Total cool, der Typ - DER SPIEGEL
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Total cool, der Typ

Er ist ein Kotzbrocken und ein begnadeter Diagnostiker, er rettet den Menschen das Leben, um sie dann abgrundtief zu beleidigen. Warum lieben alle den TV-Serienstar Dr. House? VON FRANK THADEUSZ
• aus SPIEGEL Wissen 1/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Merkwürdig: Man kann selbst das verhuschteste Mädchen aus der Nachbarschaft befragen - mit süßem Honigkuchengrinsen wird sie einem gestehen: »Dr. House? Total cool, der Typ!« Weiß diese Person eigentlich, wovon sie redet?

Würde ihr Dr. House (Hugh Laurie) im wahren Leben begegnen, wäre das Unglück programmiert: Umgehend kurbelte der Fernseharzt seine verbale Kettensäge an und zerlegte das Lämmchen in Scheiben. Warum also taugt dieser Egomane, Kotzbrocken und Fiesling plötzlich selbst netten Menschen zum Helden?

Was die Deutschen eigentlich von einem allzu offensiv auftretenden Menschenfeind halten, lässt sich beispielhaft an dem Schicksal des Schriftstellers Thomas Bernhard ablesen. Der zur Publikumsbeschimpfung neigende Griesgram ("Wir haben nichts zu berichten, als dass wir erbärmlich sind") führte eine von der breiten Masse wenig beachtete Nischenexistenz als Autor und musste seine Tage auf einem abgelegenen Hof in Oberösterreich zubringen - die Menschen wünschten Bernhard nicht zu sehen, und der wollte meistens auch in Ruhe gelassen werden.

Aber Dr. House wollen nun alle andauernd sehen, obwohl der viel schlimmer ist, als Thomas Bernhard je war. Sogar das »Deutsche Ärzteblatt« echauffierte sich: »Jedes Krankenhaus müsste ihn sofort entlassen - weil er Patienten beleidigt und Kollegen beschimpft.« Aber warum lieben ihn alle dafür?

Die Antwort liegt auf der Hand: Dr. House ist das Ventil zur rechten Zeit. Der Mann sagt, was andere nur denken. Und was andere von ihm denken, scheint ihm völlig schnurz. Berechtigte Kritik an den unfähigen Kollegen oder gar Vorgesetzten in süßliche Worte kleiden? Warum, wenn man den anderen auch direkt verletzen kann! Überstunden und Zusatzschichten? Wie denn, man ist schließlich zum Kino verabredet! So jedenfalls lebt es sich nach der Devise des Gregory House.

Und das ist das ganze Geheimnis? Vermutlich ist es kaum die halbe Wahrheit. Der allzeit renitente Rüpel bildet nur die leidlich heitere Oberfläche des Charakters House und soll vor allem die eher einfach gestrickten Zuschauer an die Serie binden (was auch gelingt) - in diesem Fall die Männer.

Vermutlich ist der Arzt eine der komplexesten Figuren, die je im Fernsehen zu sehen waren. Der Zuschauer klopft sich amüsiert auf die Schenkel und rätselt doch ständig: Was geht in diesem Mann eigentlich vor?

Er ist einsam und unglücklich, andere herunterzuputzen verschafft ihm offenbar kurz Luft in seinem steten Daseinskampf, aber nur um den Preis eines neuen Seelentiefs.

Das Krankenhaus ist der einzige Ort, an dem House funktioniert. Er »liest« geradezu im Seelenleben seiner Patienten, durchschaut ihre Lügen, erkennt ihr wahres Selbst. Nur sich selbst vermag er nicht zu helfen.

Warum das so ist, darüber gibt es Andeutungen: Das Verhältnis zu den Eltern ist schlecht, in einer Folge erzählt House, wie er von seinem Vater in Eiswasser gebadet wurde. Letztlich aber bleibt unklar, ob House seinem Gegenüber nicht eine riesige Räuberpistole auftischt und mit ihm wie so oft Katz und Maus spielt.

Tatsächlich bedient die Figur des begnadeten Diagnostikers in phänomenaler Weise die Bedürfnisse der weiblichen Zuschauer.

Hier drängt sich der Vergleich mit einem anderen großen Fernseharzt der jüngeren Geschichte auf: George Clooney als Kinderarzt Doug Ross in der Serie »Emergency Room«. Wer von beiden besser aussieht, mögen die Frauen entscheiden. Doch im Vergleich zu Ross ist House ein zum Bersten komplexer Charakter. Ross? Ein netter Kerl. Er weiß nicht so richtig, was er will, und lässt sich treiben wie ein großer Junge. House? Eine andere Liga.

Seit einem Arterienverschluss im Bein humpelt der Gebeutelte durch die Gegend und braucht trotz seiner relativen Jugend einen Gehstock zur Fortbewegung. Ein meisterhafter Kniff von House-Erfinder David Shore, denn wann hat man je einen Misanthropen gesehen, der Beschützerinstinkte weckt?

Überhaupt: Misanthrop wird die Figur House zwar allenthalben genannt, aber das ist Unsinn. Denn das Ekel hat sogar einen richtigen Freund. Kollege James Wilson ist nett und trägt, im Gegensatz zu House, auch stets einen frisch aufgebügelten Arztkittel. Natürlich kann auch Wilson seinen gallebitteren Kumpan mitunter kaum ertragen. Doch nach einem Ehekrach findet er Obdach bei House. In dieser Situation ereignet sich etwas Bemerkenswertes: House ist rasch genervt von seinem neuen Mitbewohner und schikaniert ihn, wo er kann.

Recht bald möchte der entnervte Wilson daher Reißaus nehmen und sucht eine eigene Wohnung. Doch House hintertreibt die Bemühungen und unterschlägt etwa den Anruf einer Maklerin. Will er den Freund wieder piesacken? Wohl kaum, denn als Wilson tatsächlich geht, ist House - für seine Verhältnisse - am Boden zerstört.

Der Gefühlskrüppel sucht verzweifelt Nähe, kann aber nichts mit ihr anfangen, wenn er sie bekommt. Bei den Frauen drückt der kaputte Doktor mit diesem Seelenschaden genau auf den richtigen Knopf.

Denn Frauen wollen diese Art von Männern gern retten. Deshalb ist es für einen Mann übrigens eine bewährte Masche, einer potentiellen Partnerin schon während des ersten Treffens die eigene Beziehungsunfähigkeit zu gestehen. Statt schleunigst zu verschwinden, wird die Frau nun alles daransetzen, den Typen umzudrehen.

Nur: House selbst muss gar nicht so richtig umgedreht werden, wie der Zuschauer verblüfft erfährt. Er war nämlich schon mal für ein paar Jahre liiert mit der aparten Stacy, die eines Tages unverhofft in der Serie auftaucht. Mit ihr scheint endlich jener Erkenntnisfunke aufzuscheinen, nach welchem jeder House-Junkie so verzweifelt lechzt: Möge sich doch endlich klären, was bloß mit diesem Menschen los ist!

Man ahnt schnell, dass die Beziehung zu Stacy eine böse Wunde bei House gerissen hat. Ließ sie ihn sitzen? Klar doch - aber nur, weil sie seine Dauerspöttelei und seinen Zynismus nicht mehr ertrug.

Und doch ist der Mann mit der Psyche eines Borderliners ein großer Verführer. Denn House wurde von seinem Schöpfer mit zwei unschlagbaren Waffen ausgestattet: einer messerscharfen Intelligenz und einem - wenn auch kruden - Sinn für Humor.

Also rettet er am laufenden Band Menschen in scheinbar auswegloser Situation, was für sich genommen schon reichen dürfte, um die meisten Mädchen rumzukriegen. Aber er ist auch ein Komiker. Es ist fraglos eine humoristische Großtat, einen hilflosen, aber auch unsympathischen Patienten mit Fieberthermometer im Hintern einfach seinem Schicksal zu überlassen.

So überrascht es kaum, dass Stacy - obwohl inzwischen verheiratet - dem Reiz des Ex wieder verfällt. Und was tut House? Er will nicht mehr. Die Begründung für diese unfassbare Verweigerung wäre an Kitsch kaum zu überbieten, stammte sie nicht aus dem Mund des Zwangscharakters: Zu groß sei die Angst, sie ein zweites Mal zu verlieren und dies nicht ertragen zu können, gesteht er der Geliebten.

Stacy mag daraufhin ihrer Wege gehen - die weiblichen Zuschauer hat House spätestens jetzt fest im Griff. Wie es allzu netten Mädchen allerdings mit dem hochsensiblen Teufel ergehen kann, dokumentiert drastisch das Verhältnis von House zu seiner vermutlich nur halb so alten Kollegin Allison Cameron.

Die Schöne will sich gegen den biestigen Tyrannen behaupten - und verfällt ihm doch zusehends. Schließlich gelingt es ihr, House zu einem Date in einem Restaurant zu überreden. Doch erwartbar endet der Abend mit dem Gefühlsgrobmotoriker furchtbar.

Aber selbst mit dieser Pleite dürfte der Wunderarzt beim weiblichen Publikum punkten. 99,9 Prozent aller Männer hätten der bezaubernden Allison nämlich nicht die Tür vor der Nase zugeschlagen. House macht aber genau das, was ja auch irgendwie für ihn spricht.

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