Computer Total verquer
Wenn Douglas ("Doug") Lenat, 43, über seine Mitarbeiter spricht, hat er unvermittelt Stahl in der Stimme: »Wer mit Cyc nicht klarkommt«, verkündet er im schneidenden Tonfall einer Mutter, die sich über unqualifizierte Babysitter beklagt, »der fliegt.«
Ganz ohne Ironie, dafür jedoch mit einem Lächeln, das selbst die Stoffaffen und Plüschpinguine in seinem vollgestopften Computerraum frösteln machen könnte, fügt der amerikanische Forscher hinzu: »Und gefeuert wird bei uns regelmäßig.«
Von Cyc (sprich: Ssaik), »drei Jahre jünger als meine Tochter« (Lenat), redet der Wissenschaftler zuweilen wie von einem zweiten Kind. Doch Cyc existiert seit zehn Jahren nur im Computer, als speicherfressendes Datengebilde.
Seine Kinderstube ist das Obergeschoß des High-Tech-Forschungszentrums MCC in Austin (US-Staat Texas). Cycs Babysitter heißen bei MCC offiziell »Knowledge Enterer« (Wissensvermittler).
Ihr Projekt, das von großen Computer- und Software-Unternehmen wie Digital Equipment, Apple, Bellcore, Kodak und Microsoft finanziert wird: Sie sollen Cyc Eigenschaften verpassen, die sich eigentlich nicht in Programmformeln abbilden lassen. Das System soll Alltagswissen speichern und den sprichwörtlichen »gesunden Menschenverstand« entwickeln.
Daß Wasser abwärts fließt, daß ein Mensch nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kann oder daß beim Einkaufen bezahlt werden muß - solch banales Grundwissen, das sonst in keinem Lexikon und in keiner Computerdatenbank abzurufen ist, muß dazu in Massen eingespeichert und verknüpft werden.
Cyc, die programmierte Enzyklopädie der Selbstverständlichkeiten, gilt inzwischen als das älteste und zugleich am stärksten umstrittene Forschungsprojekt zur Künstlichen Intelligenz (KI). Es sei der »letzte Versuch, den KI-Traum zu verteidigen«, unkt etwa Hubert Dreyfus, KI-Kritiker an der Berkeley-Universität und Autor des Klassikers »Die Grenzen Künstlicher Intelligenz«.
Lenat wird gleichwohl bei KI-Forschern nicht als Irrer abgestempelt, der Unmögliches versucht. Der amerikanische Computerpionier Alan Kay, der seine Karriere mit Lenat beim Elektronikhersteller Atari begann, hält den Cyc-Schöpfer sogar für »einen der zwei oder drei bedeutendsten Computerwissenschaftler in den USA«.
Den Namen für ihr Unternehmen haben die MCC-Forscher der Bibliotheksgeschichte entlehnt: Die Cyclopaedia (1728) des Engländers Ephraim Chambers wird als Prototyp des modernen Lexikons angesehen. Sie enthielt eine Vielzahl von Querverweisen, Supplemente sollten den Wissensschatz aufstocken.
Ähnlich funktioniert im Grunde auch Cyc. Das Programmsystem besteht aus Datenbank-Modulen, die nach dem Baukastenprinzip ergänzt werden können. Die digitalen Einträge lassen sich im Computerspeicher (verwendet werden beispielsweise Sun- oder Apple-Rechner) vielfach miteinander verknüpfen.
Cyc, schätzt die amerikanische KI-Zeitschrift AI Expert, sei vermutlich »das gewaltigste einzelne Programmiervorhaben in der Geschichte der Datenverarbeitung«. So hatten die meisten KI-Forscher bereits vor Jahren den Versuch aufgegeben, Alltagsweisheiten in logische Formeln zu fassen, mit denen Computer operieren können.
Lenat jedoch machte weiter, als letzter der KI-Kämpen. Dreieinhalb Millionen Dollar im Jahr investieren die beteiligten MCC-Firmen, damit er Cyc Binsenweisheiten beibiegt, die jedes Kleinkind von selbst lernt - etwa »nachts ist es dunkel«, oder »wer hungrig ist, muß essen«.
Der Grund für die Spendierfreude: Computersysteme, die einigermaßen mit den Gesetzmäßigkeiten des Alltags und der Umgangssprache vertraut sind, könnten zum Beispiel bessere Analysen über das Kaufverhalten von Warenhauskunden liefern. Auch alltägliche Anwendungen wie etwa der Umgang mit Datenbanken, hoffen die Investoren, würden durch intelligente Computersysteme wesentlich erleichtert.
Das Grundlagenwissen der Geistmaschine setzt sich aus sogenannten Mikrotheorien zusammen: kurze Speichereinträge, die einerseits formelhaft abgefaßt, andererseits hinreichend unscharf formuliert sind, um Alltagswissen zu beschreiben. »Was nicht festgehalten wird«, lautet etwa eine Regel aus der Mikrotheorie zur Alltagsphysik, »das fällt herunter.«
Mehrere Monate dauerte es beispielsweise, das System auf einen Satz von nur acht Worten vorzubereiten: »Napoleon starb im Jahr 1821; Wellington war traurig.« Damit Cyc den Inhalt der Aussage erfassen konnte, mußten zunächst Mikrotheorien über »Zeit«, »Leben«, »Kommunikation« sowie »Emotionen« entwickelt werden.
Auf widersprüchliche Eingaben soll Cyc, so wurde dem System antrainiert, mit Rückfragen reagieren. Ausgehend von Daten über Lebewesen, Gefühle und Kommunikation konnte Cyc schließlich auch Angaben über sich selbst abfragen und einordnen. Als etwa Tutorin Mary Shepherd am Bildschirm eintippte, daß sie Cyc möge, meldete sich das System irritiert mit einer Verständnisfrage: »Ist Cyc eine Person?«
Wie Eltern, die auf Lernerfolge ihres Sprößlings stolz sind, freuen sich die Entwickler, wenn das System ihre Erziehungsarbeit mit verblüffenden Aussagen belohnt. Immer häufiger gibt Cyc, der mehr als 8 Milliarden Informationseinheiten gespeichert hat (auf 20 Milliarden Bits wird die Kapazität des menschlichen Gehirns geschätzt), solche Kostproben.
So wurde beispielsweise, um dem System einen Begriff von »Freizeit«, »Hobbys« und »Sport« zu vermitteln, am Terminal ein Text über drei Männer eingetippt, die mit Surfbrettern am Strand posieren. Monate danach grub Cyc das sonnige Szenario aus und offerierte es den verdutzten Tutoren in ganz anderem Zusammenhang: Die MCC-Wissenschaftler hatten die Frage eingetippt, in welchen Situationen für Menschen eine Krebsgefahr bestehe.
Kinderspiel für einen Computer, dem Verknüpfungen ("Wenn Sonne, dann Hautkrebs") einprogrammiert werden können? Keineswegs. Denn es würde die Kapazität des Rechners sprengen, wenn er Milliarden solcher Verbindungen zwischen Millionen von Fakten aus Tausenden von Wissensgebieten einzeln speichern müßte - er soll sie selber herstellen.
Sein Software-Gebilde, behauptet Lenat, verstehe inzwischen drei Viertel der Texte in der amerikanischen Tageszeitung USA Today. Pro Absatz müsse das System allerdings noch ein- bis zweimal »nachfragen«. Das Alltagswissen von Cyc, preist der Forscher seine Datensammlung, entspreche bereits jetzt dem eines durchschnittlichen 14jährigen.
Nicht nur Cyc, der ganze Ansatz sei ziemlich beschränkt, wenden dagegen Lenats Kritiker ein. Als »total verquer« kritisiert KI-Professor Igor Aleksander vom Imperial College in London das Ziel des Projekts.
Lenat habe sich, lautet der Vorwurf aus der Forschergemeinde, einen Golem aus Software statt aus Lehm gebacken. Mehr als vier Millionen Alltagsweisheiten hat Cyc inzwischen verinnerlicht, gleichwohl versteht das System nach wie vor nur kryptisches Formelkauderwelsch. Ohne seine Tutoren kann Cyc weder lernen noch mit der Außenwelt kommunizieren (siehe Interview).
Das wuchernde Software-System, so der Verdacht, diene einer surrealen Arbeitsbeschaffung für KI-Verrückte. »In wenigen Jahren«, hält Lenat dagegen, werde Cyc selbstverständlicher »Bestandteil von PC-Betriebssystemen«.
Doch allzu optimistisch klingt der Forscher dabei nicht: »Manchmal«, räumt er müde ein, »fühle ich mich mit Cyc ziemlich alleine.« Y