TIERTRANSPORTE Tote Delfine an Bord
Vor den Olympischen Spielen in Sydney verwandeln sich zwei Jumbo-Jets der Lufthansa in fliegende Boxen. Rund 240 Spring-, Dressur- und Military-Pferde aus 25 Ländern werden im Spätsommer mit der deutschen Fluglinie zu den Wettkämpfen reisen. »Komfortable Pferdeställe mit gepolsterten Wänden und Decken und rutschfestem Bodenbelag garantieren einen sicheren Transport«, wirbt das zuständige Unternehmen Lufthansa Cargo.
Doch nicht allen tierischen Passagieren lässt die Frachtfirma einen derart exquisiten Service angedeihen. Auf einem Lufthansa-Flug von der ghanaischen Hauptstadt Accra nach Frankfurt starben Anfang des Jahres etliche Geckos, rund 50 Chamäleons, ein Dutzend Sumpfschildkröten und mehr als 100 Skorpione. Einige Tiere waren vertrocknet, andere wurden erdrückt.
Im Stockwerk unter den menschlichen Fluggästen drängten sich zudem ungefähr 40 zusammengeknäuelte Steppenwarane, einige von ihnen länger als einen Meter, in einem Leinensack. Auf dem Frankfurter Flughafen befreiten Amtstierärzte die Reptilien aus ihrem Gefängnis. Zwei von ihnen starben, vermutlich an Stress und den Folgen von Platz- und Luftmangel. Die anderen erholen sich seither in einer Pflegestation für beschlagnahmte Reptilien in Brandenburg.
Der jetzt vom Tierschutzverband Pro Wildlife publik gemachte Vorfall war mitnichten die erste Tragödie in einer Lufthansa-Maschine. Zwar hat die deutsche Airline bei den heiklen Tiertransporten bessere Standards als viele andere Frachtunternehmen. Trotzdem geschehen immer wieder Pannen.
»In ungefähr sieben einzelnen Verfahren ermitteln wir derzeit wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz bei Tiertransporten in und durch den Flughafen«, sagt der Frankfurter Oberstaatsanwalt Hellmut Koller. Mitarbeitern des Zolls zufolge laufen gegenwärtig sogar zehn Ermittlungen wegen Verstößen gegen Gesetze und Bestimmungen auf Lufttransporten; in den meisten Fällen seien die Tiere von Lufthansa Cargo transportiert worden.
Den Verantwortlichen drohen bis zu drei Jahre Gefängnis. Nach Paragraf 17 des Tierschutzgesetzes wird bestraft, wer »ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet« oder ihm »länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt«.
Allerdings muss nicht nur Lufthansa Cargo eine Anklage fürchten. »Es wird auch überprüft, ob die tierärztliche Grenzkontrollstelle am Flughafen mit dem erforderlichen Ernst allen Einzelfällen nachgeht«, sagt Oberstaatsanwalt Koller.
Die Tierärzte dieser Kontrollstelle sollen im Auftrag des Landes Hessen Übelstände melden und über Tiere wachen, die in Frankfurt landen und starten. Dass die Veterinäre ihren Job nicht immer mit der gebotenen Sorgfalt ausüben, legt ein Lufthansa-Transport vom vergangenen Juni nahe.
Die Fluggesellschaft hatte damals 35 Wüstenfüchse von der sudanesischen Hauptstadt Khartum gen Frankfurt geflogen. Obwohl die großohrigen Tiere offenbar ausgehungert waren, ließen die Amtstierärzte sie nach Johannesburg weiterfliegen - ein Trip, auf dem drei starben.
Für die restlichen Füchse, durch Bisse oder Stöße schwer gezeichnet, war die Tortur noch nicht beendet. Weil die Lufthansa die Tiere anscheinend ohne ausreichende Gesundheitsdokumente befördert hatte, wurden sie von den südafrikanischen Behörden via Deutschland zurück in den Sudan geschickt. Dass beim abermaligen Abfertigen in Frankfurt die drei verendeten Tiere fehlten, fiel keinem der Tierärzte auf.
Während die Veterinäre, aufgeschreckt durch die Frankfurter Staatsanwälte, inzwischen penibler arbeiten, hat Lufthansa Cargo damals zwar »Arbeitsfehler« eingeräumt - aber nicht beheben können. Kurz nach der Odyssee der Wüstenfüchse, im vorigen November, gab es erneut Tote an Bord einer Lufthansa-Maschine. Auf dem Flug von Frankfurt nach Buenos Aires traf es diesmal zwei wild gefangene Delfine. Woran genau die Meeressäuger eingingen, haben Frankfurter Zollfahnder bis heute nicht ermitteln können.
Die Luftlinie redet von »vereinzelten Fehlleistungen, gegen die auch Lufthansa Cargo nicht gefeit ist«. Vom Transport exotischer Tiere will die Airline generell nicht lassen. Zwar befördert sie derzeit keine Reptilien mehr - doch nicht aus Sorge um die Kreaturen. Es gehe darum, so ein Lufthansa-Sprecher, Mitarbeiter vor giftigen Schlangen und bissigen Alligatoren zu schützen.
Sensibler als die Lufthansa reagiert die niederländische Fluggesellschaft KLM auf Pannen. Weil Einreisepapiere fehlten, wurden vergangenes Jahr auf dem Flughafen in Amsterdam 440 KLM-Passagiere, Erdhörnchen, bei lebendigem Leibe durch den Fleischwolf gedreht. Mit Ausnahme von Zierfischen fliegt die KLM seit diesem Fiasko keine Wildtiere mehr. JÖRG BLECH