Minenunglück in Chile: "Das war eine absehbare Katastrophe" - DER SPIEGEL
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Chile: Der Tag nach der Rettung

Foto: Roberto Candia/ dpa

Minenunglück in Chile "Das war eine absehbare Katastrophe"

Lockeres Gestein, schlechtes Management, Missachtung von Vorschriften: Das Grubenunglück in Chile war eine Katastrophe mit Ansage, sagt Experte Wolfgang Griem im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Es drohten weitere Unfälle, weil viele Minen in dem Land brüchig seien.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Griem, was machte die Arbeit in Unglücksmine San José so gefährlich?

Griem: Die Mine hatte mehrere Probleme. Zum einen war sie schon wegen ihrer Gesteinsstruktur einsturzgefährdet. Es ist eine Mine, wo, wenn so will, das Gestein locker sitzt, sie fing schnell an zu bröseln. Dann hatte sie sogenannte Ganglagerstätten. Das heißt, sie hat Edelmetallvorkommen auch in dem Teil, der eigentlich zum Abstützen der Mine bestimmt war. Hinzu kommt dann noch das schlechte Management seitens der Eigentümer. Sie haben sogar das Gestein noch aus den Trennwänden rausgeholt, und die Mine ist nicht dort abgestützt, wo es notwendig gewesen wäre.

SPIEGEL ONLINE: Also musste so ein Unglück einmal passieren?

Griem: Ja, was dort geschah, war im Grunde eine absehbare Katastrophe. In dieser Art Mine konnte ein solches Unglück jederzeit passieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Minen gibt es denn, die so wie die von San José sind?

Griem: Es ist die Minderheit, vielleicht zehn Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Und die anderen?

SPIEGEL ONLINE: Man muss in Chile drei Arten von Bergbau unterscheiden: den kleinen, den mittleren und den großen. Die Großbetriebe, also Minen wie Chuquicamata oder El Teniente, sind so sicher wie eine Bank. Sie setzen neueste Technologie ein und halten alle hohen Sicherheitsauflagen ein. Die kleinen Minen, von denen es unendlich viele gibt und in denen manchmal nur vier bis sechs Leute Gestein klopfen, halten so gut wie keine Standards ein. Mittlere Betriebe, so wie der von San José, haben oftmals Technologie aus den siebziger und achtziger Jahren, manchmal auch noch älter.

SPIEGEL ONLINE: Gewerkschafter sagen, im chilenischen Bergbau stehe der Arbeitsschutz hinter der Profitmaximierung zurück.

Griem: Na ja, die Sicherheitsvorschriften sind alle da. Nur werden sie oft nicht eingehalten. Chile ist ein neoliberales Land, in dem es kaum staatliche Auffangmaßnahmen gibt im Falle der Arbeitslosigkeit. Daher arbeiten die Menschen auch trotz schlimmer Bedingungen weiter. Zudem ist es hier Tradition, auch unter schlechten Bedingungen zu arbeiten. Es gibt unendlich viele kleine Minen, wo die Männer abbauen, weil das schon ihre Großväter und Väter gemacht haben.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt doch eine Aufsichtsbehörde, für die Präsident Piñera gerade erst das Budget verdreifacht hat.

Griem: Sernageomin hat bisher nur 18 Angestellte, und die sitzen alle in Santiago. Außerdem möchte von denen niemand riskieren, an den Pranger gestellt zu werden, weil er eine Mine schließt und damit 200 Menschen in die Arbeitslosigkeit schickt. Hier in Copiapó und Umgebung leben 60 bis 70 Prozent vom Bergbau.

SPIEGEL ONLINE: Ist nach dem Unglück und der spektakulären Rettung der Bergleute eine Besserung der Lage in Sicht?

Griem: Zumindest wird die Arbeit der Kontrolleure jetzt einfacher. Denn die Augen der Welt sind jetzt alle auf Chile und seinen Bergbau gerichtet. Jetzt ist es keine Frage mehr, dass man Minen mit Sicherheitsmängeln dicht machen kann.

Das Interview führte Klaus Ehringfeld