige Kühlung der Reaktorblöcke 1, 2 und 3 sei vorübergehend ausgesetzt worden. Die Arbeiter seien in Sicherheit gebracht worden. Die Atomaufsichtsbehörde teilte mit, etwa 50 Minuten lang sei kein Wasser von außen in die Blöcke gepumpt worden.

Die Experten verlegten das Abpumpen radioaktiv verseuchten Wassers zunächst um einen Tag auf Dienstag. Auch das Einleiten von Stickstoff zur Verhinderung von Wasserstoffexplosionen wurde gestoppt. Um weiter an dem havarierten Atomkraftwerk arbeiten zu können, muss der Betreiber Tepco rund 60.000 Tonnen stark radioaktiv belastetes Wasser aus der Anlage pumpen.

Die Unterbrechung der Kühlung habe aber wahrscheinlich keine Folgen für die Sicherheit, erklärte Tepco. Nach eigenen Anhaben rechnet der Konzern nicht damit, dass radioaktiv kontaminierte Materialien sofort aus den Reaktoren entweichen. Die Sicherheitslage auf dem AKW bleibe unverändert, erklärte auch die japanische Atomaufsichtsbehörde (Nisa).

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Fukushima I: Das Unglücks-AKW

Foto: AFP/ TEPCO

Das radioaktive Wasser erschwere jedoch die Bemühungen, die Anlage zu stabilisieren. Nisa-Sprecher Hidehiko Nishiyama sagte, es sei extrem schwierig, einen Zeitplan aufzustellen. Es sei "noch keine Situation, die man optimistisch sehen kann". "Wir sind jetzt in dem Dilemma, dass wir Wasser sehen, das einerseits eingefüllt wird, um die Reaktoren zu kühlen, und andererseits an anderer Stelle in der Anlage als kontaminierte Wassermengen wieder auftauchen", sagte Nishiyama.

Die Gefahr auf dem Katastrophen-AKW ist präsent: Jederzeit könnte ein weiteres Erdbeben noch schlimmere Folgen nach sich ziehen. Erst vergangene Woche hatten Experten der US-Atomaufsicht auf die Risiken eines Nachbebens hingewiesen - vor allem auf einen Bruch der Sicherheits- und Reaktordruckbehälter.

Dass bereits Radioaktivität freigesetzt wurde, ist vielerorts messbar. Wie Greenpeace jetzt bekanntgab, hat die Umweltschutzorganisation rund um die Atomruine deutlich erhöhte Strahlenwerte gemessen. So hätten Greenpeace-Experten rund 60 Kilometer von dem havarierten Kraftwerk entfernt gesundheitsgefährdende Radioaktivität im Boden festgestellt.

Die Organisation forderte deshalb erneut eine Ausweitung der Evakuierungszone. Mit gewissem Erfolg: Inzwischen hat die japanische Regierung nicht nur dem Druck von Umweltschützern sondern auch durch die US-Atombehörden nachgegeben. Am Montag erweiterte sie die Sperrzone und wies die Bewohner von fünf weiteren Ortschaften an, ihre Häuser zu verlassen. Die Orte liegen jenseits der 20-Kilometer-Zone, teilweise sogar mehr als 30 Kilometer vom Krisenreaktor entfernt. Greenpeace unterdessen beharrt auf einer Ausweitung der Sperrzone auf 40 Kilometer.


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Ein Team der Umweltschützer, das seit dem 26. März unabhängige Strahlenmessungen an verschiedenen Orten anstellt, bestimmte nach eigenen Angaben auf einem Spielplatz in Fukushima City Werte von bis zu vier Mikrosievert pro Stunde. In der Stadt Koriyama seien es 2,8 Mikrosievert pro Stunde gewesen. Laut Greenpeace ist die Kontamination so hoch, dass die maximal tolerierbare Dosis für die Bevölkerung von 1000 Mikrosievert pro Jahr in wenigen Wochen aufgenommen würde.

Das große Problem: Es handelt sich dabei offenbar nicht um radioaktives Material, das relativ schnell zerfallen würde. Greenpeace zufolge hat eine Analyse der Bodenproben ergeben, dass 80 Prozent der Radioaktivität von Cäsium-Isotopen stammt. Cäsium 137 hat eine Halbwertzeit von rund 30 Jahren, Cäsium 134 von zwei Jahren.

"Die Menschen in Fukushima City und in Koriyama müssen Langzeitfolgen befürchten, Kinder sind besonders gefährdet", erklärte der Leiter des Klima- und Energiebereichs von Greenpeace, Thomas Breuer. "Die japanische Regierung muss endlich handeln. Es fehlen klare Informationen und ausreichende Maßnahmen, um die Bevölkerung zu schützen. Die Regierung kann nicht so tun, als gehe das Leben einfach weiter", fügte Breuer hinzu.

Japan sieht dagegen keinen dringenden Handlungsbedarf. Wie Regierungssprecher Yukio Edano am Montag betonte, handele es sich nicht um einen Notfall, die erweiterten Ortschaften, darunter die Stadt Iitate, müssten nicht sofort evakuiert werden. Wie die Regierung ankündigte, haben die Bewohner einen Monat Zeit, ihre Häuser zu verlassen. Edano riet jedoch Kindern, Schwangeren und Kranken, mindestens 30 Kilometer Abstand zum AKW zu halten.

Gefürchtete Langzeitfolgen

Wie schwer die Langzeitfolgen für die Einwohner dieser Städte tatsächlich sein könnten, ist nur schwer abzuschätzen. Die Strahlenbelastung ist von Ort zu Ort unterschiedlich. Vier Mikrosievert pro Stunde gelten als erhöht: Wer sich einen Tag lang dieser Belastung aussetzt, erhält eine Strahlendosis (96 Mikrosievert) die ungefähr genauso hoch für jemanden ist, der von Frankfurt nach New York und wieder zurück fliegt (110 Mikrosievert). Über ein gesamtes Jahr gerechnet betrüge die Belastung etwa 35.000 Mikrosievert. Zum Vergleich: Eine Computertomographie des Brustkorbs schlägt mit 8000 Mikrosievert zu Buche.

Doch nicht nur die Belastung der Atmosphäre ist ein Problem: Die Greenpeace-Teams entdeckten auch in Gemüseproben aus Gärten sowie in Supermärkten in Fukushima City, Koriyama und Minamisoma radioaktive Belastungen, die die behördlichen Grenzwerte überschritten. Mit radioaktiv belasteten Lebensmitteln kämpft man auch hierzulande noch: Teilweise müssen Pilze oder Wildschweinfleisch in Deutschland 25 Jahre nach dem Tschernobyl-GAU aus dem Handel gezogen werden, weil die Cäsium-Belastung über den Grenzwerten liegt.

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung

Nach einigem Hin und Her hatte sich die EU auf schärfere Strahlengrenzwerte für japanische Lebensmittel geeinigt. Am Freitag stimmte das zuständige Gremium in Brüssel einem entsprechenden Antrag der EU-Kommission zu. Damit hat die EU die zuletzt als zu lasch kritisierten europäischen Grenzwerte den strengeren japanischen angepasst.

Im japanischen Krisengebiet fanden Helfer bei einer großangelegten Suchaktion 103 Tote, wie die Nachrichtenagentur Kyodo am Montag berichtete: 22.000 Soldaten der japanischen Streitkräfte und des US-Militärs hatten am Sonntag den Nordosten der Hauptinsel Honshu durchkämmt. 90 Flugzeuge waren über der Region gekreist, die von dem Mega-Beben und dem Tsunami am 11. März verwüstet worden war. Von 50 Schiffen aus war entlang der Küste nach Vermissten Ausschau gehalten worden, Taucher hatten das Meer abgesucht. Die Behörden gehen davon aus, dass bei der Katastrophe fast 28.000 Menschen starben. Bisher wurden etwa 13.000 Tote geborgen.

cib/dpa/Reuters/AFP