Zweiter Weltkrieg: Was mit deutschen U-Booten geschah
U-Boot-Krieg Wunderwaffe im Ärmelkanal
Im Ärmelkanal liegt nicht alles dort, wo es liegen sollte. Manchmal finden Fischer in ihren Schleppnetzen Unerwartetes. U-Boot-Teile etwa - an Stellen, an denen laut den Abschusslisten der Alliierten aus dem Zweiten Weltkrieg gar keine Wracks liegen dürften. An Stellen wiederum, wo ein Verlust gemeldet wurde, liegt nichts. Wissenschaftler und Schatzsucher suchen seit Jahrzehnten nach den Wracks vieler deutscher U-Boote.
U-Boot-Abschüsse waren damals, vor rund 70 Jahren, wesentlich schwieriger festzustellen als Abschüsse von Schiffen. Zeugte ein aufsteigender Ölfleck von einem Treffer? Oder war nur bei heftigen Ausweichmanövern etwas Öl ausgetreten, das U-Boot aber unversehrt entkommen? Deuteten aufsteigende Luftblasen auf Atemluft aus dem Bootsinneren hin? Oder hatte das U-Boot nur Luft abgelassen, um in eine sichere Tiefe abzusinken?
Da die Alliierten sich nicht auf Ölflecke und Luftblasen verlassen wollten, bezogen sie ihre Informationen über versenkte U-Boote zumeist aus einer anderen Quelle: den Abhörprotokollen des deutschen Funkverkehrs. Das aber war eine relativ aufwendige Angelegenheit. Gerade im letzten Kriegsjahr, zwischen Juni 1944 und Mai 1945, operierten zahlreiche deutsche U-Boote im Ärmelkanal. Die Briten hatten alle Hände voll damit zu tun, den deutschen Funkverkehr abzuhören, zu dekodieren, zu übersetzen und die Informationen zu nutzen. Dabei konnte leicht das eine oder andere U-Boot übersehen werden.
Erst nach und nach können Forscher heute die Schicksale vieler U-Boote rekonstruieren - mit immer wieder überraschenden Erkenntnissen. So galt als sicher, dass in der Endphase des Krieges die britischen Ortungssysteme der Hauptgrund für die enormen Verluste der deutschen U-Boot-Flotte waren. Jetzt aber stellt sich heraus: Auch Minenfelder waren eine extrem wirkungsvolle Waffe.
"Bis heute mussten über 150 Verlustmeldungen korrigiert werden"
Nach Kriegsende hatten die Kriegsparteien andere Sorgen, als zu rekonstruieren, wo jedes einzelne U-Boot abgeblieben war. "Im September 1945 schätzte man, dass die Übersetzung und Analyse aller U-Boot-Logbücher und der Abgleich mit der entsprechenden Dokumentation der Alliierten einen einigermaßen großen Arbeitsstab etwa ein Jahr lang beschäftigen würde", erklärt der U-Boot-Historiker Axel Niestlé. Aber der Krieg war vorbei und "alle Orden waren bereits verteilt". Also ersparte man sich die Mühe. "Die Fehlerquote in der offiziellen Verlustliste, die der US Chief of Naval Operations schließlich 1946 veröffentlichte, war enorm", sagt der Historiker, ein Spezialist für U-Boot-Wracks im Ärmelkanal. "Bis heute mussten über 150 Verlustmeldungen korrigiert werden."
Niestlés letzter Coup war die Neuzuordnung von gleich fünf U-Boot-Wracks im Kanal und vor der Küste Cornwalls. Ermöglicht hat ihm das die kommerzielle US-Firma Odyssey Marine Exploration. Die geriet in die Schlagzeilen, als sie 2007 vor der Küste Cornwalls das Wrack der spanischen "Merchant Royal" mit Gold- und Silbermünzen im Wert von 500 Millionen US Dollar an Bord fand. Der Rechtsstreit mit der spanischen Regierung um das Eigentum der Münzen währt bis heute. Doch diesmal ging es nicht um Schätze. Diesmal schickten die Wissenschaftler an Bord des Forschungsschiffs "Odyssey Explorer" ihr ferngesteuertes U-Boot "Zeus" auf die Suche nach Metallhaufen mit Tarnanstrich.
Erstes Ziel war das Wrack eines deutschen U-Boots vom Typ VIIC, das Taucher 2007 vor der Küste Cornwalls entdeckt hatten. Doch weder hatten die Deutschen einen Verlust in der Region gemeldet noch gab es britische Dokumente über eine Versenkung. Die Bilder aber, die "Zeus" vom Wrack aufnahm, waren äußerst aufschlussreich: Sie zeigten einen Klappschnorchel vom Typ 2 mit einem Ringschwimmer-Schnorchelkopfventil sowie eine Anti-Radar-Beschichtung des Typs Jaumann um den Auspuff herum. "Auch wenn am Wrack selbst keine Identifizierungsmarken zu finden waren, konnte es sich bei einem U-Boot vom Typ VIIC mit dieser Ausstattung nur um U-325 handeln", sagt Niestlé.
U-325 kam nie an
Noch am 10. April hatte U-325 den Befehl bekommen, um die südwestliche Landzunge Englands herum den Konvoiverkehr zu stören. Als die Kriegshandlungen am 8. Mai eingestellt wurden, erwarteten sowohl Deutsche als auch Alliierte, das U-Boot würde an einem der Sammelpunkte auftauchen. Doch U-325 kam nie an. Ein Blick in die britischen Akten ergab einen plausiblen Grund: Genau im Operationsgebiet des U-Boots hatte am Vormittag des 30. April 1945 der Minenleger "HMS Plover" in einer Tiefe von rund 18 Metern den ersten Teil des Minenfelds mit dem Codenamen "Artizan B3" verlegt. Dazu passen auch die Zerstörungsspuren am Wrack: Im Druckkörper klafft ein riesiges, halbkreisförmiges Loch - ein Schaden, wie ihn nur eine Mine anrichten kann.
Auch das zweite U-Boot-Wrack, das die "Odyssey Explorer" ansteuerte, war vom Typ VIIC. Hier war die Identifizierung noch einfacher: "Die Bodenplatte für das früher vorhandene 8,8-cm-Deckgeschütz vor dem Turm war vorhanden, und mehrere Schlauchbootbehälter lagen unter dem Vorschiff", erklärt Niestlé. Damit konnte das U-Boot nur das deutsche U-650 sein. "Kein anderes U-Boot, das im Ärmelkanal verloren ging, hatte diese Ausstattung." Und auch hier lieferte "Zeus" Hinweise auf die Ursache des Untergangs: "Durch den Druckkörper lief ein Riss, wie ihn typischerweise ein 'Hedgehog' Wurfgeschoss mit 35 Pfund Explosivladung und Aufschlagzünder verursacht."
Puzzlestein für Puzzlestein setzte der Historiker zusammen. Am Ende seiner Recherche konnte er außer U-325 und U-650 auch noch U-1208, U-1021 und U-400 zweifelsfrei identifizieren. Und er hielt fest: U-325, U-1021 und U-400 lagen in Minenfeldern. Damit bestätigt sich, was Historiker wie Niestlé schon lange vermuten: "Die britische Marine und Air Force waren nicht so erfolgreich im Aufspüren und Versenken deutscher U-Boote, wie sie es während des Krieges und auch noch danach gerne dargestellt haben." Das Erfolgsrezept seien stattdessen die Minenfelder gewesen.
Wie viele deutsche U-Boote auf Minen liefen
Die Minen wurden erst spät eingesetzt - aber ihre Wirkung war gewaltig: Erst Ende November 1944 begannen die Briten langsam mit der Verminung der Küstengewässer, erst 1945 intensivierten sie ihre Bemühungen. Als der Krieg endete, waren noch lange nicht alle Minen verlegt, die sich zudem nur in Küstennähe und nicht in tieferen Gewässern einsetzen ließen. Dennoch war die Wirkung der schwimmenden Sprengsätze enorm: Insgesamt liefen etwa 20 deutsche U-Boote auf die neu verlegten Felder - fast zwei pro Woche.
Für die Todesumstände der 241 an Bord gefallenen deutschen Marinesoldaten interessiert sich indes kaum jemand. Wahrscheinlich werden nicht einmal die Hinterbliebenen jener Soldaten, deren Todesorte nun lokalisiert sind, über die Funde der Boote informiert. Im August vergangenen Jahres berichtete zwar Odyssey Marine Exploration vorschriftsmäßig der deutschen Botschaft in Washington von ihren Ergebnissen. Die leitete den Fall weiter an die deutsche Botschaft in London.
Dort aber verliert sich die Spur. Bei der Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht (WASt) kam die Information nicht an, wie es auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE heißt. Die Dienststelle hätte aber auch nichts unternommen, wenn sie informiert gewesen wäre - zu oft schon hätten sich britische und amerikanische Historiker gemeldet, deren "Angaben nicht ohne weiteres als zutreffend gelten konnten, oftmals lediglich weitere spekulative Varianten über Bootsverluste darstellten und von uns wegen der uns nicht zur Verfügung stehenden historischen Dokumente nicht zu verifizieren waren", heißt es.
"Das Hin- und Herschieben von Verantwortung macht mich traurig"
Fehlanzeige auch beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK). Die toten Soldaten liegen in sogenannten Seekriegsgräbern, die nicht gepflegt werden können. Sollten die Wracks jedoch geborgen werden, sei man gerne bereit, sich ihrer anzunehmen, heißt es von Seiten der VDK. Auch das Militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr weiß auf Anfrage von Nichts, verweist aber auf den VDK. Der Suchdienst der Deutschen Roten Kreuzes schließlich zeigt sich interessiert an den Ergebnissen - weist aber darauf hin, dass dies eigentlich die Zuständigkeit von WASt und VDK sei.
"Dieses Hin- und Herschieben von Verantwortung macht mich traurig", sagt Niestlé. "Die Familien der Soldaten, von denen viele seit Kriegsende als vermisst galten, haben die Toten nicht vergessen. Seemannsgräber schmücken zwar keine Rosen - aber nun hätten die Verwandten wenigstens einen konkreten Punkt in den Tiefen der See, auf den sie ihre Erinnerungen richten könnten."