Rüstung Teure Oldtimer
Forschen, bauen, zünden und wieder forschen - mit diesem Rhythmus lebten die Atombombenbauer in den USA fast 50 Jahre lang. Dutzende Prototypen haben sie entwickelt, 60 000 Bomben hergestellt, 50 000 verschrottet, 1029mal ließen sie bei über- oder unterirdischen Testexplosionen die Erde beben.
Von dieser Gewohnheit mußten sich die Bombenbauer verabschieden. Nach dem Ende des Kalten Krieges dürfen sie unter der Clinton-Regierung keine neuen nuklearen Sprengköpfe mehr entwickeln und keine alten mehr testen.
Seither ist Forschern und Ingenieuren die Aufgabe gestellt, das schrumpfende Atom-Arsenal in Schuß zu halten: Alte, nach früheren Maßstäben schrottreife Bomben müssen auch weiterhin so gründlich gewartet werden, daß die Atomladungen ihre tödliche Sprengkraft jederzeit voll entfalten können, zuverlässig wie am ersten Tag.
Während Frankreichs Präsident Jacques Chirac mit seiner geplanten Atomtest-Serie im Südpazifik die halbe Welt gegen sich aufbringt, haben sich die Amerikaner ein wissenschaftliches Wartungs- und Forschungsprogramm zugelegt, das »Stockpile Stewardship and Management Program« (SSMP). Der zahm klingende Titel steht in Wahrheit für eine Fortsetzung des Wettrüstens mit anderen Mitteln.
Allein im kommenden Jahr will das federführende Energieministerium für den Erhalt des Abschreckungspotentials und der technischen Überlegenheit der USA rund vier Milliarden Dollar ausgeben. In den nächsten zehn Jahren wird das Programm voraussichtlich 40 Milliarden Dollar kosten. Mit dem Geld werden neue Laborparks hochgezogen und Computer von bislang unerreichter Leistungsfähigkeit entwickelt.
Wenn der Start-2-Vertrag über atomare Abrüstung in Kraft tritt, dürfen die USA im Jahre 2003 nur noch 3000 bis 3500 Sprengköpfe in ihren Arsenalen haben, 5000 weniger als bisher. All diese Wasserstoffbomben aus sieben Baureihen werden dann mindestens 20 Jahre alt sein - wahre Oldtimer, denn bisher blieben nukleare Sprengsätze nur fünf bis acht Jahre lang im aktiven Dienst.
Ein Datum zum Abwracken der Veteranen gibt es nicht. Nach dem jetzigen Stand soll das verminderte Overkill-Potential für alle Ewigkeit halten. Die technischen Probleme, die dabei auftreten, stellen die Atombomben-Manager vor völlig neue Probleme: *___Im Plutoniumkern, dem Herzstück des atomaren ____Sprengkörpers, bauen sich durch radioaktiven Zerfall ____mit der Zeit Verunreinigungen durch Helium auf. ____"Plutonium«, sagt Bombenentwickler James Mercer-Smith ____im Forschungszentrum Los Alamos, »gibt es erst seit ____rund 50 Jahren auf Erden. Wir wissen nicht, wie es ____reagiert, wenn es altert.« *___Alle Bomben, die für das Arsenal von 2003 ____vorgesehen sind, benötigen Tritium, ein radioaktives ____Isotop des Wasserstoffs. Dieses Gas hat eine ____Halbwertzeit von nur 12,3 Jahren. Ständiger Nachschub ____ist notwendig, doch seit 1988, als mehrere Atomfabriken _(* In Tucson, Arizona. )
geschlossen wurden, besitzen die USA keine Tritium-Produktionsstätte mehr. *___Die radioaktive Strahlung aus der Sprengladung ____setzt den übrigen Materialien zu. *___Der konventionelle hochexplosive Sprengstoff im ____Zündmechanismus (siehe Grafik) zerfällt nach einigen ____Jahren. *___Metallteile unterliegen der Korrosion, an der Bombe ____entstehen Haarrisse und winzige Löcher.
Mercer-Smith, einer von nur noch 40 aktiven Waffendesignern in den USA, vergleicht die von Altersschwäche bedrohten Nuklearladungen, die er startklar halten soll, mit einem Flugzeug, das 20 Jahre lang im Hangar parkt. »Ich darf die Maschine anschauen, ich darf ein paar Instrumente überprüfen, aber niemals das Triebwerk anlassen. Aber dann, eines Tages«, sorgt er sich, »soll ich auftanken und losfliegen.«
Die Leistungsfähigkeit einer greisen Kernwaffe zu bestimmen »ist viel schwieriger, als eine brandneue zu bauen«, sagt Mercer-Smith. Welche Prozesse sich in einem betagten Sprengkopf abspielen, sei keinem Forscher genau bekannt. »Bisher«, so der Bombenbauer, »mußten wir so etwas nicht wissen«, das Arsenal wurde immer wieder erneuert.
Computersimulationen sollen die Wissenslücken nun schließen helfen. Für Victor Reis vom Energieministerium sind sie »unser wesentliches und manchmal einziges Mittel, wie wir Alterungsprozesse in Materialien und in der Bombe insgesamt vorhersagen können«. Doch die dazu benötigten Rechner existieren noch nicht: Sie müssen Geschwindigkeit und Speicherkapazität von heutigen Großrechnern um mehr als das 1000fache übertreffen.
Bei den geplanten regelmäßigen Wartungs-Checks an den Bomben wird noch ein weiteres Problem auftreten. Im nuklear-industriellen Komplex verschwinden wegen der miserablen Auftragslage viele Waffenfabriken, Zulieferer und staatliche Laboratorien. Die Ingenieure von Los Alamos teilen damit die Nöte von Oldtimer-Sammlern: Ersatzteile sind nicht mehr zu haben, neue Teile passen nicht. Alles Erneuerungsbedürftige muß neu gebaut werden.
Selbst den vereinzelten Nachbau kompletter Bomben als Ersatz für abgewrackte schließen die Forscher nicht aus. Auch in diesen Remakes kämen neue Materialien zum Einsatz. Um festzustellen, ob sie tauglich sind, stünden wiederum nur Simulationen und nichtnukleare Experimente zur Verfügung.
Darüber hinaus fordern die Forscher einen gewaltigen Technologiepark, um weitere Waffenforschung zu betreiben. Neue, leistungsfähigere Bomben sollen zwar nicht gebaut, aber fix und fertig konstruiert und als Blaupausen im Computer abgespeichert werden.
Derzeit sind mindestens zehn neue Forschungsstätten für die US-Nukleargemeinde in Planung oder bereits in Bau. Eine der Anlagen besteht aus 192 Lasern, mit deren gebündelter Energie die Wissenschaftler den Zustand erzeugen können, der bei einer Kernfusion eintritt: 100 Milliarden Atmosphären Druck und 100 Millionen Grad Celsius.
Nach Informationen des Insiderblatts Bulletin of the Atomic Scientists drängen Forscher im Verein mit Pentagon-Strategen auch auf sogenannte hydronukleare Tests. Das sind Atombombenversuche in Miniatur, bei denen geringste Mengen des Bombenstoffs eingesetzt werden. Damit hatten sich die Waffenkonstrukteure schon während des Teststopps von 1958 bis 1961 beholfen.
Bis Ende 1996 hat das Energieministerium solche Tests untersagt. Für die Zeit danach ist die Entscheidung noch nicht gefallen. JASONs, eine Gruppe amerikanischer Verteidigungsberater, warnt: Der Wert der Experimente stehe im Zeitalter des - für 1996 vorgesehenen - allgemeinen Testverbots in keinem Verhältnis zu ihren Kosten und der negativen Signalwirkung auf andere Atommächte.
Sind solche Experimente und Anlagen für die Waffenforschung unverzichtbar oder, mindestens teilweise, milliardenteurer Schnickschnack? Kritiker wenden ein, daß es sich auch um Ersatzbefriedigungen für Bombenbauer handle, die keine Bomben mehr bauen dürfen. Die Experimente in den Atombombenlabors, gibt Victor Reis vom Energieministerium zu, »müssen eine technische Herausforderung darstellen, damit sie hochqualifizierte wissenschaftliche Talente anziehen, wie wir sie für das Wartungsprogramm brauchen«. _(* Wissenschaftler in Los Alamos üben ) _(an einer Attrappe. )
Der Wissenschaftlerschwund ist in der Tat beträchtlich. 1800 Experten arbeiteten noch 1987 in den Labors von Los Alamos, nur 750 blieben davon übrig, auf 600 könnte ihre Zahl im nächsten Jahr schrumpfen. Die meisten Experten, die noch bei der letzten Testexplosion am 26. September 1992 in der Wüste von Nevada dabei waren, »gehen in den nächsten zehn Jahren in Rente«, heißt es in Los Alamos besorgt.
Die ruhestandsnahen Fachleute für Zerstörung werden nun ausgiebig interviewt, ihr Wissen wird abgespeichert, abrufbar für spätere Generationen. Denn nach wie vor sollen die Leute von Los Alamos in der Lage bleiben, Atombomben testweise zu zünden. Innerhalb von zwei bis drei Jahren nach Erteilung des Auftrags aus Washington, so die Maßgabe, müßte der Boden von Nevada wiederum beben können.
Kritiker halten das gesamte Stockpile Stewardship Program für überdimensioniert. Sie fragen: Müssen alte Atombomben wirklich so gut sein wie neue? Ein früherer Pentagon-Beamter, der sich 30 Jahre lang mit Nuklearwaffen beschäftigt hat, sagt: »Die Frage stellt sich nicht, ob eine alte Bombe hochgeht. Hoch geht sie ganz sicher.«
Die einzige Unbekannte sei die Sprengkraft, die sie noch entfaltet. »Entwickelt sie 350 Kilotonnen, 240 oder nur 220?«
Das wäre, im ungünstigsten Fall, auch noch 16mal Hiroschima. Y
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Zündmechanismus einer Plutoniumbombe (schematische Darstellung)
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* In Tucson, Arizona.* Wissenschaftler in Los Alamos üben an einer Attrappe.