TIERE Tod am Haken
Am schlimmsten ist für Ben Sullivan die Ohnmacht. Alles hat er getan für die Schwarzbrauen-Albatrosse. Bei den Fischern der Falkland-Inseln hat er die neuen Methoden zum Seevogelschutz durchgesetzt. Die größte Kolonie der Vögel auf Steeple Jason Island sperrte er für die Touristen. Selbst ein Feuer, dort fahrlässig von britischen Truppen entfacht, hat nur wenige der Nester zerstört.
Dem Tod am stählernen Haken entkommen die Vögel dennoch nicht.
»Direkt nachdem sie flügge geworden sind, fliegen die jungen Albatrosse nach Norden«, berichtet Sullivan, Biologe der Naturschutzorganisation Falklands Conservation. Dort jedoch kreuzen die Hochseefischer der Brasilianer. An ihren Angelhaken verenden die Tiere zu Tausenden.
»Heute brüten bei uns 100 000 Schwarzbrauen-Albatrosse weniger als noch vor zehn Jahren«, sagt Sullivan - und beschreibt damit nur den internationalen Trend. Rund 300 000 Seevögel, darunter 100 000 Albatrosse, ertrinken jährlich jämmerlich im Heckwasser der internationalen Fischereiflotte - ein Blutzoll, der inzwischen 19 der insgesamt 21 Albatros-Arten auf die Rote Liste der bedrohten Arten befördert hat. Zusammen mit wenigen anderen Spezialisten halten sie die Lufthoheit über der Hochsee.
Seit Jahren erhitzt der grausame Albatros-Tod die Gemüter von Vogelschützern. Jetzt gibt es neue Hoffnung für die zähen Vielflieger. Mit einem gerade in Kraft getretenen Abkommen zum Schutz der Albatrosse und anderer Sturmvögel, kurz ACAP, haben sich fünf Fischfangnationen erstmals speziell dem Schutz dieser Hochseevögel verpflichtet.
»Ein sehr wichtiger Schritt, um das sinnlose Abschlachten dieser majestätischen Tiere endlich einzudämmen«, kommentiert Euan Dunn, Seevogelexperte der britischen Royal Society for the Protection of Birds. »Um den Albatrossen wirklich zu helfen, brauchen wir einklagbare Schutzvorschriften - genau das schafft ACAP.«
Das Abkommen, derzeit ratifiziert von Australien, Neuseeland, Ecuador, Spanien und Südafrika, kommt vielleicht gerade noch rechtzeitig, um das Aussterben einiger Albatros-Arten zu verhindern. Mit Flügelspannweiten von bis zu 3,20 Metern verbringen die mächtigen Vögel einen Großteil ihres Lebens im Segelflug. Über Stunden streichen sie ohne Flügelschlag über die Ozeane, allein getragen von der steten Brise der großen irdischen Windgürtel.
Doch wie lange noch? Arten wie Gelbnasen- oder eben Schwarzbrauen-Albatros stuft die Artenschutzunion IUCN inzwischen als stark gefährdet ein. Vom Amsterdam-Albatros, der auf einer einzigen Insel im Indischen Ozean brütet, gibt es nur noch 130 Exemplare.
Schuld am Niedergang sind vor allem Tausende »Longliner«, Fischereiboote, die mit bis zu 130 Kilometer langen Fangleinen selbst in entlegensten Meeresgebieten Jagd auf Südlichen Blauflossentun oder Schwarzen Seehecht machen. Bei Japans Sushi-Köchen oder in den USA erzielen diese Fische als Delikatessen Spitzenpreise von mehreren tausend Dollar pro Stück.
Rund eine Milliarde Angelhaken entlassen die Fischer jährlich in die See, um die wertvolle Beute zu ködern. Nicht nur überfischen sie damit die Bestände der Luxus-Flossenträger. Die Boote locken zudem auch Albatrosse und andere Vögel an, die die Fischköder als gefundenes Fressen verkennen. Arglos stürzen sich die Tiere auf die Leckerbissen, bleiben dabei an den Angelhaken hängen und werden in die Tiefe gerissen. »Zwei Minuten entscheiden über Leben und Tod«, sagt die Biologin Helen Otley, die für das Falkland Islands Fisheries Department Longliner beobachtet. So lange dauere es, bis die Köder nach dem Ausbringen so tief gesunken sind, dass die Vögel sie nicht mehr erreichen können.
»Dabei ist es eigentlich ziemlich einfach, den Beifang von Seevögeln zu verhindern«, empört sich Otley. So genannte Tori-Leinen, mit flatternden Bändern bestückte Taue, die am Heck der Schiffe hinabhängen, scheuchen die Vögel aus der Gefahrenzone. Bleigewichte an den Fangleinen können zusätzlich dafür sorgen, dass die Haken schneller in die Tiefe gezogen werden.
Das Problem jedoch: Nur eine Minderheit der Fischer nutzt die einfachen und billigen Vogelschutzmethoden. »Gerade illegale Fischer kümmern sich einen Dreck um Seevögel«, sagt Dunn. Ein Drittel der toten Albatrosse gehe auf das Konto der Schwarz-Fischer.
Die meisten Vögel jedoch kommen durch legale Fischerei ums Leben. Hier soll nun ACAP helfen. »Wir hoffen, dass sich mit China, Peru, den USA, Chile und Japan auch die wichtigsten Fischereinationen der Erde bald dem Abkommen anschließen«, sagt Dunn. Auch in Argentinien und Brasilien hofft der Biologe auf Einsicht.
Dann hätten wohl auch die jungen Schwarzbrauen-Albatrosse der Falkland-Inseln auf ihrer Wanderung vor die südamerikanische Küste wieder bessere Überlebenschancen. »Diese Vögel respektieren keine Landesgrenzen«, sagt der Biologe Sullivan. »Albatrosse fliegen um die halbe Welt - nur ein wahrhaft internationales Abkommen wird sie wirksam schützen können.« PHILIP BETHGE