MEDIZIN Tödlicher Irrtum
Beim Routineblick durchs Mikroskop staunte Uwe-Peter Ketelsen nicht schlecht. Statt der von ihm sorgsam gehegten Zellen aus der inneren Brustdrüse unschuldiger kleiner Mäuse erblickte der junge Abwehrforscher plötzlich »ganz gewöhnliche Muskelzellen«.
Mittlerweile hat sich im Freiburger Max-Planck-Institut für Immunbiologie der erste Schreck gelegt. Es zeigte sich, daß die unerwartete Erscheinung einen lang gesuchten logischen Baustein hergab: Bei dem schwierigen und langwierigen Versuch, Ursachen und Verlauf von bislang mysteriösen Erkrankungen des körpereigenen Abwehrsystems aufzuklären, gelang es den Freiburgern erstmals, ein solches Leiden -- die gefürchtete fortschreitende Muskelschwäche ("Myasthenia gravis") -- lückenlos zu imitieren.
Mit dieser Pioniertat, so hoffen die badischen Gelehrten, könne eine gegen die Ursachen wirkende Therapie nicht nur für dieses Muskelleiden, sondern womöglich für alle Störungen des Immunsystems gefunden werden. Denn noch immer, so erläutert Ketelsens Chef, der Immunbiologe Professor Hartmut Wekerle, seien diese »Autoimmunkrankheiten« eines der »rätselhaftesten Phänomene der Medizin«.
Zu den krankhaften Störungen der körpereigenen Abwehr rechnen Mediziner nicht nur viele Formen des Rheumatismus, sondern auch zahlreiche Hautkrankheiten, die geschwürige Darmentzündung ("Colitis ulcerosa"), das Nervenleiden »multiple Sklerose« und die chronisch aggressive Leberentzündung.
Hinter den vielfältigen Symptomen, so wird vermutet, verbirgt sich ein einheitlicher Entstehungsmechanismus, dessen Zentrum die rötlichgraue unauffällige Brustdrüse, der »Thymus«, ist. Hinter dem Brustbein und vor dem Herzen gelegen, beim Erwachsenen nur noch sechs Gramm schwer, reguliert der Thymus die Abwehrkraft des Organismus: In Freiburg hat deshalb schon so manche kleine Maus ihre Brustdrüse an die Wissenschaft verloren. In spezieller Nährlösung lassen sich deren Zellen dann immer weiter züchten.
Normalerweise entsteht dabei stets nur Thymusgewebe. Daß aus Drüsenzellen funktionsfähige Muskelzellen sprießen, kann sich Professor Wekerle nur so erklären: »Offenbar gibt es im Thymus Vorläufer- oder Stammzellen, die sich auf ein entsprechendes Signal hin teilen und zu Muskelzellen entwickeln.« Was diese »ortsfremden« Zellen »als solche im Thymus sollen, ist unbekannt«.
Offenbar geraten sie mit besonders wichtigen weißen Blutzellen, den »Lymphozyten«, ins Gehege. Der Körper eines Erwachsenen enthält davon rund eine Billion. Pro Minute werden jeweils zehn Millionen ausgewechselt. Produziert werden die Lymphozyten im lymphatischen Gewebe und im Knochenmark. Solange sie dort festsitzen, gelten sie als »Stammzellen«.
Gehen Lymphozyten in den Körperkreislauf des Blutes über, so widerfährt einem Teil von ihnen beim Passieren der Thymusdrüse Erfreuliches: Sie werden, wie die Immunforscher sagen, »veredelt": Aus »B"(lut)-Zellen werden »T"(hymus)-Zellen, unentbehrliche Helfer beim Kampf ums Überleben. T-Zellen steuern die Abwehr von Virus- und Pilzinfektionen, vernichten körperfremdes Gewebe und körpereigene Krebszellen.
Die Reaktion der Blutzellen nur »gegen körperfremde, nicht aber gegen gesunde körpereigene Strukturen« (Wekerle) wird gesteuert und notfalls gedämpft von »kontrollierenden Zellen« ("Suppressorzellen"). Sie sorgen dafür, daß die Immunreaktion sich in gesunden Tagen in vernünftigen Grenzen hält und nicht über das nötige Maß hinausschießt. Wekerle: »Autoimmunleiden entstehen, wenn diese Kontrolle versagt.« Dann kommt es, lehrt der Professor, zu einem »Bürgerkrieg der Lymphozyten«.
Er spielt sich, dem menschlichen Auge unsichtbar, an molekularen Strukturen der Zellen ab. Die aggressiven T-Lymphos schwärmen auf dem Blutweg von der Brustdrüse aus und S.211 attackieren ihre echten und auch die vermeintlichen Feinde überall, wo sie sie treffen. Dabei ist der eigene Tod einprogrammiert. Die Lymphos reißen freilich, je nach ihrer Zahl, mehr oder minder viele Feindzellen mit in den Untergang.
Diesen Gewebstod spürt der Patient im banalen Fall, wenn nur die Haut betroffen ist, als Juckreiz oder umschriebene Entzündung. Wählen sich die Lymphozyten zum Kriegsschauplatz hingegen Leber- oder Nervenzellen, so steht womöglich nicht nur das Wohlbefinden, sondern gleich das Leben auf dem Spiel. Bei der fortschreitenden Muskelschwäche, dem Freiburger Autoimmunmodell, greifen die weißen Blutkörperchen die eigenen Muskelzellen an und zwar genau dort, wo diese am empfindlichsten sind: Sie besetzen die Stelle, an der die Muskelzelle durch einen Nervenimpuls aktiviert wird.
Bisher war vermutet worden, daß die T-Lymphos dabei ohne alle Umwege vorgingen. Die Freiburger Max-Planck-Adepten -- eingedenk des weisen Wortes ihres Namenspatrons: Die Wissenschaft bewege sich in der »Richtung von den größeren zu den kleineren Irrtümern fort« -- sind nach vielen Laborexperimenten nun sicher, daß die Lymphos mit weiteren Blutzellen eine Kriegskoalition formieren. Wekerle: »Sie sind die Anstifter.« Dabei bedienen sie sich offenbar verschiedener Kriegslisten, »um das netzwerkartig ineinandergreifende Zusammenspiel« der verschiedenen Blutzellen in ihrem Sinne zu verändern. Auf der Strecke bleiben vor allem die mäßigenden »Suppressorzellen«.
Ist der innere Burgfrieden aller Zellen erst einmal gestört, entwickelt der Kampf seine eigene Dynamik. Immer neue Generationen der im Thymus aggressiv geprägten Lymphozyten entstehen. Aus diesem Grund nehmen Autoimmunkrankheiten gewöhnlich einen chronischen Verlauf. Bei der fortschreitenden Muskellähmung, an der auch der griechische Großreeder Aristoteles Onassis 1975 starb, werden zuerst nur die Augenlider, später Zungen- und Skelettmuskulatur schwach. Der Tod erfolgt durch Ersticken, weil schließlich auch die Atemmuskeln erlahmen.
Dabei beginnt das ganze Leiden offenbar durch einen Irrtum der Lymphozyten. Sie wenden sich, auf die ihnen eigene kämpferische Weise, gegen die paar Muskelzellen, die sich im Thymus, der Lympho-Heimat, bilden können. Wenn dieser Krieg der Zellen eskaliert, führt er zur »Autoimmunkrankheit«.
Bislang können die Ärzte bestenfalls die Symptome solcher Leiden lindern, indem sie das ganze Abwehrsystem mit Medikamenten dämpfen. Diese »Immunsuppression« erweist sich jedoch häufig eher als Fluch denn als Segen. Schaden nimmt dadurch nämlich auch die lebensnotwendige Abwehrkraft gegen Viren und Bakterien.
Wekerle und sein Team hoffen nun, vorerst im Rahmen »bloßer Denkmöglichkeiten, Gedankenspiele«, daß es gelingen könne, die liebenswert dämpfenden »Suppressorzellen« aus dem Körper »zu isolieren, sie dann außerhalb des Körpers in Kulturen zu vermehren und dem Patienten wieder zu injizieren« -- das wäre, endlich, die gegen die Ursachen eines Leidens wirksame Therapie.